Von Erwin Topf

Gewiß ist die Frage der Energieversorgung, also der Kohlenförderung, für die deutsche Wirtschaft das Problem Nummer eins". Aber wer, im Rahmen einer realistischen Betrachtung, von der Ruhrkohle spricht, der kommt zwangsläufig sehr schnell zur Erörterung einer ganzen Reihe weiterer Fragen. Da ist zunächst von den Bergleuten zu reden, ihrer Verpflegung, ihrer Unterbringung, ihrer Versorgung mit Bekleidung und sonstigen. Bedarfsgütern. Die hinreichende Aufrüstung der Zechen mit technischen Hilfsmitteln ist vordringlich, nicht minder aber das Transportproblem, mit dem nun wieder, noch immer viel zu wenig beachtet, die Frage des Ausbaus der Elektrizitätswirtschaft eng zusammenhängt: was an Energie auf dem modernen Weg über den Draht geschickt wird, das braucht nicht mehr, wie zu Friedrich Lists Zeiten, als Kohle (und mit zusätzlichem Kohlenverbrauch in der Lok) auf dem Schienenweg abgefahren zu werden. Daß wir einen "falschen" Kohlenpreis haben, der die Gestehungskosten auch nicht annähernd deckt, und der nur durch Subventionen gehalten werden, kann, die jährlich etwa 1,2 Milliarden RM erfordern, ist ein weiteres Faktum, das dringend der öffentlichen Diskussion – etwa durch das Frankfurter Wirtschaftsparlament – empfohlen sei: noch immer besteht über die Aufbringung dieser Subventionen nicht die mindeste Klarheit. Mit dem Preisproblem ist die Frage der öffentlichen Finanzen ebenso berührt, wie diejenige der Preisgestaltung nach der Währungsreform, und anderseits die Frage des Kohlenzwangsexports (und der Höhe der hieraus erzielten Gutschriften). Weiter ergibt sich, da der Kohlenbergbau ja auch, über den Bedarf an Grubenholz, ein wichtiger Holzgroßverbraucher ist, eine Berührung zur Frage der Zwangsexporte an Holz; außerdem wäre zu erörtern, ob die "regiemäßige" Belieferung mit Grubenholz auf die Dauer beibehalten werden soll, bei der – alle Bergbaufachleute bestätigen es – eine geradezu unbegreifliche Verschwendung durch Anlieferung überdimensionierter Stempel betrieben wird. Schließlich ist, auch schon für die Gegenwart, durchaus relevant, zu wissen, wie man sich die künftigen Besitzverhältnisse im Bergbau denkt; damit ergibt sich der Zusammenhang mit dem Sozialisierungsproblem ebenso wie mit der Frage der endgültigen Denazifizierung – von weitergehenden politischen Problemen. vorerst ganz zu schweigen.

Es spricht für die sorgfältige Arbeit der britischen und amerikanischen Sachverständigen, die vom 12. August bis zum 11. September in Washington am Konferenztisch zusammengesessen haben, daß ihr abschließender Bericht über die Ruhrkohlen- – frage technische Dinge nur eben berührt, bei der Behandlung wirtschaftlicher (und organisatorischer) Details aber der komplexen Natur jener Probleme voll gerecht wird. In einer durchaus realistischen Gedankenführung wird die Lebensmittelversorgung ("im Bergbaubezirk und im ganzen Gebiet der beiden Zonen") in den Mittelpunkt der Erörterung gestellt. Volle Zuteilung der 1550 Kalorien, Vorratswirtschaft, Sicherung der Zufuhren, Steigerung der Produktion in Deutschland selbst und deren bessere Erfassung, mit Hilfe eines Prämiensystems, durch Hergabe von Düngemitteln und sonstigem Betriebsbedarf: das sind hier die Stichworte; das Ziel soll sein; die Tagesration allgemein auf 1800 Kalorien zu bringen, "aber nur, wenn an diesem Satz auch festgehalten werden kann".

