In der Charta von San Franzisko, dem Statut der UNO, behandelt das achte Kapitel das Thema "Regionale Abmachungen". Innerhalb des Gesamtprogramms des zweiten Weltvölkerbundes war das zunächst kaum mehr. als eine Nebenfrage. Die "Vereinten Nationen" sollten vor allem das sein, was ihr Name besagt: Ein Zusammenschluß gleichberechtigter nationaler Staaten, wobei die dem alten Begriff der Souveränität zugemuteten Opfer unmittelbar zugunsten des Weltfriedens gefordert wurden. Der Universalgedanke stand derart im Vordergrund, daß regionale Zusammenschlüsse nur nebenbei erwähnt wurden, als etwas immerhin auch Zulässiges, als ein untergeordnetes Hilfsmittel. Es wurde zwar zum Ausdruck gebracht, daß beschränktere übernationale Organisationen, wie etwa die panamerikanische Vereinigung, auch innerhalb der UNO ihre Existenzberechtigung behalten sollten. Ausdrücklich aber wurde bestimmt, daß regionale Instanzen ohne Ermächtigung durch den Weltsicherheitsrat keinerlei Zwangsmaßnahmen gegen irgendeinen Staat ergreifen dürften, es sei denn, es handelte sich um eine Erneuerung der Angriffspolitik seitens Deutschlande oder seitens eines anderen Gegners des zweiten Weltkrieges, Und auch derartige Schritte regionaler Selbsthilfe, die angesichts der völligen Machtlosigkeit der ehemaligen Feinde der Vereinten Nationen niemals eine politisch reale Bedeutung haben konnten, sollten nur während einer Übergangsperiode statthaft sein, nämlich bis zu dem Zeitpunkt, in dem die universale Organisation der UNO selbst die Pflichten der Friedenssicherung übernehmen könnte. Eine entscheidende Rolle war den regionalen Vereinbarungen und Organen in der Charta von San Franzisko nicht zugedacht.

Es ist daher nicht ohne historische Ironie, daß – Präsident Truman gerade auf einer Regionalversammlung, nämlich auf der panamerikanischen Konferenz von Petropolis, seiner Enttäuschung über die universale Entwicklung seit dem Siege beredten Ausdruck verliehen hat. Er legte ein erneutes Bekenntnis zur UNO und zu ihrer Verfassung ab, betonte aber, daß sie Belastungen ausgesetzt wäre, für die man sie nicht geschaffen hätte, Truman sagte: "Es ist die Aufgabe der UNO, den Frieden zu bewahren, nicht aber den Frieden herbeizuführen." In diesem Satz liegt letzten Endes die Auflösung der Illusion: Sieg = Friede, die der Welt schön in der Epoche nach 1918 erheblich geschadet hat. Und es ist heute allerdings offensichtlich, daß der echte Friede, der immer mehr ist als nur ein Nichtkrieg, erst zu. gewinnen, nicht aber als ein bereits vorhandener Besitz nur zu beschützen ist. Der amerikanische Präsident hat in Petropolis weiterhin von der starken Zunahme der gemeinsamen Bedeutung der amerikanischen Nationen auf dem Gebiet der Weltpolitik gesprochen. Er hat die "Alte Welt’, also Europa, als erschöpft und in ihrer Zivilisation gefährdet bezeichnet und zugleich, betont, daß Europas Hoffnung die "Neue Welt", also die amerikanische Völkerfamilie, Sein müßte. Auch hierin liegt ein eindeutiger Hinweis darauf, daß die wirklichkeitsnahe Friedenspolitik der Zukunft es nicht einfach mit nationalen Einzelstaaten und einer zentralen Weltorganisation, sondern gerade mit verschiedenen Völkergruppen, also mit "regionalen" Verbänden, zu tun hat.

