Daß ganz Deutschland in ein großes Getto verwandelt sei und die Deutschen daher anfingen, typische Gettoeigenschaften zu entwickeln, kann, man in letzter Zeit immer häufiger hören. Es ist nötig, sich mit einem solchen Urteil auseinanderzusetzen, denn wie bei allen allgemeinen Behaupbesteht auch hier die Gefahr, daß sich an Worte falsche Begriffe heften. Dadurch aber könnte das was richtig klingt und in manchem auch zutreffen mag, auf ganz falsche Ursachen zurückgeführt und zu einem mißverstandenen Schlagwort werden, mit Hilfe dessen man törichte Beweise führt und ungerechte Anklagen erhebt. Ja, es könnte sogar ein solches Wort ein Selbstbedauern, ein Selbstentschuldigen herbeiführen, das lähmend auf alle Initiativen wirken muß.

Unter einem Getto versteht man die Stadtviertel. oder Straßen, in denen ausschließlich Juden wohnen. Früher lebten sie dort in den meisten europäischen Ländern und im Vorderen Orient Hinter Zwang. Die Tore wurden nachts -geschlossen, und auf Gesundheit; sanitäre Verhältnisse und der Belegung bei den dort Zusammengedrängten wurde keine Rücksicht genommen. Später, als die Beschränkungen aufgehoben wären, fiel doch enge Zusammenwohnen häufig nicht fort, weil der Antisemitismus, weiter wie ein drückender Zwang fortwirkte, auch nachdem auf dem Papier die Gleichberechtigung der Juden anerkannt war. Der gelbe Stern, der im Mittelalter – und in Deutschland wieder zur Nazizeit – von den Juden als Kennzeichen getragen werden mußte, blieb unscheinbar bestehen und schloß auch später in vielen Landen: die Juden von bestimmten Berufen und gesellschaftlichen Verbindungen aus. Diese zwangsweise Abschließung, die den alten Gettogeist lebendig erhielt, fand eine positive Ergänzung durch die freiwillige Absonderung, die viele Juden selber vornahmen, für die in erster Linie religiöse Gründe Und Traditionen maßgebend waren und die eine Assimilierung, ein Angleichen an andere Völker verhinderte.

Eine solche freiwillige Gettogesinnung legten die Deutschen sich selber bei, als sie Hitler ans Regiment riefen und die Nazis Deutschland beherschten. Sie schlossen sich in ihrer "Weltanschauung" von dem größten Teil der übrigen Welt ab. sie verkehrten politisch auf gleichem Fuße nur mit faschistischen Mächten, sie führten mit den Nürnberger Gesetzen Ehebeschränkungen ein, die das Recht der freien, individuellen Wahl aufhoben, und entwickelten zugleich eine Abstammungslehre, die viele Deutsche von Berufen und gesellschaftliebes Verbindungen ausschloß.

Zweifellos, damals begann in Deutschland eine Gettogesinnung sich auszubreiten, die nur deshalb den Deutschen selber nicht ohne weiteres deutlich wurde, weil es ihnen wirtschaftlich nicht schlecht ging. Da man von der Welt sich abgeschlossen hatte, schuf man sich ein eigenes Recht und eine – eigene Moral. Dies ging nicht ohne weiteres vonstatten. Der Widerstand war ganz allgemein stärker und dauerhafter, als man im Ausland glaubt. Es war auch bei den meisten, die sich der neuen Gesinnung hingaben, immer noch, mehr oder minder unterdrückt, der Ruf des Gewissens vorhanden, eine zum mindesten passive Resistenz gegenüber Anordnungen, die man nicht billigen wollte, denen zu widersprechen man aber nicht wagen konnte. So kam es dazu, daß – viele ihr Verhalten vor sich selber entschuldigen. – Kann man denn, so fragten sie sich, von uns verlangen, daß wir freiwillig Amok laufen in die Konzentrationslager hinein, zum Galgen oder zum Richtblock? Doch diese Art, wie sie sich rechtfertigten, zeigt, daß das Gefühl, unter neuen Bedingungen, zu stehen, nicht mehr der alten Kulturwelt anzugehören, – sich immer stärker durchsetzte. Eine jahrelange Absonderung; selbst wenn sie unter einem verhaßten Zwang erfolgt, muß eine Gettogesinnung hervorrufen. Auch der Märtyrer bleibt, eben durch sein Martyrium, von der Gesinnung seiner Peiniger abhängig.

Die Abschließung nach außen zwar war zunächst nicht sehr, sichtbar. Zeitungen kamen anscheinend. frei nach Deutschland. Doch wurde jede Ausgabe unterdrückt, die eine scharfe Kritik oder unerwünschte Nachrichten enthielt. Was drohend hätte klingen können, wurde von der Zensur – in den Nachrichtenbüros zu einer lächerlichen Geste umgefälscht. Auslandsreisen wurden durch Devisenzuteilung eingeschränkt oder in Massenveranstaltungen so gelenkt, daß ein freier Meinungsaustausch oder die Möglichkeit, sich einen eigenen Überblick zu schaffen, verhindert wurde. Alle offenen Nachrichten wurden auf das Gebiet mündlicher Überlieferungen auf – ein Hörensagen also, verwiesen und damit verdächtig gemacht.

Dies führte, dazu, daß ein übertriebener und überheblicher Nationalismus entstand, der die natürliche Folge jeder Gettogesinnung ist. Es’setzte sich bei vielen die Überzeugung durch, die Deutschen seien ein auserwähltes Volk. Um so stärker wurde die Berechtigung empfunden, auch die Gesetze der Moral umzuschaffen. Charakterlich schwache Individuen wurden so dargebracht, entsetzliche Grausamkeiten zu begehen, vor denen sie vor der Nazizeit zurückgeschaudert wären. Die seelische Verwandlung wurde durch eine zynische Propaganda weitergetrieben, die bewußt jeden Anlaß benutzte oder fälschte, um die Leidenschaften aufzustacheln.

Das deutsche Volk hat für seine Absonderung von der Welt entsetzlich büßen müssen, und als die Niederlage da war, trat ein seelischer Zusammenbruch ohnegleichen ein. Stärker noch als Krieg, Bomben, Zerstörung, Tod, Vertreibung, Vergewaltigung und Hunger rüttelten die Nachrichten Witt die Konzentrationslager, über die dort verübten Greuel, die nur wenigen bekannt gewesen waren, das stumpf gewordene Gewissen auf. Es entstand eine echte Sehnsucht, wieder den Anschluß an die Welt zu finden, zurückzukehren zu den allgemeinen Grundsätzen der Menschlichkeit und all-Rechts, ein ehrlicher Wille, Menschlichkeit um des Unrecht zu büßen, das manche bewußt, viele das bewußt anderen Menschen und Völkern angetan hatten. Die Tore zu dem selbstgewählten Getto, die Deutschland verschlossen hatte, waren zerbrochen. Wohl war man sich klar, daß harte Friedensbedingungen das Leben erschweren würden, doch was wog das im Vergleich zu einer weder-– gewonnenen Freiheit der Gesinnung?