Am 15. August 1947. strömte eine große Menschenmenge zum Lancaster House in London und füllte die rot ausgeschlagene Halle, die Treppen und die Galerie in der Erwartung einer bedeutsamen Zeremonie. Die weißen Gewänder, die feierliche Stimmung der vielen indischen Besucher hätten auch dem Uneingeweihten verraten, daß diese Zeremonie das Ende des indischen Kronreiches und die Geburtsstunde eines neuen Staates bedeuten sollte. Kurz vorher war auf dem India House. die gelbweißgrüne Flagge des neuen, indischen Dominions (ursprünglich sollte es Hindostan heißen) aufgezogen worden, und das blaue Spinnrad im weißen Felde hatte Gandhis Sieg – den Sieg der unbewaffneten Ausdauer – verkündet. Jetzt, nach einem kurzen Gebet aus dem Koran, stieg im Lancaster House auf der blumengeschmückten Plattform eine andere Flagge hoch, die Flagge des zweiten neuen Dominionstaates Pakistan: dunkelgrün mit einem weißen, aufgehenden Halbmond und – einem fünfzackigen Stern; an der Stange, ein Viertel des Fahnentuches ausmachend, ein weißer, senkrechter Streifen. Merkwürdig, dieser weiße Streifen: die Farbe der Unschuld, der Unberührtheit, der Ergebung, ja der Hilflosigkeit. Aber hier hat er auch eine statistische Bedeutung. Er versinnbildlicht die Minoritäten, die dem neuen Staat anvertraut waren, die von ihm Schutz und Toleranz erwarteten. Pakistan umfaßt die kindischen Mohammedaher, die grüne Fahne: mit Halbmond und Stern ist die Fahne der Moslem-Liga. Der weiße Streifen, das sind die Sikhs und die Hindus, denen das Los der Diaspora zugefallen ist.

Der gleiche 15 August sah riesige Freuden-Kundgebungen in ganz Indien. Fast schien es, als sei der Streit zwischen Hindus und Moslems endgültig begraben. Aber auch Festtage gehen vorüber. Was folgte ihnen? Unruhen, begannen im östlichen Pandschab, dem Teil der alten Provinz der zum hinduistischen Indien geschlagen worden war, mit Amritsar, dem heiligen Bezirk der Sikhs, und mit Jolundur. Auch da gab es eine Minorität, aber diesmal eine mohammedanische. Die Sikhs aber waren von ihrem höchsten Heiligtum, Nankana Sahib, dem Geburtsort des Begründers ihrer Sekte, ausgeschlossen: der lag drüben in Pakistan. Sie bewaffneten sich und überfielen die mohammedanischen Ortschaften bei Amritsar.

Was nun geschah, war "tausendmal entsetzlicher als irgendwas, was ich während des Krieges sah", das ist die Meinung vieler indischer und britischer Offiziere zu diesem Gemetzel, das die Sikhs unter den Moslems im Ost-Pandschab anrichteten. Die folge waren lange Züge von Flüchtlingen, die sich in den West-Pandschab zu retten versuchten. Dort, in Lahore vor allem, braut sich eine gefährliche Atmosphäre zusammen aus Aufregung, Hysterie, Zorn und Rachedurst. Es konnte nicht ausbleiben, daß unter den Minoritäten im Wcst-Pandschab eine Panik ausbrach: eben unter den Sikhs und den Hindus, denen der weiße Streifen in der Flagge des neuen Staates galt: Inzwischen hat Indien der Regierung von Pakistan angeboten, die Hindus und Sikhs aus dem West-Pandschab mit Flugzeugen und Lastwagen abzuholen und die gleichen Erleichterungen den Mohammedanern im Ost-Pandschah

25 000 Menschen sind im August im Pandschab getötet werden, eine halbe Million Flüchtlinge ist unterwegs, in beiden Richtungen. Der weiße Streifen in der Flagge von Pakistan tropft von Blut. Es ist nicht gut auf einem Fahnentuch Bevölkerungsstatistik zu treiben. Die Intoleranz und Brutalität der Masse kennt die Ehrfurcht vor dem Schwachen nicht mehr. Man wird die Flagge ändern müssen ... Hans Hässlin