Im Zonenbeirat stand kürzlich die Demontage der Kruppwerke zur Debatte. Vor der deutschen Aufrüstung, im Jahr 1930, waren in den Kruppwerken 40 000 Arbeiter beschäftigt. Heute sind es 16 000. Nach Durchführung aller Zerstörungen und Demontagen werden es nur noch 6000 sein. General Bishop erklärte vor dem Zonenbeirat, daß 8000 Arbeiter auf Jahre hinaus mit den Demontagearbeiten beschäftigt werden könnten, während weitere 2000 von der Essener Stadtverwaltung zu übernehmen wären, so daß die Demontage der Kruppwerke nicht zu einer Arbeitslosigkeit in Essen führen würde.

Diese Zahlen, sind als Zahlen unanfechtbar, da die Addition von 6000 Weiterbeschäftigten, 8000 Demontagearbeitern und 2000 Stadtverwaltungsarbeitern insgesamt 16 000, also die Zahl der heute bei Krupp Beschäftigten, ergibt. Aber General Bishops Rechnung ist nicht geeignet, in Essen und überhaupt in Deutschland Beruhigung auszulösen. Sie ist vielmehr im höchsten Grad bestürzend und erschütternd. Man führe sich vor Augen: fast zweieinhalb Jahre nach Einstellung der Feindseligkeiten wird der Entschluß gefaßt oder neubestätigt; 8000 Menschen, zu einem nicht geringen Teil hochqualifizierte Arbeiter, in dem zerstörten Deutschland "auf Jahre hinaus" planmäßig weitere Zerstörungen ausführen zu lassen. In einer einzigen Stadt. In einem einzigen Konzern. Eine Rechnung, die einfach Beschäftigte = Beschäftigte setzt, verdeckt das Wesentliche. Abbaubeschäftigte und Aufbaubeschäftigte lassen sich so wenig addieren wie Äpfel und Birnen, Und Abbaubeschäftigte sind auf jeden Fall, eine schlimmere Tatsache als Arbeitslose. Der Arbeitsloseträgt zum Sozialprodukt nichts bei, aber der Zerstörungsarbeiten trägt darüberhinaus Substanz ab, eine Substanz, die einen Beitrag zum Sozialprodukt ermöglichen könnte. Für die Volkswirtschaft wäre es daher immer noch weniger schädlich, den vollen Lohn an 8000 Arbeitslose als an 8000 Abbauarbeiten zu zahlen. Für die Volkswirtschaft ist der produktiv Arbeitendeein Plusbeschäftigter, der Arbeitslose ein Nichtbeschäftigter, der Zerstörungsarbeiten ein Minusbeschäftigter. In der Rechnung General Bishops bleibt die Tatsache vernachlässigt, daß aus 8000 Plusbeschäftigten 8000 Minusbeschäftigte werden, und das ist die entscheidende Tatsache. Der Trost, daß keine Nichtbeschäftigten entstehen, ist ein falscher Trost. Und inwieweit die der Stadtverwaltung zuzuführenden 2000 Arbeiter als Plusbeschäftigte zu gelten haben, das bleibt, mit gebührender Skepsis, abzuwarten.

Fast noch schlimmer liegt der Fall der Holmagwerke. Hier wird ein Betrieb stillgelegt und mit Demontage bedroht, Weil es ihm gelungen ist, sich schnell und wirksam auf Friedensproduktion umzustellen. Normalerweise werden positive -Leistungen positiv gewertet. Eine Welt, in der sie nicht belohnt, sondern bestraft werden, muß eine verkehrte Welt sein. Deutsche Aussteller werden sich auf zukünftigen, vom britischen Handelsministerium protegierten Exportmessen hüten, ihr Bestes zu zeigen, solange die Gefahr droht; daß der vermeintliche Protektpr leistungsfähige Firmen nach Schluß der Ausstellung zum Tode verurteilt. Der Nachgeschmack von Hannover ist bitter.

Die Kurve des Vertrauens der deutschen Bevölkerung zur britischen Besatzungsmacht ist noch immer im Sinken. Es liegt nicht im Interesse der Beteiligten, das zu vertuschen. Die Atmosphäre läßt sich vielmehr nur durch offene Worte bereinigen. Würde man heute bei uns einen Gallup-Poll veranstalten mit der Frage: "Liegt die Fehlentwicklung in der britischen Zone, soweit die Engländer dafür verantwortlich sind, daran, daß sie nicht können, oder daran, daß sie nicht wollen?", so würde sich die Mehrheit der Befragten für das Nichtwollen entscheiden. Das ist, nach fast zweieinhalb Jahren Besetzung, ein ernster Tatbestand. Nicht wenige deutsche Politiker wittern daher, daß es auch in Deutschland so etwas wie eine Kollaborationsfrage geben könnte. Weil sie das wittern, werden sie noch unsicherer, als sie ohnehin schon sind, und bemühen sich, bei jeder sich bietenden Gelegenheit etwas an der Besetzungspolitik auszusetzen. Solange sie noch ernannt und nicht gewählt waren, zeigten sie sich meistens weniger kühn. Aber auch die heutige "Kühnheit" wirkt nicht immer überzeugend. Es ist nichts gewonnen, wenn man nur bekrittelt, um zu bekritteln, erst recht nicht, wenn man bekrittelt, um sich ein Kollaborationsalibi zu verschaffen. Leider leben wir immer noch im Zeitalter, der Taktiker. Sie sagen heute dies oder jenes, damit morgen etwas vorausberechnet Vorteilhaftes über sie gesagt wird. Die Besserung der Zustände kommt bei solchen Echomenschen erst in zweiter Linie.

Dagegen ist einer positiven Kritik einzig, und allein an einer Besserung der Zustände gelegen. Sie will Wunden nicht schlagen, sondern heilen, wozu freilich gehört, daß man vorhandene Wunden erkennt und benennt. Das trifft auch für die britisch-deutsche Beziehung zu. Die Fälle Krupp Und Holmag wären nicht so wesentlich, wenn es sich nur um vereinzelte Mißstände oder Mißgriffe handelte. Aber sie sind in Wahrheit symptomatisch, und deshalb muß der Finger, in diese "Wunde" gelegt werden.

Daß es eine "verkehrte Welt" sein muß, in der Tausende von Arbeitern abbauen statt aufzubauen, In der ein Werk stillgelegt wird, weil es "zu schnell" auf den Friedensstandard gebracht wurde, soviel haben die meisten von uns in den Fingerspitzen. Aber dieses "Verkehrte" muß genauer bestimmt werden, damit die Kritik wirklich positiv werden kann. Man wird einwenden, Krupp sei durch Generationen hindurch die "deutsche Waffenschmiede" gewesen, und eine deutsche Waffenschmiede dürfe es eben im Interesse des Weltfriedens unter keinen Umständen mehr geben. Und man sagt uns tatsächlich, daß bei den Holmagwerken nicht etwa die Umstellung auf Friedensproduktion bedenklich sei, sondern die daraus zu Folgernde Möglichkeit einer ebenso schnellen und wirksamen Rückschaltung auf Kriegsproduktion. Damit wird ausgedrückt, daß vor allem die deutsche Kriegsgefahr abgebaut werden müsse, und daß es nun einmal nicht zu ändern sei, wem hierbei ein nennenswertes Friedenspotential mitabgebaut wird. Und natürlich solle gar nicht nur demontiert und zerstört werden; ein Teil der in Deutschland abgebauten Substanz komme ja gerade als Reparation anderen Ländern zugute.