Von Reinhard Leysiepen

Es ist ein unbekanntes Dörfchen, und auf den Landkarten 1:100 000 steht sein Name nur in "Petit" verzeichnet. Es könnte Aldekerk oder Sinsteden heißen, obwohl es so natürlich nicht heißt. Jedenfalls verrät sein Name etwas von den alten fränkischen Siedlungen dieser niederrheinischen Breiten. Wenn es in dieser Gegend, nicht überall zu finden wäre, unser Dorf müßte man vielleicht Entrée bezahlen, es zu besichtigen. Der Preisgabe seines Namens jedoch stehen Umständeentgegen, die der Chronist nicht beseitigen möchte, weil sie in den Bereich des Privaten gehören. Das Dörfchen liegt, so viel kann immerhin gesagt werden, am Niederrhein zwischen den Hängen der Nordeifel und dem Reichswald an der holländischen Grenze. Dorthin hat der Chronist einmal seinen Zylinder gebracht, das letzte Beweisstück seines bürgerlichen Habits, und dafür – im Weg des "Maggelns", wie es hierzulande heißt – Kartoffeln bekommen. (Nebenbei gesagt: Zwei Zentner blaue Nieren.) Und damit stünden wir schon mittendrin in jenem – wie Tucholsky sagen würde – "Propplehm", das unserer ganzen Zeit den Bauch aufreißt.

Das Dorf, eine Mischung von Straßendorf und Haufendorf, ist eine kleine Feste aus Backsteinen, Fachwerk, lebenden Hecken,Kastanien, deren Früchte jetzt zu Boden fallen, Walnußbäumen und Spitzpappeln. Sein Blick in das Land ist frei. Es ist ein weites flaches Land, wie es die alten Brabanter Meister malten. Hingeduckt liegt es da zwischen dem 51. und 52. Breitengrad und dem 6. und 7. Längengrad, östlicher Länge von Greenwich und – weiß nicht einmal davon. Regellosdurchziehen ein paar Gassen die Dorfsiedlung. Die Feldflur liegt klein parzelliert zerstreut rundherum. Der Macht desBildes kann sich niemand entziehen. Etwas von Ewigkeit vermeint man zu spüren, wenn es das auf dieser Erdkruste überhaupt geben sollte, etwas von Dauer und Stetigkeit, von – Unabänderlichkeit und Zeitlosigkeit. Obwohl die Zeit auch in dieses Dorfgebilde hineingeblasen hat, haben die Leute nie in einem Luftschutzbunker Zuflucht suchen müssen und nie die Wahrheit des Wortes erfahren, daß Hunger weh tut.

Die alten Häuser des Dorfes sind meist altsächsische Bauernhäuser, wo Mensch, Vieh und Vorräte unter einem Dach geborgen sind. Das trauliche Herdfeuer freilich, wie es Justus Moser in seinen "Patriotischen Phantasien" einst so schön und bildhaft schilderte, gibt es nicht mehr. Praktische Buderus- oder Küppersbusch-Herde stehen in den Küchen,und daran waltet diezüchtige Hausfrau, deren Hauptaufgabe es geworden ist, die Hamsterer abzuwimmeln, teils mit scharfen, teils mit milden; immeraber mit gleichbleibend deutlichen Sprüchen. Da das Dorf ziemlich abseits liegt, ist die Zahl der "Klinkenputzer", wie der Bauer mit einem deutlichen Unterton von Ablehnung sagt, verhältnismäßig gering. Dreißigbis vierzig.am Tag ist der Durchschnitt. Die Hamsterer fragen nicht: Kann ichKartoffeln haben oder Brot oder etwasButter oder Speck. Sie. sagen: Wir haben hier Solinger Stahlwaren, Brotmesser, Küchenmesser und eine prima Papierschere. Wir sind aus Remscheid, wir haben Trummsägen, Äxte und Dreikantfeilen. Hier haben wir zwei Paar Schuhe aus Pirmasens, nagelneu, ein Paar mit Stöckelabsätzen, hier einen Winterpaletot, nur an den Ärmeln etwas angeschlissen, hier Zigaretten, keine deutschen, sondern englische, Marke "Pall Mall", und hier drei Meter Stoff für Übergardinen, schönes geblümtes Muster. Die Hamsterer fragen: Was gebt ihr dafür? Und es wird dann natürlich nicht ein Preis genannt sondern ein Gewicht, ein Zentner- oder Pfundgewicht, je nachdem. Man kann somit behaupten, daß die Wirtschaftsgeschichte im Kreis marschiert ist: wir sind wieder bei der primitivstenStufe des Handels, beim Tausch, angelangt, wie er zur Zeit Homers, aber auch noch zu Beginn des Mittelalters üblich war. Man tauschte damals fünf Schweine gegen ein Rind, ein Rind gegen eine Sklavin; Indianer tauschten Tierfelle gegen Schießbedarf. Rind gegen Sklavin steht heute noch im Widerspruch zu den allgemeinen Sittengesetzen, vielleicht ist es in einem Jahr soweit; Tierfelle gegen Schießbedarf widerspricht den Kontrollratsbestimmungen.

