Novelle von Karl N. Nicolaus

Mein Lieber. Sie sind ein Narr! Denn. Sie wollen Dinge begründen. die gar keiner Begründung bedürfen!" Dies sagte Ursula zu Beginn der Unterhaltung an jenem Abend, an dem sie dann meine Geliebte wurde... Nun gehöre ich zu denen, die mit Eifer Narren sind: ich habe nämlich leider gefunden, daß es allein die Narren sind, bei denen man wenigstens ein. bißchen Vernunft findet. Ich protestierte daher nicht gegen Ursulas Vorwurf. Ich fragte nur: "Warum ist es falsch, einen Grund zu suchen?"

"In der Physik mag’s richtig sein", entgegnete sie, "und für Juristen wohl auch ein gangbarer Weg. aber in Dingen der Liebe ist es Unfug, nach Gründen zu suchen. Sie zerbrechen sich den Kopf, warum die eine jenen Mann liebt und jene einen anderen. Sie werden; nie dahinterkommen! Es hat nichts mit Vernunft zu tun."

"Die Liebenden, die Narren und die Dichter sind ganz und gar aus Einbildung gemacht! So sagt Shakespeare!" entgegnete ich etwas leiernd wie eine Grammophonplatte. "Aber meine Einbildung. strebt danach, ein Motiv zu finden, ein Gesetz vielleicht!"

"Sie werden es nie erfahren!" sagte Ursula lässig. "Wie sollte sich beispielsweise begründen lassen, daß ich – Sie liebe?"

Ursula sagte es leichthin, als hätte eben die Bemerkung vom Stapel gelassen, daß es nach Regen aussehe für den nächsten Tag. Ihre grünen Augen bildeten mich an und auch an mir vorbei, In ihrem rötlichen Haar hatte sich der Abendsonnenschein niedergelassen wie in einem Nest. Ihre Stirn war etwas kraus, als versuche sie, die Maske des Tages abzustreifen, wie wenn ein Tier sich häutet.

"Ursula. Sie lieben mich ja gar nicht!" sagte ich. "Aus Ihnen spricht einfach die Kühle von vielen Nächten, in denen Sie allein waren. Ich habe Ihnen da nur einen einzigen mageren Vorteil zu bieten: daß Sie mir alles sagen können. Ich bin ohne Eifersucht und ohne Vorurteil. Ich bin bestenfalls der Schuttabladeplatz für Ihre abgetanen Gefühle. Wie gesagt, man kann mir alles sagen! Und Sie machten Gebrauch davon. Aber ich möchte nicht, daß Sie sich einreden, mich zu lieben!"