Mit ihrer reichhaltigen Beschickung, dem großen, weit über Westdeutschland hinausgreifenden Zustrom der Besucher und dem überaus lebhaften Verlauf ist die Kölner Herbstmesse 1947 zu einer eindrucksvollen und nachhaltigen Kundgebung wirtschaftlicher Initiative, geworden, die ein weitreichendes Echo gefunden hat." – Schon als Stilprobe ist dies kritisch zu werten, als Abschlußbericht einer Messe, die stolz auf eine 25jährige Tradition hinweist, noch wesentlich kritischer. Von Auslandsaufträgen und Interzonengeschäften müßte die Rede sein; genaue Zahlen müßten angegeben werden, aber die werden schamhaft verschwiegen. Es wird eingestanden, daß die erste Nachkriegsmesse in Köln eine reine Binnenmesse war. Ausländer soll man gesichtet haben, eine Glaswarenfirma berichtet sogar von einem Exportauftrag von 10 000 Dollar nach den USA. Aber den Haupterfolg sieht die Messeleitung darin, daß Aussteller und Besucher alte Verbindungen wieder anknüpfen konnten, und zu diesem Zweck sogar die weite Reise aus der französischen Zone nicht gescheut wurde.

Eine Schau wie die in Köln – nach einer sicherlich unvollständigen statistischen Erhebung die 29. seit Kriegsende – ist ein öffentliches Ärgernis. Zur Entschuldigung könnte die Leitung der Kölner Messe allenfalls darauf hinweisen, daß es in Schwerin, Freiburg, Kreuznach, Tübingen, Wiesbaden nicht anders gewesen ist, und daß die weiteren Messen dasselbe Bild bieten werden. Die kommende Flensburger Messe erinnert leider nur zu sehr an die nordische Messe in Kiel, die nach dem ersten Weltkrieg ein kurzes Dasein fristete. Damals fühlte sich Kiel berufen, eine Brücke zum Norden zu werden. Wenn die Akten dieser Messe nicht den Bomben zum Opfer gefallen sind, so sollte Flensburg daraus einige Lehren ziehen, und dann bliebe uns die Flensburger Messe wohl erspart. Anläßlich der Kieler Messe ließ der durch keinen Mißerfolg zu erschütternde Bernhard Harms ein von Zeiß geschenktes Riesenfernrohr auf dem Balkon des Kieler Instituts für Weltwirtschaft und Seeverkehr aufstellen, um rechtzeitig die Ankunft von Gästen aus dem Norden melden zu können. Aber diese Meldung erfolgte nie. Das "Fernsehen" hat immerhin zur Erheiterung beigetragen. Flensburg hat aber nicht einmal ein Fernrohr – und die skandinavischen Länder haben keine Dollar.

Es ist an der Zeit, daß mit diesen Märchenschauen Schluß gemacht wird. Wohin soll es führen, wenn nicht nur die Regierungen der deutschen Länder, sondern auch die Oberbürgermeister, eine Messe nach der andern veranstalten. Ein Wettstreit der Wohnungsbauprogramme wäre angebrachter und nützlicher. Das aufseien Messen vergeudete Material – von den kleinen und doch so knappen Nägeln bis zum Bauholz – wäre im Wohnungsbau – weit zweckmäßiger angebracht.

Diese Märchenschauen werden zu einem Stein des Anstoßes. Die Aussteller und Besucher einer solchen Schau haben nur die eine Hoffnung, daß sie kompensieren können. Die Behörden, die diese Messen veranstalten oder unterstützen, fördern somit die Kompensation, die andererseits durch Gesetze und Anordnungen verboten oder auf ein Mindestmaß begrenzt wird. Die kompensierenden. Geschäftsleute bieten das Bild des Vorkriegsreichtums, die Damen in eleganten zweireihigen Schneiderkostümen und Complets nach modernstem Schnitt, die Herren in hellen Sakkos und weiten Mänteln, alle gut ernährt, amerikanische Zigaretten rauchend und sich gegenseitig zu einem Schluck einladend. Es spricht für die Kräfte der "privaten Initiative", wenn manche Kreise dank der Kompensation wieder einen beachtlichen Lebensstandard erreicht haben. Aber muß dies unter Vergeudung öffentlicher Mittel immer wieder zur Schau gestellt werden, während die überwiegende Mehr-, heit der Bevölkerung auf-ihre Karten nicht einmal 1550 Kalorien erhält?

Wenn die dringend, notwendige Geld- und Finanzreform die Wirtschaft wieder zwingt, mit jedem Pfennig zu rechnen, wird dieser Zauber von selbst dahinschwinden. Solange aber die Aussteller und Besucher sich sagen, daß die Kosten nicht zu ihren Lasten gehen, sondern von der Allgemeinheit, getragen werden, wird leider die Inflation der Messen weiter zunehmen Und damit auch diejenigen Messen diskreditieren, die ihre Existenzberechtigung erwiesen haben. Als solche sind wohl nur Leipzig und Hannover zu nennen. Die Leipziger Messe hat, wie nach 1933, auch nach 1945 politischen Strömungen Rechnung tragen müssen. Die Westzonen schickten sich an, sich von Leipzig unabhängig zu machen. Ihre Hannoversche Messe wurde zu einem großen Erfolg (wenn auch empfindlich getrübt durch die Tausenden von "Sehleuten", die mit ihren Bons für Sonderzuteilungen für einen Nachmittag an dem Reichtum des Kompensationssektors teilhaben wollten). Leipzig hat hieraus gelernt und sich wieder auf seine 450jährige Tradition besonnen. In Leipzig und Hannover wurden Geschäfte gemacht Und wirkliche Abschlüsse sind schließlich das, Einzige, was eine Messe rechtfertigt. W. G.