Von Kurl Alboldt

Als englische und amerikanische Blätter aus Paris berichteten. André Malraux – Archäologe, Dichter, Denker und früherer Kommunist – gehöre jetzt zum Brain-Trust General de Gaulles, blieb man skeptisch. Sollte sich damit wirklich eine Art Parallele zu Arthur Koestler, dem Wahlengländer, ankündigen? Inzwischen bestätigten Angriffe kommunistischer Zeitungen, wie der "Humanité", diese Nachricht, die ein interessantes Schlaglicht wirft auf die Gärung und die Spannungen im politischen wie im geistigen Leben Frankreichs.

Ein paar Stationen aus dem bewegten Leben Malraux’, des politischen Aktivisten par excellence: 1923 als junger Archäologe in Indochina, ein Jahr später an führender Stelle in der Partei Jung-Annam stellvertretender Generalsekretär der Kuomintang für Cochinchina, dann als Fünfundzwanzigjähriger Mitglied des Zwölferkomitees; zu dem auch Tschiangkaischek gehörte, und Propagandakommissar der Kantoner Nationalregierung für die Schlüsselprovinzen Kwangsi und Kwantung. Als Tschiangkaischek mit der Dritten Internationale bricht, verläßt Malraux China, kehrt nach kurzem Aufenthalt als Kunstsammler in Persien und Afghanistan nach Paris zurück, ist für den Verlag Gallimard literarisch – tätig, und macht im Frühjahr 1934 wieder von sich reden: durch einen Flug über die Straße von Bab-el-Mandeb in die nahezu unerforschte südarabische Wüste Rub’al Chali (Leerer Raum), von wo er die – von den Fachgelehrten umstrittene – Entdeckung der legendären Stadt der Königin von Saba meldet. Er ist weiter als Antifaschist aktiv, setzt sich in Massenversammlungen für den verhafteten Thälmann ein, protestiert gegen Italiens Abessinienannexion, gründet mit Aragon die Internationale Autorenvereinigung zur Verteidigung der Kultur. 1936/37 kämpft er als Chef einer rotspanischen Flugzeugbrigade und wird zweimal verwundet; 1942/44 ist er Maquisführer, wird von der Gestapo verhaftet, zum Tode verurteilt. aber im letzten Augenblick befreit; 1945 wird er für kurze Zeit Informationsminister im Kabinett de Gaulles. ‚,Sein freiwilliger Dienst", sagt Sartre über den "Romantiker" Malraux, "war immer ein wenig ziellos – man könnte sagen, daß er sich fast ausschließlich dafür interessierte, den Tod und das Böse herauszufordern, und daß ihm das Endziel gleichgültig war." – Die Zukunft wird zeigen, ob dieses Wort seine Berechtigung hat.

Die kämpferische, weltweite Aktivität aber ist nur eine Seite dieses Mannes. Sein Leben spiegelt sich in seinem dichterischen Werk, das internationalen Rang hat. Seine ersten beiden Romane gestalten seine Erfahrungen und Erlebnisse in den blutigen Bürgerkriegswirren Chinas: "Les Conquérants", inzwischen in elf Sprachen übersetzt und 1929 auch deutsch erschienen ("Eroberer" ist bis jetzt das einzige bei uns vorliegende Werk), war anfänglich kein Publikumserfolg; "La Condition humaine" aber erhielt 1933 den Goncourt-Preis und stellte den Zweiunddreißigjährigen in die vorderste Reihe der jungen Schriftstellergeneration, nicht nur in Frankreich. "Außerhalb Dostojewskis und Maxim Gorkis Werk", schrieb ein amerikanischer Kritiker, "gibt es vielleicht kein anderes Buch, das diesem vergleichbar wäre in seiner absoluten – und nackten Intensität menschlichen Leidens." – 19 37 erschien sein berühmtes Spanienbuch "L’Espoir", das mit dem Hemingways, und Koestlers zu den gültigen gehört, und nach welchem Malraux noch während des spanischen Bürgerkrieges in den Pyrenäen den Film "Tage der Hoffnung" drehte. Für uns Deutsche, besonders aufschlußreich und erregend ist sein schon 1935 veröffentlichter Kurzroman "Le Temps du Mépris" (Die Zeit der Verfemung): ein internationaler Erfolg, in den USA ein Book of the Month, in Deutschland natürlich totgeschwiegen.

