Das englische Streitroß hatte zwar nicht erwartet, bei Kriegsende in einen warmen Stall, an eine gefüllte Krippe zurückzukehren, um sich in Ruhe und Bequemlichkeit vom Kampf ja erholen. Die Engländer waren sich durchaus darüber im klaren, daß es manches zu bessern, vieles zu ändern galt. Aber irgendwie kreisten, ihre Gedanken hauptsächlich um die internen Wandlungen, um das. Füt-und Wider der Sozialisierung und der sozialenUmschichtungen. Der Gedanke, daß man zum Überleben zwangsweise am Hürdenrennen der Weltwirtschaft teilnehmen müsse, wirde dabei verdeckt.

Obwohl in diesem Sommer zu erkennen war, daß England nicht das 1945 bei Abschluß des amerikanischen Kredites vorausgesetzte Maßan, Erholung erreicht hatte, mußte es trotzdem den Kelch der Kreditbedingungen bis zum letzten bitteren Tropfen leeren, mußte die vorgesehene freie Umtauschmöglichkeit für alle neuen Transaktionen am 15. Juli herstellen. Man versuchte zwar, durch freundschaftliche Vereinbarungen mit den meisten Ländern so viel Vertrauen in das Pfund zu schaffen, daß nicht ein panikartiger Ansturm zur Umwechslung aller Pfunderlöse in Dollar einsetze sondern statt dessen die englische Währung wieder in den Kreis der international frei verwendbaren Währungen aufgenommen würde. Man glaubte, das Ansehen Englands und der Gesundheitszustand der Weltwirtschaft seien – zusammen stark genug, um jenes Maß von Vertrauen zu erreichen, das nicht Panik sondern Ruhe schafft. Man glaubte, es genüge, die freie Verwendbarkeit des Pfundes zu schaffen, um alle Gläubiger davon zu überzeugen, wie überflüssig es sei, von dieser freien. Verwendbarkeit Gebrauch zu machen, also Dollar zu fordern, wo das Pfund genau so viel Freiheit und genau so viel "Sicherheit" repräsentiere.

Doch die Weltwirtschaft ist noch nicht gesund genug, das Pfund genießt nicht das gleiche Vertrauen wie der Dollar, man hielt auch den englischen Entschluß zur Konventierbarkeit nicht für ganz freiwillig, man dachte schließlich an die 3 Milliarden Pfund fremden Geldes aus alten Forderungen, die weitgehend blockiert wurden. Es setzte doch ein Ansturm ein, so daß sich in wenigen Tagen die Dollarabgänge Englands mehr alsverdoppelten. Als Mitte. August die englischen Dollarabgaben 35 Millionen Dollar pro Tag erreichten, mußte England aus Selbsterhaltung die freie Verwendbarkeit des Pfundes wieder aufheben, fünf Wochen, nachdem sie verkündet worden war. Es läßt sich aus den vorliegenden Zahlen; nicht mit Sicherheit errechnen, welche vermeidbaren Dollarverluste England in diesen fünf Wochen entstanden sind. Eine ebenso grobe wie vorsichtige Schätzung auf Grund von Angaben im "Economist" macht eine Zahl von 300 bis 400 Mill. Dollar wahrscheinlich.

Man muß sich diese Größenordnung vor Augenhalten, wenn man die beiden neuesten Mittel zur Auffüllung der englischen Zahlungsbilanz richtig bewerten und nicht überwerten will, der Verkauf von 20 Mill. Pfund Gold durch das englische Schatzamt und die Bereitstellung von 60 Mill. Dollar gegen Pfunde durch den Internationalen Währungsfonds. Diese Zuschüsse von 140 Mill. Dollars fallen in ihrer Größenordnung keineswegs aus dem Rahmen des Defizits der englischen Zahlungsbilanz. Ihre Neuartigkeit lenkt jedoch die Aufmerksamkeit auf die Reserven, die England nunmehr noch zur Verfügung stehen: An eigenen Mitteln verfügt England noch über 600 Mill. Pfund inGold und Dollarguthaben, aus denendie erwähnten 20 Mill. Pfund in Gold verkauft wurden. Hinzukommen die laufenden Ergänzungen aus der südafrikanischen Goldproduktion. Der Restbestanddes Amerika-Kredites von rund 100 Mill. Pfund ist. zunächst eingefroren, bis die Konvertierbarkeitdes Pfundes wieder hergestellt oder, was offenbar, bereits angestrebt wird, eine neue Absprache mit Washington getroffen und vom Kongreß genehmigt ist. Die obere Grenze – der Vorschüsse aus dem Internationalen Währungsfonds liegt bei 425. Mill. Pfund, die sich jedoch über vier Jahre verteilen müssen und außerdem eine sich schnell steigernde. Verzinsung erfordern – ein Abschreckmittel gegen langfristige Inanspruchnahme des Währungsfonds. Schließlich kann auch England Anleihen von der Weltbank erhalten, wenn diese überzeugt ist, daß die Anleihen produktiv, nicht zur Finanzierung des laufenden Lebensunterhalts verwendet werden. Hierfür wäfen vielleicht, unter einem Marshall-Plan weitere Kredite auch an England denkbar. –

