Von Marion Gräfin Dönhoff

Jede Eisenbahnfahrt ist ein Erlebnis. Nicht nur,weil man immer von neuem darüber erstaunt, wieviel Menschen in einen Waggon hineingehen und wie mannigfaltig die Variationsbreite der verschiedenen Temperamente ist – also nicht nur wegen dem, was drinnen im Wagen vor sich geht, sondern auch in bezug auf das, was draußen vorüberzieht. Wobei dies nun wirklich eine optische Täuschung ist, denn das "Draußen", das Fremde in dem objektiven Bild der Landschaft, sind ja doch zweifelsohne die Reisenden beziehungsweise der Zug. Wahrscheinlich liegt es an diesem Subjekt-Objektwandel. daß mich Eisenbahnfahren immer traurig macht. Es ist etwas Merkwürdiges, wenn aus dem, was eigentlich das Leben ist. eine Landschaft wird, die an einem vorbereitet mit Stoppelfeldern, Kartoffelfeuern und weidendem Vieh – flüchtige Bilder, die man nicht festhalten kann und für die man selber nur ein Fremdling ist.

Dieser schon herbstliche Nachmittag mit dem südlich blauen Himmel des bayrischen Vorgebirges ist von einer seltsamen Wehmut umwoben. Eine alte Frau klagt mit monotoner Stimme über die Ungastlichkeit dieses Landes, in das der Bombenkrieg sie verschlagen hat: sie träumt von ihrer Heimat, dem Ruhrgebiet, wo ihr Mann ein kleines Häuschen hatte mit einem Garten, in dem im Herbst die Dahlien blühten. Dreißig Jahre hatten sie beide gearbeitet, und als dann der Traum ihres Lebens Wirklichkeit geworden war, kam der Krieg und die Bombenangriffe, und ein Schutthaufen war alles, was von den Leiden und Freuden dieses Lebens zurückblieb. Niemand antwortet, die Mitreisenden hängen alle ihren eigenen Gedanken nach.

Die Buchenwälder verfärben sich schon, und einzelne Birken stehen lichtgelb neben den roten Vogelbeeren. Plötzlich höre ich die Stimme des jungen Polen von gegenüber fragen: "Du auch Heimweh?" ich bin ganz betroffen von soviel Hellsichtigkeit und er fügt hinzu: "Bei uns die Wälder jetzt auch schön." Damit lassen wir es im wesentlichen bewenden, denn die Gewißheit unserer Brüderlichkeit ist tiefer als der Sprachschatz und läßt sich nur noch mit einer Zigarette bekräftigen. Merkwürdige denken; daß niemand nach Haus kann, wir nicht, weil unser Land so klein geworden ist, und er nicht, obgleich das seine soviel größer und geräumiger geworden ist! Es tut mir jetzt leid, daß ich beim Einsteigen gedacht habe, ob wohl der Vorbesitzer seiner Jacke, die aussieht, als habe sie bessere Tage auf Golfplätzen und internationalen Turnieren gesehen, ihretwegen sein Leben vielleicht hat lassen müssen. Überhaupt sind plötzlich alle Aspekte verändert, und alle Mitreisenden erscheinen mir irgendwie liebenswerte

Da ist zum Beispiel noch eine auffallende ältere Dame, eine Wienerin, die trotz ihrer abgerissenen Kleidung und einem Sack als einzigem Gepäckstück etwas unglaublich Souveränes hat. Sie spricht leise und scheu, eigentlich mehr zu sich selbst als zu ihrem Gegenüber, und ihre Gesten sind wie die einer großen Künstlerin. Ich muß an jene Frau denken, von der Rilke spricht, die jeden Tag um eine bestimmte Stunde im Jardin Luxembourg in einem grünen Kleide saß, jahraus, jahrein und auf ihren verschollenen Geliebten wartet. Sicher ist sie ihr ähnlich gewesen. Sie kommt aus einem tschechischen Lager, und man muß dankbar sein für ihren Entschluß, uns nichts zu erzählen von dem was sie erlebt hat. Jetzt fährt sie zu ihrem Mann, der in einem Dorf im Allgäu Zuflucht gefunden hat und ist wie ein Kind, verwundert und beglückt über die Berge und die Hilfsbereitschaft der Menschen. Sie hat ihren Mann zwei Jahre lang nicht gesehen – "zwei Jahre, und ich hätte früher nie gedacht, daß ich eine Trennung überleben, könnte, die länger als ein Tag wäre. Manchmal bin ich heimlich in die Akademie gegangen, wo er arbeitete nur, um ihn einmal über den Flur gehen zu sehenweil es mir so unerträglich lang schien bis zu seiner Rückkehr Und dann macht sie zahllose Pläne, wie sie es anstellen könne. ihn durch ihr unvorhergesehenes Erscheinen nicht zu erschrecken. Sie plant, verwirft und prüft von neuem. Vielleicht könnte sie von der Bahn einen Boten über Land schicken, der ihm bestellt, ein Herr aus Wien sei auf der Bahn und möchte ihn sprechen? Bedenken bei ihrem Gegenüber: "Wer sollte wohl so spät am Abend acht Kilometer über Land gehen"? – "Bezahlen"? – "Für Geld tut hier keiner was." – Sie Sieht ganz hilflos aus bei diesen Einwendungen, und alle Beteiligten sind ebenfalls ratlos gegenüber soviel Weltfremdheit. Vielleicht ist es die allgemeine Ratlosigkeit, die diese seltsame At-Biosphäre der Gemeinsamkeit erzeugt.

Was heißt eigentlich "Weltfremdheit", frage ich ich Ist diese merkwürdige Frau, die mit der sogenannten Realität so wenig vertraut ist, der Wirklichkeit nicht viel näher als die andern, die sich "mitten im Leben" meinen?

Und woher kommt es, daß diese Summe von Sorgen, Kummer und Heimweh, die der Zufall in den gleichen Waggon gepackt hat und die gewöhnlich sehr rasch eine Atmosphäre von Gereiztheit und Rücksichtslosigkeit erzeugt, menschlich angesprochen, plötzlich das ihnen allen Gemeinsame und sie Verbindende entdeckt?

Vielleicht würde die Weit und die Menschen ein anderes Gesicht bekommen wenn nicht immer nur gesagt würde, wie die wirklichen Menschen sind, sondern wenn sie es öfter erfahren würden an ihren Nächsten oder an sich selber.