Während an den Konferenztischen in endlosen Gesprächen, in den Zeitungen in spaltenlangen Artikeln Rezepte zur Überwindung der Flüchtlingsnot erörtert werden, haben sich, vorläufig noch wenig beachtet von der breiteren Öffentlichkeit, gestern dort, .heute hier, kleine Gruppen tatkräftiger hilfsbereiter Menschen zusammengeschlossen, um durch entschlossenes Zupacken und ein gutes, anspornendes Beispiel die Dinge zum Bessern zu wenden. Eine solche Gruppe aktiver Helfer ist auch im Odenwald am Werke bei Heiligkreuz-Steinach. Sie sind dorthin einem Ruf des Evangelischen Hilfswerks gefolgt, um deutschen Ostflüchtlingen aus dem Sudetenland und Ungarn beim Aufbau einer Waldsiedlung zu helfen. Es sind Männer und Frauen, die sich der aus einer Hilfsarbeit der Frankfurter Quäkergruppe hervorgegangenen "Nothelfer – Gemeinschaft der Freunde" zur Verfügung gestellt haben, zum zu helfen, wo man Hilfe braucht: Ausgebombten, die sich wieder eine Wohnung einrichten möchten; Evakuierten, die sich eine neue Existenz schaffen wollen; heimkehrenden Kriegsgefangenen, die weder Heim noch Familie haben und, unerfahren in dem ihnen fremdgewordenen Milieu resignierend vor den Problemen eines neuen Lebensanfangs stehen. Dort oben im Odenwald, viele Kilometer weg von der nächsten größeren Bahnstation an der Bergstraße, haben sich die Helfer ein Lager geschaffen. Den Waldsiedlern, denen sie zur Hilfe gekommen sind, wurde von den staatlichen Forsten ein Gelände von etwa 50 000 Quadratmeter zur Verfügung gestellt, auf denen zehn Siedlerstellen eingerichtet werden sollen. Jede bekommt 3000 bis 5000 Quadratmeter Land, um Gemüse und Obstbäume zu pflanzen, und bekommt ein Häuschen aus Lehm, das dem Siedler später, sobald er sich in das neue. Milieu hineingefunden haben wird, zu eigen" gehören wird, und dafür soll er im Forst arbeiten, aber nur so lange, daß ihm noch Zeit zur Bestellung des eigenen Grundes bleibt.

Der Übergang ist für diese Menschen schwer. Sie hatten fast alle in ihrer früheren Heimat eigenen Besitz. Fast alle sind sie weit über die Mitte des Lebens hinaus, und so fehlt es vielen von ihnen an Mut und Schwungkraft zu einem neuen Anfang. Seit anderthalb Jahren plagen sie sich, den Wald zu roden, den Boden urbar zu machen, aber es wollte – denn es fehlt ja an dem primitivsten Werkzeug – damit nicht recht vorwärts gehen. Das machte sie so verzag. daß sie schon an dem Erfolg verzweifelten und den Glauben an die Gründung einer neuen Existenz verloren hatten. In dieser Niedergeschlagenheit gab ihnen die unverhoffte Unterstützung durch die Nothelfer-Gemeinschaft neuen seelischen Auftrieb. Schon die Tatsache, daß fremde Menschen allein aus ideellem Antrieb von so weit hergekommen waren – es sind Düsseldorfer und Stuttgarter darunter, Deutsche wie Fremde, so eine Polin und ein Ungar, ja, es hatten sich sogar sechs Engländer gemeldet, die aber dann infolge der Einreiseschwierigkeiten nicht kommen konnten – schon diese Demonstration humaner Hilfsbereitschaft wirkte auf die an Gott und der Welt verzweifelnden Siedler wie ein Wunder. Und dann wurden auch bald die materiellen Folgen der Unterstützung sichtbar. Schon vor Jahresfrist hatte ein Wünschelrutengänger festgestellt, daß etwa fünf Meter unter der Oberfläche ausreichende Wasseradern waren, aber man war mit den Bohrungen nicht weitergekommen. Nun haben die Helfer in kurzer Zeit die Quelle fast erschlossen; ein breiter Weg, unerläßlich für die Zufuhr des Baumaterials und später als Verbindung mit der Ortschaft, wurde in wenigen Tagen erbaut, so daß der Architekt, der das Unternehmen leitet, über so viel Fleiß und Energie erstaunt war. "Wenn Ihr drei Baumstümpfe am Tage roden werdet, dann wird es viel sein", hatten ihnen die Siedler gesagt, denn es fehlt auch hierbei an Werkzeug, und die