Von Hanns Braun

Weit mehr als ein Jahrhundert lang hat das Wort "Ausbeuter" dazu gedient, einen bestimmten Menschentyp zu kennzeichnen. Was bis zur großen französischen Revolution die "Herren", also die Aristokraten waren in der Sicht der Bürger, das wurden nur wenige Jahrzehnte später diese Bürger selbst, als es ihnen gelungen war, mit Hilfe des Maschinenwesens ihresgleichen von den unlängst gewonnenen Privilegien wieder "abzuhängen" und so die Ärmeren neuerdings in eine Botmäßigkeit zu bringen, die den Geboten der Nächstenliebe vielfach widersprach. Freilich, es ist nicht die Absicht dieser Zeilen, das Geflecht von Schuld und Zwang der Verhältnisse, von individueller Gier und von Dingen, die bald mächtiger waren als der einzelne, hier aufzuzeigen, um so weniger. als wir meinen begriffen zu haben, daß Erscheinungen wie das Entfalten der Technik – und die damit verknüpfte Spaltung in Besitzbürgertum und Industrieproletariat – nicht einfach Glieder einer Entwicklungskette waren, in der noch alles offen, vertauschbar oder auszulassen gewesen wäre, sondern eher doch wohl als die verschiedenen Ausdrucksformen eines tieferen Vorgangs, einer schon vollzogenen "Sünde" und nunmehr ausbrechenden Übels zu fassen sind. Wiederum soll damit nicht die Schuld, weder die große noch die an die Person geknüpfte und täglich sich erneuernde, zugunsten eines "unabänderlichen Verlaufs", wegeskamotiert, sondern es soll lediglich der Versuch, entmutigt werden, die Pocken durch Kratzen der Pusteln zu heilen, – was die Sache bekanntlich nur schlimmer macht.

Genug für unsere Zwecke, wenn wir feststellen, daß für die sich vorzüglich Entrechtet-Fühlenden, (und das waren die Arbeiter) ein Jahrhundert lang der Begriff des "Ausbeuters" zusammenfiel mit dem des Fabrikanten und Kapitalisten: er war für sie derjenige Mensch, der, um schnellstens reich zu werden, ihre Arbeitskräfte lediglich "ausbeutete", worin der Vorwurf lag, jener habe sie weder am besseren Leben noch an der größeren Freiheit (durch verringerte Arbeitszeit) noch an der Macht (durch Mitbestimmung im Werk) teilnehmen lassen, sondern diese durch die Technik ermöglichten Vorteile der Lebenssicherung und -erhöhung in unvertretbaren Ausmaßen sich selber vorbehalten.

Als dann eine der Lehren, mit denen der Kampf um die Herstellung einer neuen Gesellschaft an Stelle der geborstenen alten geführt wurde, als der Marxismus Gelegenheit bekam, sich da und dort zu verwirklichen, zeigte sich sofort, wie tief sich die Entzweiung schon eingefressen hatte: die nun siegreichen Entrechteten von gestern schienen selbst ein gewaltiges und gewalthaftes "Milieu"-Ändern nicht für ausreichend zu halten zum Wiederherstellen einer zusammenschließenden einheitlichen Gesellschaftsordnung: betrachteten und behandelten vielmehr den "Ausbeuter" (und alles, was sie ihm zurechneten, insbesondere die bürgerlichlebende Intelligenz) als unheilbar verdorben. Demgemäß suchten sie, über die Stadien der Vergeltungswut hinaus, deinesgleichen nicht nur zu entmachten, sondern schlechthin zu vernichten, und dieser Systematik danke die neuere Menschheit unter anderem jene Arbeitslager, die in immer neuen Spielarten, wie ein Fluch, unser aller Leben auch dann vergällen und entwürdigen, wenn wir ab und an nicht unmittelbar von der "Einweisung" bedroht sein sollten.

Die doppelköpfige. Frage erhebt sich, ob es gelungen ist, den Ausbeuter zu vernichten, ob es hat gelingen können; und das letztere werden wohl nicht nur diejenigen verneinen, denen Einsicht in die Natur des Menschen und persönliche Erfahrung alles Gewalthafte als Heilmittel von vorneherein verdächtig machen. In der Tat haben sich Unheil und Verderb daran nur gemehrt, und wer da fragt, ob (irgendwo auf der Welt) die Ausbeuter ausgerottet seien, scheint es nur höhnenderweise zu tun.

Aber eines ist nun gar wohl zu beachten, nachdem, wie wir zuerst klargelegt haben, der Begriff eine ganz bestimmte Zielrichtung, nämlich die antibürgerlich-antikapitalistische, ziemlich früh bekommen hat und in diesem Sinne ein vertrautes politisches Schlagwort hat werden dürfen. Es ist zu fragen, ob die liebe Gewohnheit, noch berechtigt und der Ausbeuter nach wie vor dort zu suchen ist. wo man ihn ursprünglich allein "ansässig" wähnte.

Kein Zweifel, daß die bürgerlich-kapitalistischen Endformen, trotz allen Einschränkens und Überwachens und trotz eines stark zerrütteten Prestiges (wie es die weltweite Vertrauenslosigkeit offenhält), den Ausbeuter als Möglichkeit noch immer in sich haben. Aber ebenso sicher ist, daß es den Ausbeuter seither in manch anderen Couleurs und Spielarten, und zwar in recht bemerklichen ‚und‘ lästigen, hat geben sollen. So sind zum Beispiel für die meisten Angehörigen eines Berufs, der nur in Geld honoriert wird, gegenwärtig alle diejenigen zu "Ausbeutern" avanciert; die ihre Machtposition (ihre Unentbehrlichkeit und unsere Notdurft) dazu ausnützen, sich unserer Habe zu bemächtigen. Ob es sich hierbei mehr um Gegenstände oder mehr um Nahrung oder Tabak handelt, ist einerlei, auf jeden Fall macht der "Entzug" viele von uns ungebührlich ärmer das Wichtigere aber scheint zu sein, daß es nunmehr häufig – in direkter Umkehr des ursprünglichen Verhältnisses – der Arbeitende selber ist, der zum Ausbeuter wurde und sein Ausbeutertum anscheinend ohne Gewissensbisse mit den nämlichen Argumenten deckt wie sie der Kapitalist von einst gegen den Benachteiligten ausgespielt hat, wenn er ihm die Erhaltung eines "gesunden." Betriebs als oberste. Forderung vor Augen rückte.