Von Carl Georg Heise

Hamburg und sein Kunstverein hatten, gleich München und Kiel zum unlängst gefeierten 80. Geburtstage Emil Noldes eine Ausstellung der Bilder dieses heute wohl am meisten repräsentativen Altmeisters der modernen Malerei veranstaltet eine Schau die vor allem Frühwerke vorführte und Bilder der letzten. Jahre, die bisher das Atelier des Malers nicht verlassen hatten. Diese bisher. reichhaltigste Nolde-Ausstellung – ein Verdienst des Direktors der Hamburger Kunsthalle. Carl Georg Heise – hat über alle Erwartung hinaus das Publikum so stark fesseln können, daß sie (bis zum 21. September) verlängert werden mußte. Wir bringen einen Teil der Einführungsrede.

Was bedeutet uns Noldes Kunst, und wie läßt sie sich einordnen in den Gang der Entwicklung? Es ist erlaubt, so zu fragen; dem diese Malerei beginnt sich der Grenze zu nähern, wo eine historische Betrachtung sich rechtfertigt. Es ist dabei nur natürlich, daß wir Noldes Werk in Vergleich setzen zur Kunst eines Mannes, dessen hundertjährigen Geburtstages wir unlängst gedachten. Und es kann kaum verschiedenere Eindrücke geben: der hundertjährige Liebermann und der achtzigjährige Nolde sind Antipoden. Ich denke dabei nicht so sehr an die persönlichen Kontroversen mit Mißverständnissen auf beiden Seiten, die längst verjährt und begraben sind. Ich meine die Wesensart ihrer Malerei. Karl Scheffler hat von Liebermann gesagt, er habe sich "zu einer gewissen Klassik erhoben in einer dem Klassischen an sich nicht günstigen Umwelt". Er war ein in der europäischen Tradition geschultes Talent, ein großer Meister im Sinne der Alten. Nolde hingegen ist Autodidakt, ein Revolutionär, ein Entdecker von Neuland und ein spezifisch deutsches Phänomen. Liebermanns Talent ist wesentlich, vom künstlerischen Verstand bestimmt, Noldes dagegen vom Gefühl und von der malerischen Intuition. Impressionismus und Expressionismus, diese so viel mißbrauchten Schlagworte, finden in beiden ihre charakteristischen Vertreter, und zwar weniger im Sinne zweier aufeinanderfolgender, einander ablösender Stilperioden, als vielmehr im Sinne einer grundverschiedenen menschlichen und künstlerischen Veranlagung. Mögen Sie also im Grunde unvergleichbar sein, so ist es doch gut; sich klarzumachen. daß sie jahrzehntelang nebeneinander gewirkt haben und daß sie zusammen erst die ganze Spannweite künstlerischer Möglichkeiten erkennen lassen,Auch Dürer und Grünewald sind Zeitgenossen und Antipoden gewesen – wer aber wollte heute einen gegen den anderen ausspielen, und wer wüßte nicht, daß sie zusammen erst das Bild jener Zeit bestimmen, die wir mit Recht als die Hochblüte der deutschen Malerei empfinden? Wenn wir also die besondere Art Noldescher Kunstleistung zu interpretieren versuchen so wollen wir es nicht vergessen, daß sie so einseitig ist, wie sie groß und bedeutend ist. so gefährlich in der Nachfolge wie fruchtbar in der Aufdeckung eines neuen eigenen künstlerischen Aspekts.

Nolde hat spät den Weg zu seiner eigentlichen Bestimmung gefunden. Sprechen wir von Frühwerken, so meinen wir Arbeiten vom Anfang des vierten Lebensjahrzehnts. Und wie verschiedenartig und tastend sind diese ersten Versuche! Am überraschendsten und überzeugendsten wohl sind Meerbilder aus dem Jahre 1901, reine Impressionen, noch ohne die Glut seiner Farben und doch mit einem damals ganz ungewöhnlichen Maß der Vereinfachung und Verdichtung. Um das Jahr 1908 ist es, als ob die eigenen Kräfte endlich ganz frei wurden: Nolde beginnt das Wagnis, ganz er selbst zu sein. Alle Vorbilder bleiben zurück, und sein künstlerischer Genius gebiert eine neue Welt: es ist vor allem eine Welt der Farben von bisher nie gekannter Leuchtkraft (jedes Bild von Liebermann, selbst das farbigste, wirkt stumpf und grau daneben). Es ist seitdem vor Jahr zu Jahr zu beobachten, wie die Intensität des farbigen Ausdrucks sich unablässig verstärkt und noch in den Aquarellen der Spätzeit überraschend neue Klänge hinzugewonnen werden. Neben der Farbe ist es der seelische Ausdrucke der seit den Tagen des Barocks kaum, jemals wieder so leidenschaftlich verdichtet worden ist wie in Noldes Bildern. Neben Zartestem steht die brutale Kraft, neben kindlicher Reinheit Gier und derbe Sinnenhaftigkeit. Der "Herrscher" von 1914 ist ein frühes Beispiel dafür. Zauberhaft die Zartheit der späten Werke, die Innigkeit etwa der beiden Mädchen – auf dem "Freundinnen" betitelten Gemälde vom Jahre 1946. Eine gewisse Beruhigung ist eingetreten, der Ausdruck hat nichts an Reichtum und Intensität und nur wenig an Drastik verloren, aber er ist seelisch differenzierter geworden.

