So mancher. Kaufmann hat in der Erörterung von Ausfuhrfragen mit Angehörigen britischer Dienststellen die für ihn überraschende Feststellung treffen können, daß der britische Gesprächspartner mit dem Begriff des "Exporteurs" eine andere Vorstellung verband, als sie der deutschen Wirtschaft geläufig ist. Großbritannien kennt nicht den Wirtschaftstyp des Exporteurs, wie er sich: im Verlauf einer jahrzehntelangen Entwicklung so charakteristisch in den Hansestädten herausgebildet hat. Spricht man in England vom "exporter" so meint man damit in der Regel den Ausfuhrindustriellen. Abgesehen davon ist es für den an die britische Außenhandelsstruktur gewöhnten Beamten oder Militär, nicht, immer leicht, die unterschiedlichen deutschen und englischen Strukturverhältnisse in ihren abweichenden wirtschaftsgeographischen und geschichtlichen Voraussetzungen zu erkennen. Diese Tatsache erklärt, daß in Unkenntnis der echten Exporteur-Funktionen bei den ersten Verfahren zur Ingangsetzung eines deutschen Exports die Tätigkeit des Exporteurs ausgeschlossen wurde. Es bedurfte eingehender Darlegungen, um überhaupt die Anerkennung des Ausfuhrhändlers bei den maßgeblichen Stellen durchzusetzen. Ob diese sich aber allgemein darüber im klaren sind, daß die Stellung des Exporteurs im Rahmen der deutschen Wirtschaft eine andere ist, als sie der englische ,,shipper" oder das "confirming house" innerhalb des britischen Außenhandels für sich beanspruchen dürfen, mag trotzdem dahingestellt bleiben. –

Bei der Kritik des jetzt in Kraft befindlichen JEIA-Verfahrens, das wohl die Tätigkeit des Exporteurs zuläßt, jedoch den besonderen Erfordernissen des auf "Übersee" eingestellten Exporthandels hoch nicht gerecht wird, übersieht so. mancher Exporteur, die Schwierigkeiten, die britischen und die amerikanischen Stellen mit dem Wesen und der Bedeutung des deutschen Exporteurs vertraut zu machen." Auf der anderen Seite befinden sich diejenigen deutschen Kreise im Irrtum, die aus dem JETÄ-Verfahren eine auf die "Ausschaltung" des Exporteurs abzielende Tendenz herauslesen und vielleicht der Ansicht sind, daß künftig die Ausfuhr nur auf der Basis des Direkt-Exports zur Abwicklung gelangen werde. Die englischen und die deutschen Verhältnisse lassen sich nicht miteinander in Übereinstimmung bringen. In England ist keine Industrie mehr als 50 km von einem Ausfuhrhafen entfernt; Küstennahe und geschichtliche Entwicklung ergaben dort von selbst eine überseeische Orientierung der Industrien; ganz abgesehen davon ist jeder Export im England Ausfuhr "über See". Die deutschen Ausfuhrindustrien haben ihre Schwerpunkte zumeist im Binnenland, weit abgelegen von den Ausfuhrplätzen und – ohne jenen direkten Kontakt mit dem internationalen Verkehr, der nun einmal unbestritten in den Seehafen gegeben ist. Die Entwicklung des in den Hansestädten beheimateten Überseehauses oder der Exportfirma war deshalb nicht zufällig. Von ihrer weiteren Betätigung hängt in entscheidendem, Maße der Übersee-Export Deutschlands ab.

– Übersee ist das Tätigkeitsfeld des hanseatischen – Exporteurs. Als das alte Kolonialsystem zu Beginn des 19. Jahrhunderts zusammenbrach, Mittel- und Südamerika ihre Unabhängigkeit durchfochten, waren es Bremer Und Hamburger Kaufleute, die in diese ihnen bis – dahin verschlossenen Länder vorstießen, und dort einen Markt erschlossen. "Die meisten deutschen Etablissements auf den verschiedenen Plätze" Amerikas, auf Kuba, San Domingo, St. Thomas; Portoriko, in La Gueira, Porto Cabello. in Mexiko, Chile und Peru sind hanseatischen Ursprungs", sehrieb 1848 ein Hamburger Kaufmann der als Pionier draußen gewirkt hatte. Und das war erst am Beginn der später, so glänzenden. Entwicklung des deutschen Handels mit Latein-Amerika. Neben Mittel- und Südamerika wurde frühzeitig. Ostasien, vor allem China, ein besonderes Tätigkeitsfeld des hanseatischen Handels, und Afrika war längst in den B1ickkreis des Hanseaten getreten, bevor das koloniale Wettrennen nach, den noch untergebenen Ländern der West- und der, Ostküste einsetzte, Eine Aufstellung der Weser-Zeitung vom Februar – 846 besagt, daß im Jahr 1845 von insgesamt 393 deutschen Handelshäusern im außereuropäischen Ausland nicht weniger als 277 in Händen von Hanseaten waren.

