Kassner, ein deutscher Kommunist und Aktivist, der aus den Nazigefängnissen in die Freiheit zurückkehrt, kommt nach stürmischem Flug mit einem illegalen Sonderflugzeug in Prag an, wo Frau und Kind auf ihn warten. Dies ist die Situation in der bereits 1935 erschienenen Erzählung "Le temps du mépris" (Die Zeit der Verfemung) von André Malraux, die demnächst in einem Band "Französische Erzählungen", veröffentlicht durch den Port-Verlag, Urach, zu finden sein wird.

Dies unwirkliche Trottoir betreten – in dieser Stadt, von deren Straßen keine in einen deutschen Kerker führte! Dem grell leuchtenden Durcheinander der Schaufenster, an denen er vorüberfuhr, verliehen seine überwachen Sinne etwas von der Phantastik jener Bilder, die sich seine Einbildungskraft geschaffen, wenn er als Kind aus einer Märchenaufführung kam: ganze Straßenzüge voll mit Ananas, Pasteten und chinesischen Wunderdingen, als habe der Teufel beschlossen, dort alle Kaufläden der Hölle zusammenzutragen. .... Dabei kam er aus der Hölle, und all dies war einfach das Leben ... Er stieg aus dem Auto des Flugdienstes.

Der Pilot hatte auf dem Flugplatz bleiben wollen: er mußte am nächsten Morgen mit einem anderen Genossen nach Wien starten. Kassner und er kannten jene Bindungen, die einen Mann zutiefst verpflichten und die nicht an die Alltagsoberfläche des Lebens dringen können. Sie hatten sich die Hand gedrückt, mit resigniertem Lächeln.

Kassner trat wieder in sein bürgerliches Dasein wie in abgrundtiefe Ferien; und doch fand er weder zu sich selbst noch zur Umwelt zurück. Hinter weißen Vorhängen bügelte eine Frau, voll Sorgfalt über das Plättbrett gebeugt; Hemden und Wäsche und heiße Bügeleisen gab es an diesem seltsamen Ort, der sich Erde nennt ... Und auch Hände (er kam am Fenster eines Handschuhladens vorbei), Hände, die alles verrichten konnten: nichts von all dem, was um ihn war, das sie nicht ergriffen oder geschaffen hätten! Die Erde war von Händen bevölkert und vielleicht hätten sie allein leben, allein handeln können, ohne die Menschen. Es gelang ihm noch nicht, sich die Krawatten, die Koffer und Süßigkeiten, diese Wurstwaren, Handschuhe und Apotheken ins Bewußtsein zu bringen; auch die Auslage eines Pelzgeschäfts nicht, mit einem kleinen weißen Hund darin, der sich inmitten der toten Teile vergnügtesich hinsetzte, wieder aufsprang: ein lebendes Wesen mit langen Haaren und ungeschickten Bewegungen, das kein Mensch war. Ein Tier. Er hatte die Tiere vergessen. Sorglos tummelte sich inmitten des Todes das Passantengewimmel, das dem Platz zustrebte. Noch mehr Lebensmittelgeschäfte und Konfektionsläden, eine Obsthandlung – o herrliche Früchte, voll vom Atem der Erde!

Zuerst aber Anna wiederfinden! Er trat noch in ein Tabakgeschäft, kaufte Zigaretten, zündete sich gleich eine davon an und fand durch den Rauch hindurch seine unwirkliche Welt wieder: das Schaufenster einer Modistin, ein Lederwarengeschäft, einen Uhrmacher (man verkaufte also auch Stunden, kerkerlose Stunden), ein Café – die Leute darin.

Sie existierten immer noch. Sie hatten weitergelebt, während er ins augenlose Reich hinabgestiegen war; er betrachtete sie mit dergleichen undeutlichen Ergriffenheit, die ihn überkommen hatte, als er während des Krieges am Ende einer Kolonnade voll blutigen Schuttes auf ein ganz .mit Nippsachen dekoriertes Schaufenster gestoßen war. ... Den ärmlichen Kleinbürgervierteln schlossen sich jetzt die Arbeiterviertel an: stand er hier Gesinnungsgenossen gegenüber oder Gegnern oder Gleichgültigen?Da waren die, die schon froh waren, beisammen zu sitzen, in halber Freundschaft und halber Wärme, und jene, die geduldig oder mit Ungestüm ihrem Gesprächspartner etwas mehr Achtung abzutrotzen suchten; und dicht überm Boden all diese müdgetretenen Füße, und unter den Marmortischen ein paar ineinander verschränkte Hände – das Leben. Das kleinwinzige Leben der Menschen. Doch dort, dicht am Eingang, standen drei Frauen. Die eine war schön, und ihr Blick glich dem Blick Annas. Es gab also auch Frauen auf der Erde: aber die Entkräftung hatte ihn keusch werden lassen, wunschlos. Doch hatte er Lust, sie zu berühren, wie er Lust gehabt hatte, den Hund zu streicheln ...