Diese zugleich bescheidenere und realere Bewertung der übernationalen Möglichkeiten beginnt sich allgemein durchzusetzen. Man kann geradezu eine Wendung von der universalen Utopie zur regionalen Wirklichkeit feststellen. Die Weltpolitik wird am wenigsten auf den Sitzungen des Weltsicherheitsrats gefördert, und es ist zu bezweifeln, ob es der Vollversammlung der UNO gelingen wird, in der Vetofrage über den toten Punkt hinwegzukommen. Es hieße aber die Lage übervereinfachen, wenn man sich darauf versteifen wollte, den Ost-West-Gegensatz allein für alle Fehlschläge der Nachkriegspolitik verantwortlich zu machen. Der Mangel an regionalem Denken und Planen war auf alle Fälle stärkstens mitbeteiligt.

Zwar wird die Völkergruppe östlich des Eisernen Vorhangs im wesentlichen durch Macht zusammengehalten, und wäre folglich ohne Macht in ihrer gegenwärtigen Form kaum denkbar. Aber der Westen, der ohne eine zentrale Machtapparatur auskommt, läßt deutlich erkennen, wieviel freie lebendige Wirklichkeit man ausläßt, wenn man unmittelbar vom Nationalstaat zu einer Weltorganisation verstoßen will. Denn dieser Westen besteht keineswegs einfach aus der Summe seiner Einzelstaaten. Die "Zwischeninstanzen" sind hier gerade das Wesentliche, das politisch, wirtschaftlich und kulturell Ausschlaggebende. Das gilt nicht allein für Panamerika, sondern noch stärker für das britische Commonwealth, für die arabische Liga und nicht zuletzt für Westeuropa, also für das Gebiet, das wir schon immer mit einem Gemeinschaftsnamen, als "Abendland" bezeichnet haben. Die Völkergruppe – schöner gesagt; die Völkerfamilie – ist-heute im Rahmen der Weltpolitik von überragender Wichtigkeit. Und die Völkerfamilie ist zugleich der "politische Ort" des Übernationalen, die! Instanz also, durch die sich die längst überholten Vorurteile einer letzten nationalen Souveränität am ehesten überwinden lassen, Die Utopisten des Weltstaatgedankens würden dem Frieden der Welt einen weit größerem Dienst erweisen, wenn sie ihre Blicke etwas weniger "in die Ferne schweifen" ließen; Denn jede wahrhaft befriedete, Völkerfamilie ist ein wichtigerer Beitrag zum Weltfrieden als ein noch so schön erdachtes Universalexperiment

In den letzten Wochen sind rapide Fortschritte auf dem Wege von der Illusion zur Wirklichkeit zu verzeichnen. Es läßt sich geradezu von einer Schockwirkung der Realitäten sprechen. Angesichts schwerer Krisenerscheinungen in England und auf dem europäischen Kontinent hat sich fast über bei der Regierung der USA die Erkenntnis durchgesetzt, daß Eile dringendst geboten ist und daher das ursprünglich vorgesehene Tempo des Marshall-Planes nicht genügt, um mit den Ereignissen Schritt zu halten. Der stellvertretende amerikanische Staatssekretär, Robert Lovett, erklärte, auf einer Pressekonferenz in Washington, daß amerikanische Hilfe für Europa innerhalb der allernächsten Monate notwendig wäre und nicht erst im nächsten Jahr. Er verwies besonders auf schlechte Ernteergebnisse und auf die von England aus um sich greifende Finanzkrise und verschwieg nicht, daß alle bisherigen Berechnungen über den Haufen geworfen sind. Noch deutlicher sprach sich der amtierende Direktor der Abteilung für internationale Handelspolitik im amerikanischen Außenamt, Paul Nitze, aus. Ihm hat offensichtlich schon der Bericht des Leiters der Planungsabteilung im Außenministerium, Kennan, über seine Europareise vorgelegen. Auch Nitze unterstrich die Dringlichkeit der Europahilfe. Zugleich aber brachte er zum Ausdruck, was Amerika von Europa als Gegenleistung, als tatkräftige Selbsthilfe erwartet: Irhöhung der eigenen Erzeugung, Bereitschaft zur wechselseitigen Hilfeleistung der europäischen Staaten, einen möglichst, ungehinderten Güterverkehr innerhalb Europas, einen Plan zur Währungsstabilisierung, die Bekämpfung des Schwarzen Marktes, und eine energische Planung mit dem Ziel der wirtschaftlichen Unabhängigkeit. Europas von Amerika innerhalb weniger Jahre. Nitze betonte, daß sich die USA einen weiteren Niedergaig Europas: weder moralisch, noch wirtschaftlich, noch politisch leisten könnten, daß es daher auf lange Sicht kostspieliger wäre, die Hilfe zu versagen, als sie zu gewähren. Lovett sowohl als Nitze sprachen von England, Frankreich, Italien "und anderen Staaten", die der sofortigen Unterstützung dringend bedürftig sind. Deutschland wurde nicht mitgenannt, aber fraglos war Deutschland mitgemeint.