Es ist wahr, seit ein paar Wochen besitzt der Bauer eine nagelneue emaillierte Badewanne, die ledige Schwester einen Pelzmantel, und er selber, wenn er in die Stadt muß, ist tatsächlich etwas stutzerhaft und attraktiv gekleidet, und wahrscheinlich wird er selber ein leises Gefühl des Unbehagens. nicht los. Dieser Bauer – es ist der gleiche, der den Zylinder bekam – ist jetzt vierzig Jahre alt. Wenn man genau hinschaut, erkennt man ihn auf einem Bild auf dem Vertiko als Unteroffizier wieder, hochzu Roß. Er war bei der bespannten Artillerie, war zweimal verwundet und hat gesehen, wie in Riga achthundert Juden erschossen wurden. Das durften sie nicht machen, sagt er.

Die Weltanschauung des Dorfes erschöpft sich im Menschlichen, unterbrochen vom sonntäglichen Kirchgang, der ins Überzeitliche weist. Politik gehört nicht ins Dorf. Der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat, bekennt sich der Bauer untertan. Von Politik hält er nicht viel. Aber zur Wahrung der Staatsbürgerbelange geht er doch zur Wahl. Im Dorf wurden bei der letzten Wahl 194 Stimmen für die CDU, 128 für das Zentrum, 126 für die SPD, 15 für die KPD und 11 für die FDP abgegeben. Die Bauern kennen die Kommunisten, wie sie sagen, mit Namen: Ein ehemaliger Schauspieler, der nach hier verschlagen wurde, ist der Wortführer der örtlichen Kommunisten. Im Gemeinderat sind sie nicht vertreten. Es ist den Bauern rätselhaft, daß "dieser belesene Mann, der keiner Fliege was zuleide tun kann und auch sein letztes Hemd weggibt, wenn’s drauf ankommt", ein. Kommunist ist. Allerdings hat sich der ehemalige Schauspieler mit seinem Sohn, derim Krieg Oberfeldwebel und Flugzeugführer war, überworfen, Politisch, sagt der Bauer, rein politisch.

Den ersten Platz im Dorf nimmt naturgemäß der Herr Pfarrer ein, mit dem sie im Mai in Bittprozessionen in die Gemarkungen zogen, die Saaten fromm besprechend. Der Pfarrer ist abonniert auf die "Begegnung", auf die "FrankfurterHefte" und auf die "Stimmen der Zeit". Er leiht die Zeitschriften regelmäßig dem Herrn Lehrer: aus, der entnazifiziertist und in Gruppe 5 als Entlasteter kategorisiert wurde. Er war 37er Pg,Blockwerk in der NSV, mehr nicht. Die Vorträge, die er damals vor Jungbauern im Amtsbezirk gehalten hatte, Thema "Persönlichkeit und völki-oder Staatsgedanke", zählen nicht. Das mußte er damals, wie die Leute sagen. Der Lehrer ist beliebt. Die Beliebtheit wird der "Frau Lehrer" täglich in natürlicher Weise entgolten, zum Beispiel mit Milch oder Eiern oder beim Schlachtfest, beim sogenannten "Ferekeschlaachte". Dann bekommt der Lehrer "de Koerwuesch". Dies ist uraltes Brauchtum, und davon möchte er nicht abweichen, vom uralten Brauchtum.