Die Bürger von Kiel bezeugten in den Darbietungen, die sie aus Anlaß der ‚,Aufbauwoche" für sich und ihre Gäste folgen ließen, daß sie trotz der ihnen verbliebenen "bescheidenen Reste des wirtschaftlichen Fundaments" ihrer Stadt entschlossen sind, diese "mit dem Mut der Verzweiflung zu Verteidigen und die primitivsten Voraussetzungen für einen künftigen Neubau zu schaffen" – so versprochen in dem Geleitwort ihres Programmheftes. Zu diesen Darbietungen zählten auch die Festaufführungen des erhaltengebliebenen Kleinen Theaters der Stadt, dessen neuer Chefdramaturg Dr. Gnekow vor einigen Wochen von der Bühne Saladin Schmitts-Bochum nach Kiel gekommen ist und an der Planung der Aufführungen einen wesentlichen Anteil haben dürfte. Seltsam will uns in der Woche des Aufbaues und einer drohenden Demontage die symbolische Zufälligkeit erscheinen, die sich in der Aufführung des Bühnenspiels von Georg Kaiser "Die Bürger von Calais" zeigt, jenem gewiß stärksten Schauspiel des Dichters, der darin um die Gestalten von sieben todgeweihten Bürgern ein doppeltes Erlösermotiv rankt: der älteste von ihnen opfert sich, indem er vor ihnen aus dem Leben scheidet, um die sechs von dem englischen König geforderten, dem Tode verfallenen anderen nicht uneins unter sich werden zu lassen, und zu gleicher Zeit ersteht diesen ein Retter in der Geburt eines. Knaben – Sohn des englischen Königs, der damit die geforderte Sühne erläßt und den sechs todgeweiht ten Bürgern das Leben zurückgibt. Dies ist also die schöne Fabel des Kaiserschen Theaterstückes, das viele Jahre hindurch auf den deutschen Bühnen nicht gezeigt werden durfte.

Die Sprache Kaisers in diesem Stück, ist die Sprache des noch jungen, den starken Impulsen des Expressionismus offenen Dichters, und es gehört eine sorgsame, falsche pathetische Töne vermeidende Einfühlung der Darsteller dazu, ihrer Besonderheit gerecht zu werden. Man darf sagen, daß dies gelang, wenn man sich auch namentlich bei Kurt Reich in der Rolle des Jean de Vienne und bei Karl-Heinz Kruse als Hauptmann Duguesclius ein besseres Verständnis für den Sinnklang der erregt flackernden Sprache des Dichters und ganz, allgemein für die dem Spiel eigentümliche Ausdrucksform der Gestik, der Bewegung gewünscht hätte. Diese hat hier selbst im "Rhabarber" und im Zischen des intensiv am Handlungsablauf teilnehmenden "Volkes" eine gleichsam pantomimische Aufgabe, die von der Regie wohl erkannt, wurde. So bewahrte die verdienstvolle Aufführung, wesentlich unterstützt durch das Bühnenbild von Franz Mertz, in der Inszenierung von Dieter Borsche eine Profilierung, die dem Stück zu einer überzeugenden Wirkung verhalf.

A. Nowakowski