Moliére in Hamburg, Anouilh in Baden-Baden

Wenn Girodoux’ Berechnung stimmt, so war er der 38. Dramatiker, der sich Amphitryons und seiner vorbildlichen Hahnreischaft angenommen hat; Molières Fassung wird unter den Dreißigern liegen. Der Stoff dürfte also unverwüstlich sein, wenn er durch die Jahrhunderte hin seine Anziehungskraft auf die Autoren erwiesen und ihnen zugleich Wirkung auf das Publikum garantiert hat. Die Griechen haben ihn – jedenfalls wenn Staatsfunktionäre und andere Strenggläubige dabei waren – als frommen Bericht genommen, wie ihr Heros Herakles auf diese Welt gekommen ist. Beim Bechern im "gemütlichen Minotauros", unten am Piräushäfen, klang die Geschichte schon anders, schob der Spaß das Mysterium beiseite. Wenn Zeus, vom Liebreiz der tugendhaften Alkmene hingerissen, die Gestalt ihres Gatten Amphitryon annimmt, um so dessen Liebesfreuden zu stehlen, so ist das schon eine muntere Gelegenheit, verfängliche Situationen und Knalleffekte auszumalen. Hermes muß die Nachtgöttin bitten, doch über die Norm zu verweilen, damit die Götterlust länger währt und der betrogene Feldherr nicht zu früh nach Hause kommt. Merkur muß auch in die Gestalt von Amphitryons Diener Sosias schlüpfen, ohne indes geneigt zu sein, eheliche Rechte zu beanspruchen oder eheliche Pflichten zu erfüllen. Und nun jagen Verwechslung und Verwirrung einander, jeder erlebt an jedem seine Wunder, und der Gipfel ist: ein heimkehrender Ehemann entdeckt, daß er nur der Stellvertreter eines ihm zuvorgekommenen Stellvertreters ist. Der Schluß ist überraschend und versöhnlich, wie es die Herrengesellschaft gern hat: es war ja Zeus persönlich, der hier sündigte, sein Recht dazu steht außer Zweifel, und was er tat, ist sogar Gnade. Glücklicher Amphitryon: Vater eines Göttersohnes zu werden, Vater des Herakles, das ist keine schlechte Rolle. Und unter Evoë-Rufen prostet man und zwinkert sich tränenfeuchten Auges zu, im "gemütlichen Minotauros" und allen späteren Kneipen. Die Jahrhunderte hören nicht auf, über diesen Jux zu lachen. Auch als der bühnenzauberkundige Molière ihn aufgreift, hat noch keine moderne Psychologie das Problematische entdeckt, fühlt sich auch noch niemand durch die Sorge beschwert, was eigentlich in Alkmene vorgeht, die in die Abgründe göttlicher Liebe und irdischer Eifersucht gestoßen wird; ob nicht sie die eigentliche Heldin des Stücks ist und es ganz bei ihr liegt, ob es sich zur Komödie oder zum Trauerspiel wendet.

Warum ist eigentlich die Menge stets geneigt, den betrogenen Mann komisch zu finden und auszulachen, indes sie der enttäuschten Frau wohlwollende Teilnahme entgegenbringt? Der Hahnrei ist eine der beliebtesten und bewährtesten Possenfiguren. Rebelliert vielleicht die Stimme der zu Rausch und Verströmung neigenden Natur gegen die menschliche Form und ihre Doktrin? Ist die Ehe vielleicht doch mehr tollkühne männliche Erfindung und mehr Erfüllung männlicher Ordnungsträume als nach der Theorie, die ihren Grund den Frauen in die Schuhe schiebt? Dann huldigt womöglich das Publikum, wenn es den Hahnrei belacht und den Liebhaber beklatscht, der nicht zu erstickenden Stimme der Natur – so wie der Christ noch immer den Göttern der Vorfahren huldigt, wenn er Knecht Ruprechts gute Gaben preist. Molière stellt solche Fragen nicht, wäre auch nicht geneigt, sie zu beantworten. Unbelastet von Weltanschauung und Grübelei, nimmt er die Gegebenheiten und besteigt mit ihnen die Bühne. Rampenlicht und Kulissenluft inspirieren ihn zu höchstmöglicher Dramatik des Komischen, und da er ein Hofmann des 17. Jahrhunderts ist, ein Kavalier jenes Hofes par exécellence, sind seine Einfälle galant, geistreich und durch guten Geschmack vor jeder Entgleisung bewahrt. Kein Wunder, daß die Schauspieler gegenüber anderen Fassungen des Amphitryon-Stoffes die Molièresche bevorzugen, die so dankbare Rollen enthält, ja, bei der man "Lachen" und Bewegung im Publikum geradezu vorausberechnen kann. So konnte auch das Thalia-Theater in Hamburg mit seinerer von Hans Bauer geleiteten Aufführung einen vollen Erfolg verzeichnen. Die geschlossene Leistung des Ensembles verdient Anerkennung, und es wäre unrecht, die einen oder anderen durch Namensnennung zu bevorzugen. Ebenso unrecht wäre es aber auch, Willy Maertens unerwähnt zu lassen, der einen Sosias von praller Lebensfülle auf die Bühne stellte.