Für die gegenwärtige Höhe des Fehlbetrages – in der englischen Zahlungsbilanz von 600 bis 700 Mill. Pfund wären diese Reserven nicht zu eindrucksvoll, zumal es keine solide Wirtschaftspolitik wäre, auch den letzten Notgroschen zuverspeisen. Doch parallel zur Aufkündigung des freien Pfundes laufen Einsparungen in der Ein, fuhr und zusätzliche Anstrengungen beider Ausfuhr. Durch die bisher verkündeten Einsparungen (zu denen Fortfall allerVergnügungsreisen ins Ausland, Fortfall aller nichtberuflichen Autofahrten im Inland, radikale Einschränkung in der Vorführung ausländischer Filme, Kürzung der Fleischration und anderer Lebensmittelzuteilungen gehören, also für die englische Mentalität erschreckend krisenhaft wirkende Maßnahmen) soll das Defizit auf mindestens 480 Mill. Pfund gesenkt werden. Weitere Kürzungen der Militärausgaben im Auslande sind ebenfalls vorgesehen. Das Hauptgewicht der Anstrengungen soll, jedoch der Exportsteigerung gelten. Um den gesenkten englischen Lebensstandard nach den neuesten Kürzungen halten zu können, bezeichnet Handelsminister Cripps "eine Ausfuhrsteigerung um 31 Mill. Pfund monatlich, oder um fast ein Dritte für erforderlich, also, mengenmäßig auf 140 v. H des Standes von 1938. Man hofft. dieses Ziel bis zum Frühjahr 1948 erreicht zu haben und eine weitere Steigerung auf 160 v. H. bis Ende 1948 durchführen zu können.

Da nicht alle englischen Wirtschaftszweige an dieser Steigerung gleichmäßig teilnehmen können, – die Kohlenausfuhr wird noch nicht dieHume und der Export von Baumwollwaren nur knapp 70 v. H. statt der angestrebten 160 v. H. erzielen können – bedarf, es sehr beträchtlicher Umstellungen sowohl vom Inlandsbedarf auf den Export in einzelnen Zweigen als auch von Materialien und Arbeitskräften, die mit noch zu verkündenden Methoden den exportwichtigen Industrien beschafft werden sollen.Als besonders aussichtsreiche Exportindustrien gelten dabei: in dem detaillierten Exportplan von Cripps für Ende 1948 die Gummiverarbeitung, die 425 v. H., die Fahrzeugwirtschaft, die 316 v. H., die Maschinenindustrie, die 254 v. H., die Kunstseidenindustrie, die 245 v. H., die Elektrowirtschaft, die 205 v. H. des Exportvolumens von 1938: erzielen sollen. –

Die Schärfe der Konkurrenz, die sich aus derartigen englischen Anstrengungen ergebenwird, läßt sich aus diesen Zahlen ersehen. Beim Kampf um die Märkte wird England sich dabei bewußt ineinen Gegensatz zu den USA stellen, da ihm zumindest vorübergehend zweiseitige, ausgeglichene Handelsabkommen mit einzelnen Ländern an Stelle des von den Amerikanern geforderten und geförderten multilateralen Handels erfolgversprechender erscheinen. Die Exportsteigerung, die für England zur Lebensnotwendigkeit geworden ist, erscheint ihm als letzte Hürde, die es zu nehmen gilt, bevor die hindernisfreie Gerade eines gesicherten normalen Lebensstandards erreicht werden. kann.Aber Export laßt sich nicht einseitig erzwingen. Und deshalb kommt es darauf an, daß nicht nur England, sondern das gesamte Feld der exportbedürftigen Länder diese Hürde nimmt, gleichzeitig den Export, Import, Lebensstandard erhöht. Gw.