Endlich muß noch dessen gedacht werden, was eine mißgünstig gestimmte Kritik als das Dekorative in Noldes Kunst zu bezeichnen pflegt. Wir möchten ein anderes Wort dafür wählen, das diesem sehr wichtigen künstlerischen Wesenszug seine positive Seite abgewinnt: die flächenhaft ausgebreitete Fülle. Besonders eindringlich sprechen die Blumenbilder davon, die aber nicht – wie das oft geschieht – als liebenswürdige Abbilder der Blütenpracht heimatlicher Bauerngärten mißverstanden werden dürfen; auch sie und gerade sie sind Ausdruck einer zum Sinnbildlichen vertieften Weltschau: im Blumenschicksal glüht die ganze Tiefe des kreatürlichen Erlebens auf. Jahrzehntehindurch begleiten diese Blumenbilder in Öl und Aquarell des Meisters Lebensweg und sind nicht selten reifste Ergebnisse seiner Kunst.

Auffallend ist es, wie bei Nolde von Entwicklung im eigentlichen Sinne kaum gesprochen werden kann, trotz einer ständigen Bereitschaft für immer neue Experimente und gewisser, deutlich erkennbaren Veränderungen im Laufe der Jahrzehnte. Nachdem der Weg zu den eigensten Ausdrucksmöglichkeiten einmal gewonnen ist. bleibt der Schaffensprozeß im wesentlichen der gleiche. Wir rühren damit an die Grenze dieser Malerei. Ganz auf Intuition gestellt, ganz angewiesen auf die Gunst des schöpferischen Augenblicks, bei vergleichsweise nur geringer nachprüfenden Überlegung, ist das Gelingen mehr als bei anderen Künstlern der eigenen Kontrolle entzogen. Gewiß, letztlich ist alle Kunst Gnade. Aber es gibt Maler – gerade Max Liebermann gehört dazu deren sichere Ateliererfahrung (man kann es auch Routine nennen) auch dann eine qualitätvolle Durchschnittsleistung garantiert, wenn der schöpferische Impetus sich nicht ausdrücklich erneuert. Nolde dagegen baut auf die Gnade. Leuchtet sie ihm, so ist er dem Weltgeist näher als die meisten, verdunkelt sie sich, so ist er in größerer Gefahr als andere, ins Leere zu greifen. Ja. es gibt bei ihm Bilder, bei denen man es glaubt beobachten zu können, wie die Kraft der Erleuchtung nicht völlig bis zur Vollendung des Ganzen durchgehalten hat und Teile leer geblieben sind. Aber es wäre falsch, diese intuitive. Schaffensweise – man kann sie auch primitiv nennen, aber im schöpferisch fruchtbaren Sinne einer unbelasteten künstlerischen Naivität – etwa grundsätzlich zu verdammen. Ja, es ließe sich sogar das Paradoxon aufstellen: nur die mittelmäßigen Künstler sind niemals in Gefahr, schlechte Bilder zu malen: sie erreichen weder das Höchste,noch kennen sie die Abgründe des Versagens.

Noch ein Vorwurf, der Noldes Kunst gemacht wird, er soll wenigstens gestreift werden: Noldes Malerei, so heißt es, sei grell, laut, ja gelegentlich geradezu barbarisch. Auch dassind falsche Worte für eine an sich richtige Beobachtung. Recht betrachtet aber ist leidenschaftliche Aussagekraft ein Signum seiner Bedeutung. Fast jedes Bild – ist ein Fanfarenstoß Gibt man dem Maler Raum, voll auszuklagen, so setzt er eine Welt in Schwingung. Freilich: für schlechte Nerven ist diese Kunst nichts, und auch vor ihr darf nicht vergessen werden, daß sie einer kriegerischen Zeit entstammt und das Ausmaß ihres Wirklichkeits- und Wahrheitsgehaltes gerade dadurch wesentlich mitbestimmt wird, daß sie eine kraftvolle, Sprache redet, die sich inmitten des ungeistigenLärmens ringsum überzeugend durchzusetzen vermag. Es gibt ein französisches Sprichwort, das besagt, daß keine Kunst vor der Ewigkeit zu bestehen vermöge, die nicht die Klangfarbe ihrerEpoche trage. Dieser Ewigkeitszug in Noldes Kunst ist vielleicht das Beglückendste. was sich von ihr aussagen läßt.