Is ist die Geschichte des Mannes Kassner, eines deutschen Kommunistenführers, der’-aus den Nazigefängnissen mit einem illegalen Flugzeug nach Prag entkommt, der nur deshalb in die Freiheit und zu Frau und Kind zurückkehren kann, weil ein anderer, ein unbekannter Genosse, sich bei den Verhören für ihn ausgibt und sich für ihn opfert. Meisterhaft geschrieben ist diese Heimkehr ins Leben in einem komprimierten, zuweilen flackernder und kaum ganz zu übersetzenden Stil, voll psychologischer Feinnervigkeit und dichterischer Kraft: das Bild eines Mannes, eines Menschen, das sich für lange einprägt: ",...oft und oft hatte Kassner sich gefragt, was angesichts der beiden sibirischen Leichen damals, die mit zerschmetterten Geschlechtsteilen, Schmetterlinge ums Antlitz, dalagen, das Denken überhaupt noch wert war. Kein menschliches Wort reichte so tief wie die Grausamkeit Die männliche Bruderschaft aber kam ihr nahe bis in die tiefsten Tiefen des Blutes, bis in die verbotenen Winkel des Herzens, wo Folter und Tod nebeneinander kauern..." – Malraux stellte dieser Erzählung, die man demnächst auch in Deutschland kennenlernen wird, die Widmung voran: "Den deutschen Genossen, auf deren Wunsch ich das, was sie durchlitten und durchgestanden haben, der Nachwelt überliefere."

Abgesehen von einem Sammelband "Scenes choisis" (bei Gallimard 1946) und "Les noyers de l’Altenburg" (dem ersten Band eines geplanten größeren Romanwerkes), in den letzten Jahren nichts veröffentlicht. Man mag zu diesem Mann der Aktion und des Intellekts stehen wie man will: ein weitgespanntes, ungewöhnliches Leben ist von ihm gelebt worden, ein reiches, ungewöhnliches Talent hat in ihm seinen Ausdruck gefunden – seinen französischen, seinen europäischen Ausdruck! Und mit Spannung, erwartet man sein großes Werk über die "Psychologie der Kunst", das noch 1947 erscheinen soll (Verlag Skira, Genf und Paris) seit über zehn Jahren arbeitet er daran, sein Manuskript ist ihm, wie er 1944 in einem Interview sagte, damals von der Gestapo weggenommen und verbrannt worden. Wohin dieses sein jüngstes Werk Zielen wird, das zu Recht wohl als die Quintessenz seines Denkens bezeichnet werden kann, verdeutlicht vielleicht ein Wort, das in seinem auch in Deutschland viel beachteten Vortrag an der Sorbonne während der UNESCO-Tagung im vergangenen Herbst fiel: "... Die geistigen Unternehmungen der Gegenwart sind bezeichnet durch ihren Ausgangspunkt und durch ihren Gegenstand. Kolumbus kannte den Ausgangspunkt besser als sein Ziel. Wir aber können unser Menschsein einesteils nur auf die Tragik gründen, die darin liegt, daß wir – als Menschen – nicht wissen, Wohin wir gehen; und andernteils auf einen Humanismus. der seinen Ausgangspunkt kennt und weiß, was er will. In diesem Sinne ist die Kunst Europas nicht etwas Ererbtes, sondern etwas Gewolltes, Und so wird Europa, selbst keine Erbschaft sein, sondern ein Streben – oder ein Sterben."