Von Jan Molitor

Allerdings, die ausgesperrten Arbeiter in Kiel-Friedrichsort, sie haben es ihnen Weiß auf Schwarz gegeben: "Wir wollen arbeiten und nicht demontieren" und "Ist Demontage Wiederaufbau? Nein! Hunger!" Solche Sätze haben sie mit weißer Farbe an den schwarzen Bretterzaun ihrer zugesperrten Fabrik, der "Holmag", gemalt Das ist kein lustiger Anblick, beileibe nicht: eine große Fabrik, deren Mauern sich straßenweit hinziehen, und alles tot und still. Draußen deutsche Schutzleute, die sich langweilen und die Tore bewachen, drinnen englische Soldaten, die sich wahrscheinlich ebenfalls langweilen. Diese aber sieht man nicht. Denn nicht einmal amerikanischen Journalisten ist der Zutritt in die stummen Hallen der Fabrik gestattet worden, worüber sie sich – wie man hört – sehr wunderten. Wie sollte also ein deutscher Journalist auf Einlaß hoffen! Die Polizisten vor den Toren, denen man ansieht, in welcher peinlichen Rolle sie sich befinden, zucken die Achseln: "Die Engländer..." Der Portier sagt auch: "Die Engländer wollen; nicht." Und dies sagen alle in Kiel-Friedrichsort Es ist ihr ganzes Leid, daß die Engländer nicht wollen. 1800 Arbeiter und Angestellte, die hoffen und nicht verzweifeln, die arbeiten und nicht demontieren wollten, wurden ausgesperrt und dem Arbeitsamt überwiesen, das nicht weiß, wohin mit ihnen. Insgesamt zehntausend Menschen – denn rechnet man die Familien der Arbeiter hinzu, dann sind genau so viele Menschen von dieser Fabrik abhängig – sind in schweren Sorgen. Was können sie tun? Ach, man sieht ja, was sie tun: sie stehn, die Hände in den Hosentaschen, vor der Schiffsanlegestelle neben der Fabrik und gucken auf das blaue Wasser. Das ist eine hübsche Aussicht. Man kann die Schiffe vorüberziehen sehen, die durch den Kaiser-Wilhelm-Kanal in die Nordsee fahren wollen. Nicht weit entfernt davon ist die Inschrift, die mehr als ein Jahr lang galt, nun aber plötzlich ihre Geltung verloren hat: "This factory is working by Order of Military Government" ... Diese Fabrik arbeitete auf Befehl, der Militärregierung, jetzt arbeitet sie nicht mehr und zwar auf Befehl, derselben Militärregierung. Mehr ist hier nicht passiert. "Demokratie?" fragen die Friedrichsorter. "Nun ja" meinen sie, "man darf seine Meinung an die Wände malen, Man darf wenigstens sagen, was einem auf der Seele brennt. Demokratie, nun ja. Aber ob dies etwas hilft?" – Sie sind sehr skeptisch, ja verzweifelt, die "Holmag"-Arbeiter von Kiel. Aber sie halten nicht hinterm Berg mit ihrer. Ansicht. Die Lübecker tun dies auch nicht. In Lübeck, der "Stadt der goldenen Türme", hatte sich während des Krieges die Angst – ästhetisiert. Nicht nur, daß die Lübecker 19 Bunker bauten. Sie wußten zugleich, was sie dem Ansehen ihrer schönen Stadt schuldig waren: sie gaben ihren modernen, Angstbunkern, soweit dies möglich war, ein hübsches, pittoreskes Aussehen. Überall sind Bunker häßlich – 800 stehen davon noch in der britischen Zone als Male einer schauerlichen Zeit –, in Lübeck aber fügen sie sich freundlich in das freundliche Stadtbild ein. "Sprengen!" sagen die Engländer: "Sprengen!" Nun hatten die Lübecker herausgefunden, daß es ein Verfahren gibt, die Wände der Bunker aufzuschlitzen, Fenster einzusetzen und die Gebäude für Büros und Lagerräume nutzbar zu machen. Der "Verteidigungswert", auf den es im Kriege ankam, ist, seitdem die Bunkerschlitze ein Fenster haben, natürlich gleich Null Das sieht jeder, der solch einen Bunker betritt, auf den ersten Blick: er braucht kein Fachmann zu sein. Und dennoch, der Sprungbefehl! Die Lübecker wissen genau, daß damit ein Schaden angerichtet wird, der nahe herangeht an die Bombenschäden, die Lübeck im Krieg erlitten hat. Sie wissen genau, daß nicht bloß die Bunker selbst, die einen Nutzwert von elf Millionen darstellen, zerstört werden (sechs. Millionen wird es noch dazu kosten, die Bunker wegzusprengen): sie fürchten zugleich, daß viel Wertvolles, ja, Unersetzliches in der Nachbarschaft der Bunker wird mit in die Luft fliegen: die Gewölbe des Domes, das historische Wollmagazin, eines der schönsten Gebäude der Stadt; die Ägidienkirche; die im Krieg verschont blieb und jetzt, im Nachkrieg, daran glauben, soll, der Ägidiensaal, der letzte öffentliche Saal der Altstadt, und schließlich sogar die Mauern der Marienkirche, die heute schon in Gefahr sind zusammenzubrechen, ehe noch jemand mit Sprengstoffen nachhilft.

