Von John Talbot

Der Versuch Italiens, eine Gruppeneinteilung für die Lebensmittelkarten einzuführen, hat zu einem solchen Durcheinander geführt, daß es zweifelhaft erscheint, ob diese Maßnahme auf die Dauer aufrechterhalten werden kann. Dem System liegt der Gedanke zugrunde, die Bevölkerung indrei Gruppen einzuteilen: Gruppe A, die alle Personen mit einem Monatseinkommen bis zu 30 000Lire umfaßt (etwa 180 RM), Gruppe B mit einem Monatseinkommen von 30–50 000 Lire (etwa 300 RM) und Gruppe C, zu der die Personen mit einem Monatseinkommen von über 50 000 Lire gehören.

Die Verteilung der neuen Lebensmittelkarten begann Anfang August. Kurz darauf lagen bereits über 400 000 Beschwerdenallein in Rom beim Ernährungskommissar vor, von Leuten, die der Auffassung sind, falsch. eingestuft worden zu sein. Unter diesen Vierhunderttausend befinden sich Hausangestellte, die aus einem nur den Behörden bekannten Grunde in der Gruppe C eingestuft wurden – der Gruppe mit den höchsten Einkommen.

Nach Auffassung der meisten Römer wird das neue Verteilungssystem, das von der Idee ausgeht, die ärmeren Bevölkerungsklassen auf Kosten der reichen zu bevorzugen, dem Schwarzen Markt starten Auftrieb geben. Wenn die Gruppe C benachteiligt werden soll, damit die Gruppe A einen größeren Anteil an Lebensmitteln erhält, wie solldann die Gruppe C, so fragt man, ihre Ernährung sicherstellen. Es scheint darauf nur eine Antwort zugeben – auf dem sich blühend entwickelnden Schwarzen Markt, denn dieser ist jetzt ein Teil der italienischen Volkswirtschaft, und zwar ein lebenswichtigerer. Er kann nur ausgeschaltet werden, wenn die Rationierung aufhört, und es gilt schon lange nicht mehr als anrüchig, dort einzukaufen.

Die kürzlich durchgeführten Razzien gegen Schwarzhändler waren nur von kurzer Dauer. Sie wurden von allen Schichten der Bevölkerung stark kritisiert, weil sie dem Volk die Möglichkeit nahmen, die geringen offiziellen Tagesrationen zu ergänzen, Sie hätten im übrigen zur Folge, daß der Schwarzhändler, dem die Polizei nunmehr bis in seine Schlupfwinkel nachstellte, seine erhöhte Risikoprämie auf den Brotpreis aufschlug. Inzwischenhat die Polizei ihre Razzien eingestellt und seitdem kann man wieder mühelos und unbeschränkt Schwarzmarktbrot auf den Straßen Roms kaufen.

Viele glauben, eine Rationierung von Lebensmitteln sei heute in Italien gar nicht notwendig. Die Tatsache, daß ohne Übertreibung jeder einzelne vom Schwarzen Markt lebt, sobald die offizielleRation verbraucht ist, beweist, soargumentiert man, daß im ganzen genügend vorhanden sein muß. Aber das Ende der Lebensmittelrationierung würdeautomatisch eine uferlose Preissteigerung hervorrufen sowiedie Entstehung von Trusts undLebensmittelspekulanten. Bestechlichkeit, Gewinnsucht und Unehrlichkeit sind zu verbreitet im Lande und die Notwendigkeit, den Schwarzen Markt am Leben zu erhalten, liegt viel zu vielen Leuten am. Herzen.

(Autorisiert durch Reuter)