Strünke, hartes Eichenholz, können nur mit großer Anstrengung aus dem Boden gerissen werden. Aber Glaube und Idealismus waren noch immer die am stärksten beflügelnden Werktriebe des Menschen. So rodeten die freiwilligen Helfer nicht, wie man ihnen vorausgesagt hatte, drei, sondern dreißig und später sogar 36 Strünke am Tage; Sie halfen Lehmziegel stechen und die Fundamente für die Siedlungsbauten ausheben, und abends, wenn sie damit fertig sind, helfen sie den Mädchen und Frauen in der Lagerküche Kartoffeln schälen. Und dann wird lebhaft debattiert, denn man möchte ja miteinander Kontakt bekommen. So entsteht eine Atmosphäre der Verbundenheit, und mancher wächst unmerklich in das geistige seelische Klima dieser Gemeinschaft hinein und nimmt so einen reichen Lohn für seine unentgeltliche Arbeit mit nach Hause. Die Nothelfer-Gemeinschaft hat es sich nach Quäkerart zum Grundsatz gemacht, nicht im Stile großer Unternehmungen zu helfen. Man scheut das Unpersönliche, das mit einer über einen be-.’ stimmten Rahmen hinausgreifenden Organisation unvermeidlich verbunden ist. Gruppen – von zwanzig, höchstens fünfundzwanzig Personen schließen sich zu einem Lager zusammen, und das führt zu einer guten Gemeinschaft. Aus allen Ständen und Schichten haben sie sich dort im Odenwald zusammengefunden: Studenten, Arbeiter, Handwerker, Ärzte und Juristen, junge Menschen von 18, 19 Jahren und daneben Männer von weit über 50, Frauen und junge Mädchen, alle einig in dem Verlangen armen .Mitmenschen zu helfen, sie anzuspornen und durch die Tat zu wirken. So opfert mancher von ihnen seinen sauerverdienten Urlaub dem guten Zweck, schläft in einem Zelt auf einer harten Pritsche, begnügt sich mit den frugalen, wenn auch ausreichenden Mahlzeiten, aber er hält sich für alle seine Mühe reichlich entschädigt durch das gute Gefühl, einer unterstützenswerten Sache gedient zu haben. Lange noch wirken oft solche Freundschaften im Leben nach, nicht nur innerhalb der Grenzen des eigenen Landes, sondern auch über sie hinaus, denn ein reger Briefwechsel hält Verbindung mit Freunden in England, Amerika und anderen Ländern. Sie fragen, was die Helfer in Deutschland brauchen und schicken ihnen dann, je nach Bedarf, Nägel, Feilen, aber auch Geld und Lebensmittel und bringen so ihre Verbundenheit weithin zum Ausdruck. "Sehen Sie", sagte mit ein Quäker, auf dessen Anregung die Nothelfer–Gemeinschaft gegründet worden war, "diese Verbindung von Mensch zu Mensch über Grenzen und Länder hinweg, dieses Wirken im kleinen, aber so deutlich Sichtbaren und daher den Menschen in seinem Innersten Ergreifenden, hat eine ganz andere Wirkung als alle die großen schematischen Verbrüderungsversuche, die ja doch wieder bei der nächsten Erprobung versagen. Was hier an Menschengemeinschaft geschaffen wird, überdauert alle Kriege und Konflikte und ist auch im internationalen Leben stärker und nachhaltiger als das theoretische Gespräch".

Es ist eine andere Welt, in der diese Menschen leben. Sie hat andere Wertmaße und andere Ziele als der drängende, neiderfüllte Alltag, in dem wir befangen sind. Dort wird ein mutiger Versuch gemacht, aus den Trümmern herauszukommen, den materiellen wie den geistigen, auch wenn es an Schaufeln und Krampen fehlt, wenn nur die Zuversicht da ist, daß es trotzdem gehen wird, und der feste Glaube an die Kraft des Willens. 0b nicht von den vielen Wegen, die wir wohl alle ausprobieren müssen, um aus der Trübsal unserer Tage herauszugelangen, dieser einer der beachtenswertesten ist, schon deshalb, weil man auch den großen Dingen in vielen kleines Aktionen mitunter sicherer beikommt als in einer lang verzögerten großen, und weil von der werktätigen Hilfe eine moralische Kraft ausgeht, die für den Wiederaufbau nicht weniger bedeutsam ist als der Besitz von Material?