Aus dieser Zeit hat sich bis in unsere Tage die Form des Hamburger und des Bremer Überseehauses erhalten; Vielseitig orientiert gleichwertig mit dem Ausfuhrgeschäft werden die Importinteressen angesehen beschränken sich die Überseehäuser im allgemeinen auf einen einzelnen – oder wenige verwandte Märkte. Auf diesen allerdings wurden die Chancen, die sich, der Unter-–, nehmer-Initiative boten, weitgehend ausgenutzt. Man war nicht nur Großhändler, sondern in vielen Fällen auch Einzelhändler; Transportunternehmen wurden betrieben, Beteiligungen an Pflanzungs- oder Farmbetrieben waren nichts Seltenes, und manches Überseehaus engagierte sich auch in der Industrie. Eine recht starke – man kann wohl sagen einseitige – wirtschaftliche und finanzielle Verflechtung mit dem betreffenden überseeischen Land ergab sich von selbst. Eigene Niederlassungen und eigene Angestelltenschaft in Übersee’sind das allgemeine Kennzeichen des Überseehauses.

Seit der Jahrhundertwende trat der Exporteur mehr und mehr neben dem Überseehaus in Erscheinung. teils als eine Folge der industriellen Entwicklung in Deutschland, teils bewirkt durch die Entwicklung der überseeischen ’Länder. Dort, – wo der europäische Mensch für dauernd seßhaft wurde, wie – in den südamerikanischen Ländern und in den britischen Dominien, entstand eine selbständige Kaufmannschaft mit eigenen Ex- und Importinteressen. Diese Märkte wurden das Arbeitsfeld des Exporteurs. Wenn auch nicht in dem Umfang des Überseehauses, so ist auch der Exporteur durchweg. ,,ländergebunden". Zwar ist; er beweglicher in der Wahl und im Wechsel seiner Interessengebiete, jedoch hat die Entwicklung bisher gezeigt, daß sich das konservative Moment des Festhaltens am alten, Markt als das durchweg gesunde Prinzip erwiesen hat. Das Ausfuhrgeschäft läßt sich nun einmal nicht als eine Art Wandergewerbe betreiben, und diejenigen Firmen, die heute in China, morgen in Kostarika, ihr Glück versuchen, um sich vielleicht in der weiteren Zukunft um eine Verbindung in Südafrika zu. bemühen, bilden die Ausnahme.

Auf die Dauer wird der Erfolg nur den Firmen beschieden sein, die auf dem fremden Markt "zu Hause" sind. Das bedingt eine gewisse Konzentrierung auf bestimmte Länder, erfordert Treue zum Kunden oder zum Vertreter und stete Vertrautheit mit den Verhältnissen "drüben". Nur durch die genaue Kenntnis des fremden Geschmacks und der fremden Gepflogenheiten ist es dem Lander-Exporteur möglich, auf die Wunsche des Kunden einzugehen. Sein Geschäft basiert auf einem breiten Sortiment und auf der Fähigkeit, kleine und kleinste Aufträge neben großen Orders hereinzunehmen. Aber solange der Länder-Exporteur nicht in der Lage ist, auf eif-Basis zu verkaufen, sich eines marktkundigen Vertreters zu bedienen und selbst an Ort und Stelle aus eigener Anschauung der Verhältnisse – und in unmittelbarem Kontakt mit dem Käufer, zu disponieren, bleibt er in seiner Initiative und Bewegungsfreiheit gebunden. Diesen unbedingten Erfordernissen des Übersee-Exports wird das gegenwärtige Verfahren noch nicht gerecht.

Allen Handicaps zum Trotz haben Hamburgs und Bremens Exporteure wieder die ersten Fäden nach draußen gesponnen. Unzählige Briefe aus allen Teilen der Welt laufen wieder täglich in den Hansestädten ein, ein Zeichen, daß der "good will" des hanseatischen Handels nicht gelitten hat. Dieser good – will zählt aber, zu den Imponderabilien unseres Exports, die auf die Dauer mehr ins Gewicht fallen als ein einmaliges Gelegenheitsgeschäft.