Nur etwa 20 Milliarden Dollar – das war eine bittere Enttäuschung, als die Sachverständigen des amerikanischenAußenministeriums der Pariser Konferenz mitteilten, daß die von Europa als Marshall-Hilfe erhofften 30 Milliarden nie vom Kongreß geschluckt werdenkönnten. Erwarten ließen sich höchstens, so hieß es, etwa 20 Milliarden, und das amerikanische Außenministerium rechne nur mit 15–20 Milliarden Dollar.

Wie jeder Geldbetrag etwas relatives ist, zehn Mark für einen Reichen und Armen eine höchst unterschiedliche Bedeutung haben, so mögen manchem Europäer 20 Milliarden Dollar für Amerika als ein Pappenstielerscheinen, aber vielen Amerikanern als ein über die Kraft der Steuerzahler weit hinausgehender Betrag. Die in Aussicht genommenen 20 Milliarden sind nicht viel im Vergleich zu den 300 Milliarden Dollar, die die Vereinigten Staaten während des Krieges ausgegeben haben, oder den 50 Milliarden, die sie über Leih und Pacht den Bundesgenossen zurVerfügung stellten. 20 Milliarden erschinenaber demjenigen als hoher Betrag, der in Vorkriegsbeträgen denkt, denn im letzten Vorkriegsjahr brachten die Amerikaner an Steuern nur 5,2 Milliarden auf.

Dieser Vergleich mit Vorkriegszahlen übersieht, daß seit dem Kriege der Dollar an Kaufkraft eingebüßt hat und daß zweitens die Produktionskraftund das Volkseinkommen der Vereinigten Staaten sich ungefähr verdoppelt haben. Der Dollar hat geringeren Wert und kann viel leichter aufgebracht werden. Die Vereinigten Staaten sind dank dem Kriege viel reicher geworden, während die andere Welt durch den Krieg verarmte. Amerika, weiß nicht, wohin mit dem Reichtum. Es befindet sich in dem Stadium der wirtschaftlichen Entwicklung, für das Karl Marx mit seiner Theorie des Imperialismus die klassische Analyse gegeben hat.Der innere Markt genügt nicht mehr für den Produktionsapparat. Die Produktivkräfte drängen nach außen und sprengen die Fesseln der Nationalwirtschaft. Die Vereinigten Staaten, müssenexportieren.Ein Ausfuhrüberschuß von etwa 10 Milliarden Dollaristder prägnanteste Ausdruck dieser Lage.Diesen. Ausfuhrüberschuß, kann aber niemand abnehmen, weil niemand genügend Dollar verdient. So müssen die Amerikaner, wenn sie einen Produktionsrückschlagvermeiden wollen, zahlreiche Milliarden jährlich irgendwie verschenken, bis sich eine neueGleichgewichtslage gebildet hat.

Aber wie machen Marshall und seine Beraterdiese Zusammenhänge dem Steuerzahler und den Senatoren aus Nevada, Idaho und anderen Staaten mit kaum mehr als 100 000 Einwohnern klar? DieAmerikaner sind auch bei der Berechnung der zur Verfügung zu stellenden Summe offensichtlich nicht von der Zahlungsbilanz ausgegangen, sondern vom Budget. Die Regierung erwartet neuerdings bei gleichbleibendem Beschäftigungsstand einen jährlichen Einnahmeüberschuß von 7–8 MilliardenDollar. Ein Teil muß für Steuersenkungen, zur Verfügunggestellt werden, aber es würden wohl noch 4–5 Milliarden fürdie Marshallhilfe abgezweigt werden können. Das ergäbe bis 1951, wenn, nach Meinung der Amerikaner, Europa wieder auf eigenen Füßen stehen muß insgesamt knapp 20 Milliarden Dollar.

Der amerikanischeSteuerzahler bringt ohne Zweifel ein ansehnliches Opfer wenn Amerikainden nächesten vier Jahren aus den Steuereingängen jährlich 4–5 Milliarden Dollar Europazur Verfügung stellt. Ob dieser Betrag genügt, um den gegenwärtigen Höchststandder amerikanischen Prodution aufrechtzuerhalten und damit die Krise zu vermeiden, die Karl Marx in seinem "Kapital" bei solchem Zustand der Wirtschaft alsunvermeidlich hingestellt hat, ist die vielleicht bedeutsamstepolitische Frage der Gegenwart. Die Schüler von Karl Marx bringen ihr nicht nur ein theoretisches Interesse entgegen. W. G.