Wie das Stadtbild in Jena durch das Zeiß-Hochhaus. so wird das wirtschaftliche und soziale Gesicht dieser alten Universitätsstadt weiterhin vor allem durch die in der Karl-Zeiß-Stiftung zusammengefaßten Werke von Zeiß und Schott bestimmt. Die Tradition dieser Werke und der Geist ihrer Gefolgschaftsmitglieder, die sich bewußt und stolz la Genossen eines sozialisierten Betriebes fühlen, aber sich als so solide erwiesen, daß die ärgsten Auswirkungen der Demontage auffallend schnell überwunden wurden und man um die Zukunft dieser Werke nicht besorgt zu sein braucht. Die durch die Demontage geschlagenen Wunden werden zwar nur langsam heilen, aber in steigendem Umfange werden die Erzeugnisse von Zeiß und Schott am Markt in Erscheinung treten.

Die am 22. Oktober vorigen Jahres verfügte Demontage der Zeiß- und Schott-Betriebe in Jena, Saalfeld. Gera und Pößneck war so umfassend Wie nun denkbar. Der Firma Zell blieben nur etwa 6 v. H. der Anlagen, somit von dem umfangreichen Maschinenpark außer den Contaxmaschinen nur 573 einsatzfähige Maschinen sowie 480 reparaturbedürftige und 100 Leimmaschinen. Schott büßte neben wichtigen Produktionseinrichtungen vor allem die Generatorenanlage ein, so daß die Beheizung der dem Werk gebliebenen Schmelzöfen das empfindlichste Problem war und trotz Fertigstellung von Behelfsgeneratoren noch einige Zeit bleiben wird. 270 Kräfte von Zeiß. 15 von Schott und 2 Angehörige der Universität kamen außerdem in Rußland zum "Einsatz", vorwiegend in der Umgebung von Leningrad. Moskau und Kiew, wo aus den demontierten Anlagen neue Werke entstehen. Schon vorher hatte Zeiß bei dem Abzug der Amerikaner viele leitende Kräfte verloren. Diese waren mit den Amerikanern gegangen und haben in der Zwischenzeit in Heidenheim (Württemberg) eine neue Anlage errichtet, die in steigendem Maße den Markt mit Zeiß-Erzeugnissen beliefern wird.

Dem Demontagebefehl folgte aber am 19. Dezember ein Befehl von Marschall Sokolowsky zum Wiederaufbau der Werke von Zeiß und Schutt. – Zeiß wurde sehr bald wieder ein Stiftungsbetrieb; Schott soll es auch wieder werden, steht aber noch unter Sequester. Der Wiederaufbau wurde sofort eingeleitet, verzögerte sich aber infolge der Strenge des Winters, so daß die Produktion erst im zweiten Quartal anzulaufen begann. Schott wollte z. B. neue Generatoren schon am 1. März fertig haben, aber der Einbau verzögerte sich bis Mai; Der Wiederaufbaubefehl erwies sich als eine Wertvolle Stütze. Dank ihm wurden Zeiß und Schott bei ihren Bemühungen von allen Stellen der Ostzone unterstützt. Die alten Beziehungen zu den Westzonen erwiesen sich als überaus wertvoll. Überall stießen Zeiß und Schott auf guten Willenweber stärker war meistens das Moment des Mangels an Eisen, Ma- – schinen, Meßgeräten, Chemikalien und anderen Materialien. Es geht somit langsam, voran – aber bei einem Gang durch die Werke treten neben den abgebauten Teilen die in Betrieb genommenen schon stark in Erscheinung. Die Schaffung der Produktionsvoraussetzungen ist heute noch bedeutsamer als die Produktion selbst. Von der Belegschaft von Zeiß waren z. B. nach einer Angabe aus dem Monat Juni nur, 25 v. H. in der Produktion tätig. Die Belegschaft entspricht bei Zeiß mit 5000 und bei Schutt mit 1900 der Zeit vor der Rüstungskonjunktur, gegenüber 12 600 und 2700 vor der Demontage. Diese Kräfte werden allerdings dringend gebraucht, ja, es macht sich sogar schon ein empfindlicher Mangel bemerkbar.

