Von Ernst Single

In einem großen Land mit Wäldern und Schiffen, mit Bergen, Fabriken und Wolken lebte ein kleines Mädchen. Seit es wußte, daß es lebte, war es achtsam und wollte das Leben nicht wieder verlieren. Sein Spielgefährte, ein alter Hund, war von einer anderen Art. Er humpelte mit dem Mann der ihn aus lauter Mitleid totschießen sollte, hinaus, als ginge es zum Plantschen in den blauen See. Auf einmal war er tot und wußte es nicht.

Das Kind aber lebte weiter, und bald geschah ihm das erste Leid. Es wäre nicht so schlimm gewesen, wenn das kleine Mädchen den Schmerz schon gekannt hätte. Aber der Schmerz überfiel es jäh wie der Tod den alten Hund. Und von da an war alles verändert.

Niemand hatte bemerkt, daß das Kind das grasgrüne Schneewittchen so liebte. Es war ein dummes Spielzeug, von einer schwarzen Maschine mit hundert anderen seinesgleichen achtlos in einen Drahtkorb gespuckt und für ein paar Pfennige gekauft. Aber für das Kind war es ein Glassarg, grün wie Gras, und darunter eine-silberne Prozessin mit einer Krone von Gold. Zunächst schlief die Prinzessin noch, aber sie konnte heute erwachen oder morgen unter ihrem grasgrünen Glas, und dann wollte das kleine Mädchen mit ihr spielen, mit einem richtigen Königsfräulein, so klein, daß es den Knicks auf jeder Kinderhand hätte vollführen können.

Aber es kam nicht dazu. Ein Straßenjunge zerschlug den kleinen grünen Sarg mit einem Hammer und warf die Prinzessin mit spitzen Fingern auf und warf Die grünen. Scherben brauchte er, um indie Sonne zu sehen.

Das war wirklich ein Unglück für das kleine Mädchen. Es schrie bis zum Abend, und in der Nacht bekam es Fieber, und am nächsten Tag hatte es die dunklen Augen einer Stummen. Seine Mutter suchte es mit Küssen zu erwecken, aber es ging umher wie ein kleiner Puppenautomat. Und dann hielt ihm sein Vater eine Vaterrede. Er schüttelte das kleine Mädchen und sagte, wenn es vor so einem Nichts schon erschrecke, was solle werden, wenn das Leben erst seinen ganzen Sack über ihm ausschütte.

Das Leben aber schüttete nicht seinen ganzen Sack aus Es streute alles gemächlich hin: Das Kind wurde ein schönes Fräulein und hatte einen Liebsten. Nachdem die beiden lange Zeit selig gewesen und sich oft und immer wieder im blühenden Rittersporn geküßt hatten, schrieb ihr der Liebste einen Brief auf seiner Schreibmaschine, daß er in die Ferne ziehe, weil er ihrer nicht wert sei. Einen Monat später heiratete er die Tochtereines Kühlschrankfabrikanten. Das Fräulein weinte lange, aber es zerschnitt, ihr nicht mehr mit Messern die Seele. Sie heiratete einen anderen, und es war kein Unterschied. Sie liebte ihn auch. Dann gebar sie Kinder, und es starb ihr der Mann unschuldig im Gefängnis, weil man seinen Namen verwechselt hatte. Was sollte sie tun? Sie wollte das Leben nicht verlieren und verlor es auch nicht. Kriege kamen, ohne daß vorher Frieden gewesen wäre. Es stand zu lesen, daß viele Millionen umgekommen wären. Es ging nicht in sie ein. Ein jeder stirbt nur einen Tod, dachte sie und malte ein Kreuz auf das Bild ihres getöteten Sohnes.