Zu dem aufder Moskauer Konferenz von G. Bidault vorgebrachten Plan; deutsche Kohle für die Stahlerzeugung nach Lothringen zu senden,anstatt lothringische Minetteerze zur Verhüttung nach dem Ruhrgebiet, nimmt die Wirtschaftsvereinigung Eisen- und Stahlindustrie (Düsseldorf) in einer eingehenden Untersuchung Stellung. Sie prüft das wichtige Problem unter volkswirtschaftlicher Betrachtungund kommt zu folgenden Ergebnissen:

Die 4–5 Mill. t Rohstahl, zu deren zusätzlicher. Herstellung in Lothringen das Ruhrgebiet Hochofen- und Stahlwerksanlagen und den Brennstoff liefern soll, während Frankreich-diese Menge Rohstahl (= 3,6 bis 4,5 Mill. t Halbzeug) nach Deutschland exportieren will, entsprechen ungefähr der Mehrerzeugung, die der Monnet-Plan im Endziel gegenüber 1929 vorsieht (5 Mill. t Stahl und 0,5 Mill. t Gußwaren). Für die Herstellung von 5 Mill. t Rohstahl werden ungefähr 13 Mill. t Minetteerze gebraucht, denen ein Minetteversand aus dem französischen und luxemburgischen Gebiet nach Rheinland-Westfalen im Jahresdurchschnitt 1929–1938 von nur 1,4 Mill. t gegenübersteht. Die Förderleistung des Minettereviers, die in Durchschnitt der Jahre 1929-1933 mit 34,4 Mill. t anzunehmen ist, müßte um 33 v. H. gesteigert und die Belegschaft um etwa 10 000 Mann vermehrt werden (1938 = 30 000). Eine derartig verstärkte Ausbeute, wenn sie möglich wäre, ließe sich nicht mit der Reservepolitik vereinbaren, die Frankreich bisher in der Minette-Ausfuhr betrieben hat.

– Für den Verlagerungsplan müßten zusätzlich zudem früherenRuhrkoksversand nach Lothringen jährlich weitere 3,4 Mill. t Koks und 2,5 Mill. t Kokskohle verschickt werden, wofür ein an Kohle berechneter Laderaum von 6,55 Mill. t erforderlich ist. Daraus ergibt sich die überragende Bedeutung des Transportproblems für den Verlagerungsplan, der die überholte Faustregel wieder, aufleben läßt, daß es im Falle der Minette wirtschaftlicher sei, die Kohle zum Erz zu fahren und nicht umgekehrt. Aber auch hier gilt nicht mehr das "Entweder-Oder", sondern das "Sowohl-als-auch". Die Denkschrift kann sich auf den amerikanischen Kohlensachverständigen bei der Friedenskonferenz Von Versailles, Guy Greer, berufen, der später in seiner Stellung als stellvertretender Direktor des Kohlenbüros der Reparationskommission die Wechselbeziehungen zwischen Ruhr und Lothringen eingehendkennen lernte. Er hat seine Erfahrungen In einer wissenschaftlichen Arbeit ("The Ruhr-Lorraine Industrial Problem", Publications of the Institute of Economics, New York, The Macmillan Company, London, Allen & Unwin, 1926) niedergelegt und zum Ausdruck gebracht, "daß. die wirtschaftlich günstigste Lösung der für das Minettegebiet bestehenden Verkehrsfrage darin läge, Minette gegen Kohle bzw. Koks zu tauschen und dadurch den Transportraum für die Kohlenanfuhr möglichst vollständig mit Erzrückfracht auszulasten."

Das Verhältnis von Koks- und Erzlieferungen lag im Durchschnitt 1929–1938 für Lothringen bei 40prozentiger Laderaumausnutzung mit Erzrückfracht nach der Ruhr. Die Denkschrift zieht den Schluß: "Unwirtschaftlich war nicht, wie der französische Außenminister Bidault meinte, daß überhaupt Minette zur Ruhr versandt wurde, sondern daß zu wenig Minette dorthin ging."