Das Produktionsprogramm ist noch etwas einseitig. Zeiß, einst von acht Produktionssäulen getragen, weist nur noch eine Säule auf, die Photo-Objekte, die für die sächsischen Kamerawerke bestimmt sind. Obgleich diese Fertigung weit später als angenommen anlief, konnte sie doch für das zweite Quartal auf den erwarteten Stand gebracht werden. In allen anderen Zweigen läuft die Fertigung langsam an, doch kann von einer nennenswerten Produktion noch nicht die Rede sein. Genannt seien Lupen Mikroskope, Tonfilmkoffer, Feinmeßgeräte, Geräte für die Nahrungsmittelindustrie und das Gesundheitswesen. Auch Schott hat seine Anstrengungen zunächst auf einen Punkt konzentriert: optisches Rohglas. Die Anlagen lassen eine Jahresproduktion von 180 t zu, was der Hälfte des deutschen Vorkriegsverbrauches entsprechen würde. In diesem Jahr sollen 80–90 t produziert und einschließlich Lagerbeständen 260 t geliefert werden. Relativ früh liefen bei Schott auch, die Glasbläserei und die Gleichrichterei an. Es folgten oder werden folgen unter anderem die Lieferung von Fensterglas, allerdings nur für den lokalen Bedarf, ferner von Milchflaschen und von Beleuchtungsglas, später vielleicht auch die von Wirtschaftsglas. Erhebliches wurde getan, um einige dringend gebrauchte Erzeugnisse sofort zu liefern, wie z. B. Grubenzylinder für den Bergbau und Wasserstandsgläser für die Eisenbahn.

Ein erheblicher Teil der Produktion wird wohl für Reparationen bestimmt werden. Dies gilt vor allem für die Erzeugnisse von Zeiß. Endgültiges läßt sich noch nicht sagen, da die Produktionsprogramme noch nicht festgelegt wurden, und die Entscheidungen meistens von Fall zu Fall erfolgen. Außer für Reparationen wird ein erheblicher Teil der Produktion für die Ausfuhr abgezweigt werden müssen. Das Ausfuhrgeschäft ist gut angelaufen und ermöglicht auf Kompensationsbasis den Bezug wichtiger Chemikalien, ist aber noch zu unbedeutend, als daß ein genauer Überblick gegeben werden, könnte. Es wird damit gerechnet, daß sich; wie nach dem ersten Weltkrieg, auch jetzt eine stärkere Konkurrenz überall bemerkbar machen wird; so werden Brillengläser fast überall hergestellt. Neben die alten Konkurrenten, wie die USA, Großbritannien und Frankreich, sind neue getreten, so de Schweiz, Schweden, die Tschechoslowakei, Polen und vor allem Italien, wohl auch die Sowjetunion Das Exportgeschäft wird ebenso wie das Interzonengeschäft von der Besatzungsmacht gefördert. Über bürokratische Scherereien beim Export- und Interzonengeschäft können sich diese beiden Firmen nicht beklagen.

So ist der Pessimismus gewichen. Jena atmet wieder etwas auf, bedauert aber anderseits nicht, daß inter dem ersten Eindruck der gegen Zeiß und Schott ergriffenen Maßnahmen eine Verbreiterung der wirtschaftlichen Basis angestrebt wurde. Bewußt werden wichtige Mittelbetriebe gefördert, die bisher etwas im Schatten von Zeiß Und Schott starken und nun stärker in den Vordergrund getretet sind. Genannt seien die Werke von Schietrumpf, die mit ihren Meßinstrumenten und Wasserwaagen wieder sehr gut ins Geschäft gekommen sind, Engelmann auf dem Gebiete der Drahtyerarbeiting sowie Steigerwald & Uthardt als Lieferant der neuen Generatoren für Schott. Außerdem wurden inter "Einsatz" der Flüchtlinge neue Anlagen geschaffen, wie z. B. auf chemisch-pharmazeutischem Gebiet und in der Textilmanufaktur. Es sind zum Teil ähnliche Neugründungen, wie sie auch andere, Orte verzeichnen. Man wird abwarten müssen, ob die Anfangserfolge behauptet werden können. Als wichtigste Neugründung werden sich wohl die Neubauten des mit den Stiftungsbetrieben eng verbundenen Mikrobiologischen Instituts erweisen. Dieses hat die Penicillin-Erzeugung zur Deckung des Bedarfs der Jenaer Kliniken aufgenommen und soll sie künftig wesentlich ausbauen.

So weist Jena, dessen Bevölkerungszahl um etwa 10 000 auf 82 000 gestiegen ist, ein reges wirtschaftliches Leben auf. Trotz der starken Entlassungen bei Zeiß und Schott ist Arbeitslosigkeit unbekannt. Von der Bevölkerung des Stadt- und Landkreises von 208 000 sind -einschließlich den Selbständigen 96 000 in Arbeit. Den etwa 2000–3000 offenen Stellen stehen kaum noch einsatzfähige Arbeitslose gegenüber. Es mußte somit auf die Betriebe zurückgegriffen werden, und es erwies sich als eine empfindliche Belastung, als auch Jena für wichtige Arbeitsvorhaben, wie den Erzbergbau von Aue und den Rügendamm, im Rahmen der "Arbeitseinweisungsbesdieide" Kräfte zur Verfügung stellen mußte. W. G.