Fünf weitere Abschnitte des Berichts behandeln die Arbeiterfrage, vom Wohnungsproblem angefangen bis zur Technik der Arbeiteranwerbungen. Leider sind, die vorliegenden Auszüge aus dem Sachverständigenbericht so knapp gehalten, daß daraus nicht zu erkennen ist, wieweit hier neue Gesichtspunkte angeschnitten werden. Man kann es nur bedauern, daß die Besatzungsmächte sich nicht dazu bereit finden, Dokumenten von solch eminenter Bedeutung durch Veröffentlichung im vollen Wortlaute, eine entsprechende Publizität zu geben. So ist es auch beispielsweise nicht möglich, sich schon jetzt ein Bild davon zu machen, wie die Finanzierung jener "Sofortlieferungen an Stahl und anderen Materialien" zugunsten des Bergbaus und des Verkehrs gedacht ist, die, im Werte von 25 Mill. Dollar, für die nächsten sechs Monate vorgesehen sind – übrigens neben weiteren, An ihrer Höhe nicht festgelegten Materialabgaben aus überschüssigen Heeresbeständen. Was man erfährt, das Ist lediglich, daß die Verantwortung für die Kohlenförderung (an der Ruhr? oder in ganz Westdeutschland?) in deutsche Hände gelegt, daß also eine "deutsche Kohlenverwaltung" gebildet wird, unterstellt dem Zweizonen-Wirtschaftsrat und kontrolliert durch ein britisch-amerikanisches Gremium, das an die Stelle der North German Goal Control tritt. Die Frage der Besitzverhältnisse soll in der Schwebe bleiben. Was den Kohlenpreis angeht, so spricht sich der Bericht sehr entschieden für die sofortige Erhöhung, also für die Anpassung an die Gestehungskosten aus, unter Hinweis darauf, daß Hand in Hand mit der angestrebten Fördersteigerung (bis auf den Vorkriegsstand von 400 000 t täglich, gegenüber heute etwa 240 000 t) ja auch eine Kostendegression eintreten werde-.

Wir kennen das amerikanische Tempo, das man bisher bei der Vorbereitung des Marshall-Planes eingeschlagen, hat, und deshalb glauben wir auch der Zusicherung, daß die Empfehlungen der Sachverständigen ohne weiteren Aufschub die Billigung der Regierungen in Washington und in London erfahren werden. Allerdings soll der Plan für die Ruhr erst dann in Kraft treten, wenn die inzwischen eingeleiteten Verhandlungen mit den Anliegerstaaten (also Frankreich, Belgien, Luxemburg und Holland) abgeschlossen sind. Es erübrigt sich fast, zu sagen, daß ein natürliches Junctim zwischen dem Plan für die Reorganisation der Ruhrzechen und dem Marshall-Plan gegeben ist.

Vom deutschen Standpunkt aus muß aber noch am ein weiteres Junctim hingewiesen werden. Freilich war es nur ein Zufall, daß, zugleich mit dem Bericht über die Reorganisation der Ruhrzechen, zwei Meldungen über neue Demontageentscheidungen – für Teile der Essener Krupp-Werke und für den Betrieb der Holmag in Kiel – veröffentlicht worden sind. Aber auch dies zufällige zeitliche Zusammentreffen macht evident, daß die Politik der Entwicklung des deutschen – Friedenspotentials noch längst nicht gesichert ist. solange die Besatzungsmächte fortfahren, mit schroffen Worten und noch schrofferen Methoden den Abbau selbst solcher Werke zu erzwingen, die den Übergang, zur Friedensproduktion bereits erfolgreich vollzogen haben. Hier wird nun doch mit der einen Hand genommen, was die andere Hand zu geben. sich anschickt. Und welche: Einbuße an Vertrauen bedeutet es, wenn beispielsweise (wie es im Falle Holmag geschehen ist) von britischer Seite erklärt wird: die Tatsache, daß das Werk auf der Exportmesse Hannover gut abgeschnitten und eine Reihe von Auslandsaufträgen untergebracht habe, lasse, erkennen, daß die Umstellung von der Kriegs- zur Friedensproduktion im Verlauf eines – Jahres erfolgt sei – also könne auch, in der gleichen Zeit, der Prozeß wieder rückläufig gemacht werden, und deshalb müsse man auf der Demontage be- – stehen! Das ist eine vertrackte Logik, mit deren Anwendung nun allerdings der – Fundus an Zukunftsgläubigkeit und an Vertrauen, der während der vier Wochen von Hannover aufgebaut worden ist, schnell wieder zum Teufel gehen muß...

Vor wenigen Wochen erst ist ein Demontagestopp verfügt worden, unmittelbar danach haben sich Mr. Gollancz und Mr. Stokes mit eindringlichen Worten an die britische Öffentlichkeit gewandt: man solle endlich einen Schlußpunkt unter die Politik der Demontagen machen, solle den Begriff des Friedenspotentials an die Stelle der Theorie vom Kriegspotential setzen. Die Verwaltungspraxis der Besatzungsmächte aber ist immer noch befangen in den alten Vorstellungen, deren geistige Überwindung im Zeitalter des Marshall-Planes nun endlich -begonnen werden müßte. Zwar klingt das Wort "Kriegspotential" durchaus modern. Die Idee aber, den Frieden durch Wegnahme und Zerstörung industrieller Kapazitäten sichern zu können und zu sollen, ist in Wirklichkeit antiquiert, ist ein Rückfall in die Methoden der Kriegsführung, wie sie Tamerlan in der "Wegführung" ganzer Völker und der Verwüstung ihrer Städte und Äcker anwandte, um die "Befriedung" seines Herrschaftsgebietes zu erreichen.