Für 1949 ist in Polen eine Kohlenförderung von 77,5 Mill. t geplant. Das ist mehr als das Doppelte der Kohlenproduktion des Polen von 1938. Setzen wir aber in Rechnung, daß die Förderleistungen in Deutsch-Oberschlesien heute in die polnischen Wirtschaftszahlen einbezogen sind, dann erscheint die Warschauer Planung weniger utopisch. 1938 förderte das gesamtschlesische Kohlenbecken 61 Mill. t. Die Plan-, zahlen für 1949 liegen also "nur" 27 v. H. über dem Vorkriegsstand. Daß die Erfüllung des Plans theoretisch möglich ist, hat der Raubbau während des Krieges (über 100 Mill. t jährlich) bewiesen.

Es liegt im Wesen heutiger Pläne, zu übertreiben, anstatt auf dem nüchternen Boden der Praxis zu bleiben. Polen scheint in diesem Fall eine Ausnahme zu machen; unter der Voraussetzung, daß es gelingen sollte, die notwendigen Investitionen zu einer kontinuierlichen Produktion durchzuführen. 1945 betrug das Jahresergebnis 21,7 Mill. t, 1946 über 47 Mill. t, l947 sind 57,5 Mill. t geplant, die nach der Förderung des ersten Halbjahres von 27,2 Mill. t erreicht werden dürften.

Wer verbraucht diese Mengen? Das Land ist überwiegend agrarisch, so daß trotz der beginnenden Industrialisierung 1946 nur 33 Mill. t im Inland abgesetzt wurden. Auch für 1947 ist (nach einer schweizerischen Stimme) kaum mit einem höheren Inlandsverbrauch zu rechnen. Daher sind in diesem Jahr rund 20 Mill. t Kohle für den Export frei. Vertragliche Bindungen bestimmen die Ausfuhr nach – in der Reihenfolge ihrer Wichtigkeit – Rußland (fast 10 Mill. t im Kompensations- und kommerziellen Verkehr), Schweden (3 Mill. t), Tschechoslowakei, Finnland, Österreich, Deutschland (sowjetische Zone), Schweiz, England, Jugoslawien und Bulgarien.

Polens Finanzen sind noch nicht gesund. Die kürzlich verfügte Nichtkonvertierbarkeit des Zloty ist der beste Beweis. Daher ist die Relation zwischen inländischen und Exportkohlenpreisen noch verschwommen. 1946 wurde 1 Tonne Exportkohle. im Inland mit 589 Zloty berechnet, was 5,89 $ entsprechen würde (1938: 5,2 zl = 1 $; 1946: 100 zl = 1 $). Die tatsächlichen Preise für den Einkäufer schwanken aber fob Danzig zwischen 10 und 16 $. während 1938 polnische Kohle unter gleichen Bedingungen nur 3,50 $ kostete.

Polens Erfolge im Aufbau der Kohlenproduktion beruhen nicht zuletzt auf den günstigen Lebensbedingungen im schlesischen Revier. Der Krieg ging ohne wesentliche Zerstörungen vorüber. Die Austreibung der Deutschen sicherte jedem Polen ausreichenden Wohnraum, und Warschau kann den Bergleuten, die ins polnische Rationierungsystem bevorzugt eingestuft sind, genügend Konsumgüter zu günstigen Preisen vermitteln. Daher ist die Tagesleistung der Männer vor Ort in Schlesien die absolut höchste i Europa. Zweifellos ist Polens Lage in der europäischen Kohlenwirtschaft sehr günstig. Die Devisen aus . dem Kohlenexport können zu einer Verbesserung des polnischen Lebensstandards führen – unter der Voraussetzung,, daß der östliche Nachbar damit einverstanden ist. W-n.