Luthers Glaube ist im Laufe der Jahrhunderte mannigfachen Mißdeutungen ausgesetzt gewesen, sogar bei denen, die sich von Amts wegen mit seiner Lehre zu beschäftigen hatten. Kierkegaard etwa, dieser herrliche Kopf, der doch zugleich auch ein warnendes Beispiel war für die eine Gefahr des Protestantismus, die Gefahr der Intellektualisierung, schreibt einmal in seinen Tagebüchern: "Luther hat das höchste geistige Prinzip eingesetzt: bloße Innerlichkeit. Das kann so gefährlich werden, daß wir zu dem aller-allerniedersten des Heidentums herabsinken können, wo sinnliche Ausschweifung als Gottesdienst gefeiert wurde." Bloße Innerlichkeit? Wann hätte Luther die als ein führendes geistiges Prinzip eingesetzt? Er hat doch gerade den "Enthusiasmus", jenes innere Wogen, das schon dem Namen nach die aufquellende religiöse Begeisterung bezeichnet, scharf abgelehnt zugunsten des "äußeren Wortes", des reinen und klaren Bibelglaubens: "Der Enthusiasmus sticket in Adam und seinen Kindern von Anfang bis zu Ende der Welt, von dem alten Drachen in sie gestiftet und gegiftet ... Darum sollen und müssen wir darauf; beharren, daß Gott nicht will mit uns Menschen handeln denn durch sein äußerlich Wort und Sakramente" Wenn schon in Kierkegaards Luther-Bild sich solche Verzeichnungen haben einschleichen können. wieviel mehr hat die landläufige Vorstellung von Luthers Leben und Lehre unter ihnen leiden müssen! Der Durchschnittschrist bewundert Luther bis zum Wormser Reichstag als einen Helden, einen Propheten im Carlyleschen Sinne, während er ihn spätestens vom Augsburger Reichstag an als einen langsam verfettenden Theoretiker leise verachtet. Beide Vorstellungen sind ebenso falsch, wie wenn man den Leipziger und Straßburger Goethe auf den ständig strudelnden Feuerkopf, den Weimarer Goethe: auf den stagnierenden Staatsbeamten festliegen wollte. Luther ist niemals ein Heros im populären Sinne gewesen, denn: seine -Leidenschaft saß viel zu tief, als daß sie sich in – theatralisch-hysterischen Plötzlichkeiten, fiebernden Temperamentsausbrüchen hätte entladen können; andrerseits ist der alternde Luther weder ein grämlicher Rechthaber (Bauernkrieg) noch ein feister Genießer (Tischreden), er ist auch weiterhin ein Mann, der zwischen seinen inneren Anfechtungen und der ständigen Bedrohung durch die Reichsacht ein höchst gefährdetes Leben führt. Dabei greifen die Wurzeln seiner Religiosität immer weiter in die Tiefe, in das Dunkel der letzten Erschütterungen: "Den Vergil in’seinen Bucolicis kann niemand verstehen, er sei denn fünf Jahre Hirte gewesen; den Cicero in seinen Episteln kann niemand verstehen, er habe denn sich 25 Jahre in einem großen Gemeinwesen bewegt; die Heilige Schrift meine niemand genug geschmeckt zu haben, er habe denn 100 Jahre lang mit Propheten wie Elias und Elisa, Johannes dem Täufer, Christus und den Aposteln die Gemeinde regiert. Versuche nicht diese göttliche Aeneis, sondern neige dich tief anbetend vor ihren Spuren! Wir sind Bettler – das ist wahr": Man bedenke, das sind die letzten – schriftlich aufgezeichneten Worte eines Mannes, der sein ganzes Leben mit der Bibel verbracht hatte, der bei seiner Übersetzungsarbeit jede hatte, jedes Mitklingen des Ungesagten sorgsam erforscht hatte!

Es ist bedeutsam, daß D. Dr. Hanns Lilje, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannover und Ehrendoktor der Universität Göttingen, gerade dieses Luther-Wort in den Mittelpunkt seines-Buches stellt ("Luther, Anbruch und Krise der Neuzeit", Lätare-Verlag, Nürnberg). Denn dem freiwilligen Bettlertum, das sich in Luthers demütigen Worten offenbart, steht, unser unfreiwilliges Bettlertum gegenüber, das die notwendige Folge einer "schweren metaphysischen Verarmung" ist. "Das Individuum, das sich selbst zum Maß der Dinge gemacht hat, ist nun an sich selbst irre geworden und in dem Kosmos, den es selbst, ohne Gott und ohne irgendeine jenseitige Bindung beherrschen wollte, heimatlos geworden wie nie zuvor." Was könnte zurückführen ausdieser Heimatlosigkeit? Die Fähigkeit zum Glauben, die im Abendlande (also nicht nur in Deutschland) fast erloschen ist. "Es ist einfaches brutales historisches Faktum, daß Europa nicht mehr sein kann was es war. wenn es weiterhin so völlig beziehungslos dem christlichen Glauben gegenüber-, steht." – Aber wie könnte man zurückfinden? Wäre nicht jeder Rückweg nur eine pessimistisch angekränkelte Flucht? Ist es überhaupt möglich! aus Konventionschristen wieder Jünger und Zeugen zu machen? Doch, meint Hanns Lilje, gerade unserer Generation, der die Frage Hiobs an Gott mit der Frage Luthers nach dem gnädigen Gott zusammenfällt, ist eine solche praktische Umkehr möglich, indem wir, dem Zorn Gottes wehrlos preisgegeben, "die Glaubensentscheidung der Reformation in unserer geschichtlichen Situation Wiederholen." Wir müssen nun einmal die existentielle Frage stellen, wir müssen die Zugehörigkeit zur christlichen Kirche zu einer Sache der persönlichen Glaubensentscheidung machen. Werden wir dazu noch die Kraft haben? Wenn nein, so wird uns der Nihilismus verschlingen; wenn ja, so wird sich die Wirkungskraft der Kirche zwar verengen, aber dafür vertiefen, und "das kommende Christen? tum wird – in allen Konfessionen! – urchristlicher sein! als es die Kirche im bürgerlichen Zeitalter Bein konnte." Das Buch von Hanns Lilie, in der Gestapo-Haft, also im Angesicht des Todes entstanden; ist keine historisch abgerückte Biographie, sondern ein Bekenntnis. Ein Bekenntnis zu dem Manne, der die Reformation in sich austrug, er die Unverretbarkeit vor Gott, die ihm mit der Erkenntnis der Todeseinsamkeit des Menschen aufgegangen war, auch für das Leben erkannte. Werden wir eine Reformation im Sinne dieses Kampfes wiederholen können? Oder hat der Blitz noch immer nicht nahe genug neben uns eingeschlagen? Werden wir die christliche Basis Europas und damit das Abendland überhaupt erneuern oder werden wir in das Vakuum abstürzen, dem wir mit unserm "Säkularismus", unserer zivilisatorischen Überheblichkeit selbst Raum geschaffen haben? Die Antwort gibt Ricarda Huch in ihrem. Buch "Luthers Glaube" am Ende des 22. Kapitels: "Als wir alt und lahm wurden, machten wir uns goldene Flügel; aber sie tragen nicht; sie ziehen uns in den Staub. Erst wenn Wir sie abgeworfen, haben, werden wir wieder fliegen können."