Während der Ausbruch des Krieges in Brasilien zunächst sehr großeBesorgnisse hervorgerufenhatte, da man die traditionellen europäischen Märkte entschwinden sah, erfolgte mitdem Kriegseintritt Amerikas für die brasilianische Wirtschaft die entscheidende Wendungder Lage. Es wurden für Rohstoffe, langfristige Orders zu hohen Preisen erteilt, sichere Absatzmärkte garantiert und ausgedehnte Investitionen zur Entwicklung der nationalen Hilfsquellen vorgenommen. Der Absatz der Kaffee-Ernte erfolgte überden Weg des Inter-American-Coffee Agreement;die Vereinigten Staaten nahmen Kautschuk, Öle, Wachs, Nüsse;England kaufte Reis, Häute,Fleisch, Mineralien, deren Produktion zu normalen Zeiten als zu kostspielig unterblieb,wurden über Nacht zu strategisch begehrtenObjekten. So stieg die Quarzerzeugung von 680 t in 1939 auf 2400 t in 1943, diejenige an Tantalit von 25 tauf 201 t, an Wolfram von2 t auf 2309 t. Ähnlich verhält es sich mit Diamanten und Glimmer. Im Zuge dieserEntwicklung gelangten sogar die lang gehegten Träume einer eigenen Schwerindustrie zur Erfüllung: es wurden die Stahlwerke von Volta Rodonda erstellt, eine nationale Motorenfabrik wurde errichtet und das Rio Doce Unternehmen zur Gewinnung von Eisenerzen ins Leben gerufen.

Die vorerwähnten hohen Exportpreise fanden ihren sichtbaren Niederschlag inder Gestaltung der Handelsbilanz (in Mill. Cruzeiros):

Das Defizit der Vorkriegszeit verwandelte sich in einen Überschuß, der 1946 den Gesamtexportwert von 1937 überstieg. Es ist dabei bemerkenswert, daß sich die Volumina für die Ein- und Ausfuhr (4 bzw. 5 Mill. t) wenig änderten, d. h. die günstige Gestaltung ausschlaggebend auf den steigenden Erlösen beruhte. Während Agrarprodukte und Rohstoffe in England und den USA Absatz fanden, eröffneten sich für die Fertigfabrikate, namentlich Textilien, neue Märkte in Südafrika und Südamerika. Preise und Profite erreichten nie für möglich gehaltene Höhen. Bei einem Produktionswert der Textilindustrie von 4,4 Mrd. Cruzeiros in 1944 schätzte man die Nettogewinne auf 2,2 Mrd. Cr. Die Geldflut führte zur Gründung neuer Industrien: die Erzeugung von Papier, Glaswaren, Leder, Schuhwaren, Kunstseide, Autoreifen usw. wurde aufgenommen.

Entgegen dem bisherigen Verlauf hat sich nun die Exportlage 1947 merklich verschlechtert. Im ersten Quartal d. J. ergab sich bei den Fertigwarenerzeugnissen ein wertmäßiger Ausfuhrrückgang um 40 v. H. Diese Entwicklung hat natürlich die ungünstigen Faktoren, die hinter der glänzenden Fassade verborgen waren, mit schmerzhafter Deutlichkeit in den Vordergrund gerückt. Zu erwähnen wären in erster Linie die Währungs- und Zinsinflation, das Auseinanderklaffen der Produktionstrends von industrieller zu agrarer Erzeugung, die sehr schlechte Verkehrslage, die überdurchschnittlich gestiegenen Herstellungskosten der brasilianischen Industrie und die sinkenden Devisenreserven.

Der Notenumlauf erhöhte sich von 4,5 Mrd. Cr.im Dezember 1939 auf fast 18 Mrd. Cr. Ende 1945. Die Herausgabe von Kriegsbons (von denen etwa 3 Mrd. Gr. gezeichnet wurden) und das Equipment-Certificate-Verfahren (der Versuch, die umlaufenden Mittel durch steuerliches Entgegenkommen für zukünftige Kapitalinvestierungen abzuschöpfen) konnten die Inflationstendenz nicht aufhalten. Im ersten Vierteljahr 1946 wurdenkeine neuen Noten ausgegeben, doch ließ sich diese Restriktionspolitik nicht durchführen. Der Notenumlauf nahm im letzten Jahr erneut um etwa 2,6 Mrd. Cr. zu, welcher Betrag ungefähr dem Budget-Defizit 1946 entspricht; er betrug Ende Dezember 1947 mit 20,4 Mrd. Cr. das Vierfache der Vorkriegszeit. Der Kleinhandelsindex für Lebensmittel stieg von 100 in 1939 auf 419 im Mai d. J. Die Zinssätze sind bis auf 15 v. H. geklettert, kleinere Privatbanken müssen 5 v. H. für Dreimonatsgeld geben. "Ausbeutung von Brasilianern durch Brasilianer" nannte derUSA-Schatzsekretär bei seinem Besuch in Rio dieses Zinsgebaren.

Die Bevölkerung Brasiliens wuchs von 1933 zu 1944 um20 V. H. – Die Produktion von Rohmaterialien und Lebensmitteln zeigt folgende Entwicklung (1925–1929 gleich 100):

Die Lebensmittelerzeugung, ist also gegenüber der industriellen Tätigkeit völlig ins Hintertreffen geraten. Zu der ungenügenden Nahrungsproduktion tritt der Mangel an Lagerungsraum und Transportmöglichkeiten. Man kann in Rio holländische Kartoffeln, amerikanische Bohnen, ägyptische Zwiebeln und argentinische Butter und Früchte billiger kaufen, als einheimische Produkte. Die Tatsache, daß die brasilianische Hauptstadt über keine geordnete Versorgung an Frischmilch verfügt, charakterisiert die Verkehrsnot. Kapital und Arbeit sind während des Krieges von der Landwirtschaft in die große Profite und höhere Löhne verheißende Industrie übergegangen. Es gilt jetzt, dieses gestörte Gleichgewicht in Ordnung zu bringen.