Denn soviel ist klar: Wer europabewußt ist, muß auch deutschlandbewußt werden. Solange man einen abstrakten Weltfrieden plante, war die Fiktion, Deutschland ließe sich einfach vergessen, allenfalls möglich. Aber das konkrete Europa, die wirkliche europäische Völkerfamilie, kann gar nicht gesunden, wenn Deutschland verkümmert und verkommt. Die Umstellung des Denkens auf die Regionalität läßt keine Illusionen mehr zu. Als Sir Sholto Douglas auf einer Pressekonferenz noch Bekanntgabe des neuen Industrieplans gefragt würde, wie es komme, daß die Höhe des Planes vom März 1946 heute als unzureichend angesehen werde, sagte er: "Wir haben uns nicht vorstellen können, welche bedeutende Rolle Deutschland bei der Gesundung Europas, im ganzen gesehen, spielt." Deutlicher läßt sich kaum ausdrücken, zu welch fruchtbaren und realpolitischen Ergebnissendas regionale Denken führt. Der neue Industrieplan ist fraglos nicht der Sorge um Deutschland, sondern der Sorge um Europa zu verdanken. "Wir müssen Deutschland, oder richtiger die britischamerikanische Zone, als Teil Europas betrachten, nicht nur als eine Art Konzentrationslager, schrieb kürzlich die "New York Times".

Auch der zweite Industrieplan ist noch ein Konpromiß. Victor Gollancz und Richard Stokes sind nach der Rückkehr von ihrer Deutschlandreise mit allem Nachdruck für die Einstellung der Demontagen in der britisch-amerikanischen Zone eingetreten. Das ist europäisch gedacht. Denn es versteht sich von selbst, daß jede Demontage in Deutschland ein Verlust für Europa ist. Deutsche Industrieanlagen, die nach dem Osten geschickt werden, scheiden ohnehin aus dem europäischen Potential aus, und bei Lieferungen innerhalb Westeuropas entsteht ein regionales Defizit durch das außerordentliche Mißverhältnis zwischen Abbruchskosten zuzüglich Wertausfall am alten Standort und dem Wertzuwachs am neuen Standort. Die Idee der Reparationen aus deutscher Substanz ist durch die neueste Entwicklung gründlich überholt, da in jedem Europaplan eine Schwächung der europäischen Substanz sinnwidrig sein müßte. Es ist zu hoffen, daß die Delegation des amerikanischen Kongresses, die zur Zeit im Hinblick auf den Marshall-Plan Europa bereist und Deutschland als zweites Land, unmittelbar nach England, aufgesucht hat, zu ähnlichen Schlußfolgerungen gelangen wird wie Gollancz und Stokes. Und ganz allgemein wäre es nur folgerichtig, wenn auf dem Wege über die Europapolitik die Deutschlandpolitik dahingehend revidiert würde, daß in einem dritten Industrieplan nur noch von Produktionsvermehrung und überhaupt nicht mehr von Produktionsbeschränkung die Rede wäre, soweit Friedensgüter, in Frage kommen. Wenn man das Ziel erreichen will, Europa innerhalb weniger Jahre von amerikanischer Hilfe unabhängig zu machen, so muß man vorwärts blicken auf den europäischen Standard von 1951, nicht rückwärts auf den deutschen Standard von 1936, von 1932 ganz zu schweigen.