Da nach dem Verlagerungsplan die Ruhrkohle (6,55-Mill. t Laderaum) ohne Erzrückfrachten geliefert werden soll, müßte transportmäßig der Brennstoffbezug mit der doppelten Entfernung Ruhr-Lothringen (2 × 365 730 km) belastet werden. Wagenraummäßig hätten also die Verkehrsträger eine zusätzliche Leistung von 4780 Mill. t/km (730 × 6,55) aufzubringen. Der Versarid von Halbzeug aus Lothringen nach Deutschland, – der ganz anderen Voraussetzungen als der Transport von Massengütern unterliegt, stellt keinen. Ausgleich für die fehlende Erzrückfracht dar. Auf – dem Wasserweg war schon immer das Verhältnis zwischen Berg- und Talfracht ungünstiger als auf der Schiene.

Die Verlagerung von einer jährlichen Rohstahlerzeugung in Höhe von 5 Mill.t nach Lothringen müßte die Energiewirtschaft an der Ruhr in mehrfacher Hinsicht sehr nachteilig beinflussen. Der theoretische Brennstoffmehrverbrauch auf der Hochofenseite infolge der Verhüttung von Minette in Lothringen gegenüber der -Verhüttung von Schwedenerzen an der Ruhr wird mit 1,9 Mill. t Kokskohle veranschlagt. Die öffentliche Energieversorgungdes rheinisch-westfälischen Industriegebietes würde, ohne die Einbußen der gemischten Hüttenwerke für ihre eigenen Betriebe zu berücksichtiget, Gasmengen (Gichtgas auf Kokereigas umgerechnet) von 1213,8 Mill. cbm verlieren, das sind zwei Drittel der Gasabgabe normaler Jahre des Hauptträgers der rheinisch-westfälischen Ferngasversorgung, der Ruhrgas AG. Die Gasüberschüsse, diedem Ruhrgebiet verlorengehen, würden in Lothringenanfallen; wo aber nicht die entsprechende Verwendungsmöglichkeit besteht. Den 1213,8 Mill. cbm Kokereigas, das im Ruhrgebiet eingebüßt wird, entspricht ein Kohlen-Aequivalent vom 0,825 Mill. t. Der Mehraufwand bei den Walzwerken an der Ruhr für die nicht "in einer Hitze" vorzunehmende Verwaltung der von Lothringen zu liefernden Halbzeugmengen wird mit 2,34 Mill. t Kohle Angenommen. Der Verlagerungsplan würde somit, dem Ruhrbergbau und der gesamteuropäischen Kohlenwirtschaft eine zusätzliche Jahresförderung von etwa 5 Mill. t Kohle (1,9 + 0,825 + 2,34) aufbürden. Hier gilt ebenfalls die im französischen Monnet-Plan für die französische Eisenindustrie zum Ausdruck gebrachte Meinung: "Der "Betrieb reiner Walzwerke stellt da, wo nichtspezialisierte Versorgungsaufgaben kleineren Umfangesvorliegen, eine unnötige Verschwendung von Brennstoffen und Arbeitskraft dar."

Auch die Belastung der deutschen Devisenbilanz spricht gegen den Verlagerungsplan. Unter Zugrundelegung der Vorkriegswerte bei Ein- und Ausfuhren der eisenschaffenden Industrie würden dieaus Frankreich einzuführenden 4,5 Mill. t Halbzeug mit 470 Mill. RM zu bezahlen sein, während die gleiche Menge Halbzeug, im Inland erzeugt, Vor. 1939 nur mit 55 Mill. RM für ausländische Rohstoffe "devisenbelastet" war. Setzt man den Gegenwert für die deutschen Kokslieferungen mit 110 Mill. RM ab, so bleiben mindestens 360 Mill. RM, die die deutsche Devisenbilanz zusätzlich belasten. Für die Einfuhr der bei der Produktion in Lothringen anfallenden Thomasmehlmenge müßten weitete 26 Mill. RM veranschlagt werden. Unter Berücksichtigung der internationalen Preisentwicklung während der letzten Jahre nimmt die Denkschrift an, daß die Durchführung des französischen Verlagerungsplans die deutsche Devisenwirtschaft um möglicherweise 1 Milliarde RM belasten würde.