So fürchten die Lübecker, genau wie im Kriege, für ihre Stadt und möchten’s in die Welt hinausrufen, wie ihnen mitgespielt wird, und sehen auch schon weitere Folgen für andere Städte: 800 Bunker in der britischen Zone zu sprengen, mit einem Gesamtinhalt von zweieinhalb Millionen Kubikmetern – und das ist mehr als der Inhalt der Cheops-Pyramide – würde 200 Millionen Mark kosten. Soll man sprengen, Während es ein Leichtes ist, sie aufzuschlitzen, Fenster einzusetzen, ihnen auf diese Weise jeden "Verteidigungswert", jegliche Verwendbarkeit für den Krieg zu nehmen? "Irrsinn!" – Dies starke Wort steht in einer Lübecker Aktennotiz zu lesen. Und der neue, vor kurzem erst aus der Ostzone eingetroffene Baudirektor, prägte das starke Wort: "Solche Maßnahmen sind unvereinbar mit den Gesetzen der Menschlichkeit."

Starke Worte konnte man auch in Kiel-Friedrichsort genug hören; allerdings auch Worte des Zweifels, ob die starken Worte etwas nützen.

Der Zufall wollte es, daß gerade an dem Zeitpunkt, da englische Soldaten und deutsche Polizei unter britischem Kommando die "Holmag"-Werke besetzten und den Arbeitern die Türen versperrten; eine Veranstaltungswoche "Kiel im Aufbau" vorbereitet war; der Bürgermeister von Coventry sollte als Gast zum "coventrierten" Kiel kommen, denn es besteht eine Freundschaft. zwischen den beiden durch, den Krieg hart mitgenommenen Städten, und Lord Pakkenham sollte einen Vortrag über "Sozialismus und Christentum" halten. – "Wir sind: Sozialisten und wir sind Christen", sagte ein "HoImag"-Arbeiter, während wir gemeinsam über das Wasser schauten, die Schiffe ansahen und über die neuen Demontage-Sorgen in Kiel und Lübeck sprachen, "aber was sollen wir tun, wir Sozialisten, wir Christen? Arbeiten oder demontieren? Ich würde Lord Pakkenham fragen ..."

Die Veranstaltungen sind übrigens termingerecht durchgeführt worden; Und eigentlich hätten die Kieler stolz darauf sein müssen, als ihnen gesagt wurde, wie gut sie abgeschnitten haben beim Aufbau. In Kiel hat jeder Bürger – jeder Greis und jedes Wiegebaby mitgerechnet – 4,09 Kubikmeter Schutt weggeräumt, wohingegen beispielsweise in Hamburg bloß 2,6 Kubikmeter Schutt "auf den Kopf der Bevölkerung kommt". Es wurde ihnen während der "Aufbau-Woche" auch gesagt, daß die Kieler Zivilbevölkerung bei den Bombenangriffen 2600 Tote zählte, Coventry 1252 Tote; daß in Kiel 7466 Häuser und 36 062 Wohnungen total zerstört, während in Coventry 3853 Wohnhäuser völlig vernichtet wurden. Und man sprach in Kiel von alledem, als handele es sich nicht um verschiedene Sorgen, sondern um ein Schicksal, das man recht gut auch gemeinsam und mit gegenseitiger Sympathie tragen könne. Da kam der Demontagebefehl für die "Holmag" und die Aussperrung der Arbeiter wie ein Reif in der Frühlingsnacht. "Die Holmag-Leute", sagte, schön der Kellner im Restaurant zu Friedrichsort, "sind plötzlich ganz apathisch. Sie reden bloß noch von Unglücksfällen. Heute morgen zum Beispiel erzählte einer, daß jetzt eine Firma für Lastwagenreparatur in Suhrendorf bei Eckernförde den Demontagebefehl gekriegt hätte."

Einer der Männer, die bei der "Holmag" maßgebend waren, erklärte: "Man wirft der Fabrik vor, im Dienste der Nazis, der Kriegsverbrecher, gestanden zu haben, also ein militärisches Unternehmen gewesen zu sein. Ich möchte den Engländern sagen: ‚Gut, dann muß die Fabrik, der Kriegsverbrechen angeklagt, nach Nürnberg. Und außerdem: Kann man die Fabrik nicht begnadigen?‘ Die englischen Stellen erwidern: ‚Nein, Kontrollrat.‘ Aber wir wissen, daß der Zonenbefehlshaber die Begnadigung – aussprechen könnte, dies aber nicht tut. Gäbe es aber, ein Nürnberger Gericht für unsere Fabrik, so würden wir den Wahrheitsbeweis antreten, daß unser Werk, wenn es auch an der Torpedoherstellung beteiligt war, lange nicht so belastet ist, wie man zu glauben scheint. Die Fabrik war höchstens ein ,Mitläufer‘. Nie hatten wir Konstruktion- und Entwicklungsbüros, immer haben wir nur Einzelteile im Bearbeitungsauftrag hergestellt, ja, in der Zeit, da die Rüstung in Deutschland auf höchsten-Touren lief, selbst da haben wir nie mehr als 40 v. H. dieser Stücke fabriziert; aus denen ein Torpedo zusammengesetzt wurde. Längst sind die Maschinen, die dazu dienten, ausgeliefert. Diese Fabrik, so wie sie heute steht und – leider – stilleliegt, ist unschuldig. Wir fragen uns manchmal, ob es einfach der anrüchige Name der Stadt Kiel mit ihrer früheren Marinetradition ist, der uns dieses Unglück der Demontage eingetragen hat. Jetzt sollen unsere Maschinen – und dies obendrein, ohne daß man sie aufs Reparationskonto gutschreibt – an Leute verkauft werden, die zahlen können, vielleicht nach Indien."