Von Clara Gyl

Schauspieler vor der Spruchkammer – vielleicht darf hierzu jemand etwas sagen, der selbst Schauspieler ist, "unbelastet", von keiner Seite je des Nazismus verdächtigt, und der das seltene Glück hatte, in den bewußten zwölf Jahren nie eine profaschistischer Propaganda dienende Gestalt auf die Bretter stellen zu müssen. Dies also nenne ich nicht Verdienst, sondern Glück. Das Verdienst hat der Intendant, der denn auch, obwohl Pg. von 1937 mit Recht "entlastet" wurde, da er es geschickt verstand, sein Theater der Kunst zu reservieren statt der Politik. Nicht vielen Intendanten ist dies gelungen unter einem Regime, das das Theater und den Film als Vorspann für seine "Ideen" benutzte. Möge man mit denen rechten, die sich dazu anbotenoder dem Zwang folgten. Aber nicht mit dem Schauspieler! Mit dem Privatmenschen, der er ja auch ist, schon – wenn der sich als Nazi betätigt hat (der Prozentsatz ist gering), aber nie mit ihm als "Spieler".

Wer den Schauspieler für seine Rollenverantwortlich macht, versteht nicht, welch ein Wesen er vor sich hat. Denn der Schauspieler ist "jenseits von Gut und Böse"; ist weder moralisch, noch unmoralisch, ist amoralisch; ist ein Instrument. Als solches wird er eingesetzt, daher kann er auch mißbraucht werden. Die Rolle teilt man ihm zu; selten ist er in der Lage,sie abzulehnen (was er aus den verschiedensten Gründen oft gernmöchte). Ist die Rolle "gut", so hat sie ihn! Sie kann seiner Weltanschauung, seinem Gefühl, sie kann allem widersprechen, was er als Mensch ist und glaubt – wenn sie aber ihm jene dämonischeMöglichkeit bietet, in sie einzugehen und ihreUmrisse mit seiner eigenen Gestalt zu füllen, wenn sie – nicht ihm – sondern seiner Darstellungsgabe "liegt", muß er sie spielen. (Und, aus Gründen äußeren Zwanges, auch oft genug, wenn sie ihm nicht liegt. Aber davon reden wir hier nicht.)

Das begibt sich nicht nur unterm politischen Vorzeichen. Eine Schauspielerin spielt die Madame Hautville in Thomas’ "Moral", diese "lasterhafte" Rolle. Hinterher, in der Straßenbahn, fragt eine bürgerliche Frau diese Darstellerin, deren private Haltungsie kennt, ganz entsetzt: "Wie konnten Sie, als Christin, so die Beine übereinanderschlagen?" Das ist ein naives Beispiel, aber viele könnten so fragen und fragen so. Und es ist noch nicht lange her, daß für die Kirche der Schauspieler ein Verdammter war.

Oder: Zuckmayers "Fröhlicher Weinberg" imJahre 1926 in Elberfeld, alsoweit vorm "Dritten Reich". Nach der Vorstellung wurden die beiden Darsteller der jüdischen Weinhändler auf der Straße verprügelt! Sie waren nicht einmal Juden. Und den Autor, der es zur Hälfte ist, konnte man erst recht nicht verdächtigen, mit diesen Figuren aus seinem Stück antisemitische Propaganda und eine "arische Reaktion" bezweckt zu haben. Die nationale Atmosphäre war damals schon vergiftet, und die "Empörten" hielten sich naiv ans vordergründliche Objekt ihrer Ablehnung, an die Schauspieler.Das ist wahrhaftig nichts anderes, als wenn im "Wilden Westen" Cowboys auf die Kinoleinwand schießen, um den "Verbrecher" zu töten.

Das Theater ist, nach Schiller, verpflichtet, eine "moralische Anstalt" zu sein; der Schauspieler ist jedoch von diesem Gesetz nicht betroffen. Er könnte sonst nicht Schauspieler sein; das Gebiet, das ihm als möglich verbliebe, wäre enger als eine Gefängniszelle. Er kann leiden unter einer Rolle, aber er kann sie nicht deswegen ablehnen. Ich habe einen überzeugten Atheisten mit dem ganzen Gefühl seiner Seele einen Geistlichen spielen sehen, ich habe Christen von der Bühneherab gegen Gott geifern hören.

Kann man sich vorstellen, daß ein Schauspieler den "Mephisto" ablehnt aus Gewissensgründen? Kein Gott verlangt das von ihm.Und nicht Goethe ist seine Legitimation; sondern sein Beruf ist es, sein Talent, sein Spielenmüssen. Man beschuldigt Werner Kraus,die Judenrolle in dem Film "Jud Süß" gespielt zu haben. Er hat sie wundervoll gespielt, mit dem ganzen Dämon seiner Begabung. Die ihm das übelnehmen, handeln wie jene Prügelschwinger Elberfeld – wenn auch hier aus dem umgekehrten Motiv. Sie wissen einfach nicht, was das ist, ein Schauspieler. Wer aber richtet, muß wissen, über was. Sonst prügelt er nur.