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Das Leben ist doch schön, behauptet der Programmtitel des im Altonaer Kaiserhof gastierenden Kabaretts der Komiker. Ob’s stimmt, ist wohl nicht auszumachen, da hier die Temperamente entscheiden und die Blickwinkel sehr verschieden sind. Aber eine voreingenommene Stimmung zu verbreiten zugunsten ihrer Behauptung, sind Willi- Schaeffers und sein Ensemble durchaus bemüht. Ein zurechtgebastelter Saal, enges Gestühl für die Zuschauer, zwei Flügel und ein Schlagzeugmann als Orchester – dies hat in seiner Beschränkung etwas vom Scheunen- und Dorfplatzgeist des fahrenden Volks vergangener Zeiten. Joculatores nannte man diese Leute im Mittelalter, was das lateinische Lexikon mit Spaßmacher und kleine Schäker übersetzt. Je bescheidener der Rahmen, um so eindringlicher die Leistung, und wirklich wurde frech und witzig ins Leben gegriffen, so daß binnen kurzem eine heitere Stimmung sich des Hauses bemächtigte. Gute, ja ausgezeichnete Nummern neben mäßigen und klamottigen, das ist im Kabarett nicht zu vermeiden und heute schon gar nicht. Was zum Jasagen zwingt, ist die unbekümmerte Frische, mit der aus der Not eine Tugend und aus der Situation das Beste, zumindest ein Witz gemacht wird. Ist das Leben nun wirklich doch schön? "Kleine Schäker", möchte man sprechen, "daß ihr’s behauptet, ist jedenfalls schön!" Lz

Die Aufführung von Anouilhs "Voyageur sans bagages" durch das Theatre Pitoëff in Paris ist berühmt geworden. Anouilh hatte das Stück einfach als Szenenfolge bezeichnet, um der gewaltsamen Charakterisierung in "Theatre rose" und "Pièces noires", in Hell und Dunkel, Komödie und Tragödie zu entgehen. Dieser "Reisende ohne Gepäck", der zu Baden-Baden in der Pitoëffschen Inszenierung mit dem prachtvollen Jacques Dumesnil als Gaston zu sehen war, ist in der Tat allein schon durch die Inszenierung ein zauberhaftes Erlebnis: ein verhaltenes Hin und Her, eine ironisch-ernste psychologische Studie, weder Hell noch Dunkel, weder Komödie noch Tragödie. Dumesnil spielt den Mann, der sein Gedächtnis verlor und von der Herzogin Dupont Dufort wie ein Phänomen herumgereicht wird, mit der irren, hektischen Absenz, die Hirnkranke charakterisiert. Zuweilen ist es nur ein Wort, eine Geste, ein Kopfschütteln, Zuweilen überwältigt es ihn. Aber selbst die Depressionen, die Anfälle sind dosiert. Die Vergangenheit, die Dumesnil-Gaston über Bord wirft, ist die der Familie Renaud: dort sind Amouren, Saufereien, Grausamkeiten verborgen und jene bourgeoise Böswilligkeit, die bei uns in den Ruinen und Flüchtlingsströmen unterging – halb Deutschland ist heute ein. "Voyagéur sans bagages". Gaston ist diese bürgerliche Leere satt. Er entscheidet sich für den Waisenknaben Masendale mit dem er in ein neues Leben flüchtet – der Renaud, der er war, ist für immer begraben. Anouilh hat aus dem "Y avait un prisonnier" ein kokett aufeinander abgewogenes, in der Anlage satirisches Spiel gemacht. Aber er nützt die Satire selten aus: er häuft nicht die "Bonmots wie sein Landsmann Anatole France oder wie Shaw, er neigt zur liebenswürdigen, fast sentimentalen Intrige, er ist im tiefsten ein Puritaner des "Nichts", er lebt vom unausgesprochenen Ekel vor der Gesellschaft, die Europa bedeutet, und eben dies wird in dem unauffälligen Stil der Pitoëffschen Inszenierung meisterhaft herausgeholt. Schon der französische Akzent erlaubt eine Rhythmik, die dem pressiven, deutschen Sprechstil versagt ist. Dieser Rhythmus schwingt in Nicas Bühnendekor weiter: es ist alles Schick, angemessener Charme und dabei Draperie, die das Bürgerliche in zwei, drei Bildern festlegt. Selbst dieses Bürgerliche ist geschmackvoll und keineswegs überzeichnet. Alles ist selbst im Ernst beschwingt und gleicht ein wenig der Musik von Rossini, so daß dies lautere Abenteuer des Heimkehrers ohne Gedächtnis mühelos seines philosophischen Bellasts entkleidet wird und ins Menschliche mündet. Da wandert der Mann ohne Gepäck, ohne Familie in die Zukunft, in eine Zukunft, die wenigstens eines für sich hat: sie ist frei von ihrem Vergangenheitsballast.

Egon Vietta