Von A. Borelius

Man hat Trotzki alles angetan, was man tun kann, um einen "Konterrevolutionär" zum Schweigen zu bringen. Man schickte ihn, erster Akt des Entmachtungsschauspiels, in eine russische Verbannung. im Anhang mit allem Komfort, mit Familie, Post und Telegraf. Das währte nicht lange, zwei Jahre. Der zweite Akt beginnt mit einem Protokoll der GPU vom 18. Januar 1929: "Verhandelt: In Sachen das Bürgers Trotzki, Lew Davidowitsch ... wegen der Anschuldigung, sich mit konterrevolutionärer Arbeit befaßt ... Vorbereitung des bewaffneten Kampfes gegen die Sowjetmacht ... Beschlossen: Den Bürger Trotzki, Lew Davidowitsch. aus den Grenzen der UdSSR auszuweisen." – Fortsetzung des Schauspiels sodann in Konstantinopel. Ein dritter Akt: Trotzki (nach einem französischen Zwischenspiel) in Mexiko, 16 000 Kilometer vom Land seines Gegners entfernt, Tag. und Nacht militärisch bewacht, nachts von Scheinwerfern umfluten. Spannender, aber mißglückter Versuch seiner Ermordung... endlich, dramatisches Aktende im Jahre 1940: ein Mann schleicht sich unter der Maske eines alten Freundes in das umhegte Hans, gewinnt Trotzkis Vertrauen – eines Tages zieht er eine kleine Spitzhacke und zertrümmert den Schädel des 61jährigen.

Ist das Stück zu Ende? Schweigen die Toten? Sechs Jahre lang schien es so. Sechs Jahre lang – Auch den ganzen Krieg hindurch – hat man sich Sieht mehr um diesen Lew Davidowitsch, der mit richtigem Namen Bronstein hieß, gekümmert. Man hatte Wichtigeres, zu tun, hatte größere Sorgen die um einen toten Konterrevolutionär. Aber die Geschichte ist in dieser Zwischenzeit nicht müßig gewesen. Ihre Kräfte arbeiten, auch wenn sie nicht zu sehen sind, und vielleicht sind diese unsichtbaren Stadien der Geschichte sogar die entscheidenden, bewegenden: und des was sich (für die Geschichtsbücher), nachher vollzieht, ist nur der zufällige Ausbruch, einer unterirdischen Sammlung, den man dann längst nicht mehr verhindern kann.

Die Geschichte hat noch einen vierten Akt für Trotzki erlaubt; Trotzki spielt ihn nicht mehr als Lebendiger, sondern als Toter, aber die Anziehungskraft ist nicht minder groß, und alle Welt spricht wieder von ihm, Lew Davidowitsch, den man zum Schweigen bringen wollte, von seinem letzten Buch, das posthum in den USA erschienen ist: von der Stalin-Biographie, die er zur Zeit seiner Ermordung zu zwei Dritteln – geschrieben hatte und die man, nach stichwortartigen Aufzeichnungen, in der Zwischenzeit vollendet hat. In den ersten drei Akten seines konterrevolutionären Lebens hat er mit Taten gegen diesen Stalin gekämpft, jetzt tut er es mit Worten. Was hat er zu sagen? Wird er mehr als eine Pressesensation, oder, eineine wohlwollende Historikerbeurteilung als Resonanz der Welt finden?

Gleich, wie man Trotzki vom ideologischen Standpunkt aus beurteilt; gleichwie man seine literarisch-historischen Gestaltungsfähigkeiten einschätzt – eines muß in jedem Falle konstatiert werden: Trotzki leistet als Historikern als Biograph minutiöse und wissenschaftlich exakte Detailarbeit trägt einen Stoff zusammen, vor. dessen Einzelheiten man Respekt bekommt. Seine "Geschichte der russischen Revolution" ist berühmt es sind zwei unvergleichlich dicke Bände; seine Autobiographie bis zum Jahre 1929 umfaßt 569 Seiten; und dieses letzte, biographisch Buch über Stalin ist (mit 516 engbedruckten Seiten) nicht weniger gründlich und beruft sich, wo es irgend kann, auf eine Unzahl Dokumente, Zitate, Telegramme, Briefe und Memoranden. Und wäre nicht die Jugend Stalins, etwa bis zum Jahre 1917, in ein so seltsam namen- und dokumentenloses Dunkel getaucht – Stalin ist, mehr als irgendein anderer totalitärer Staatschef, mitten aus der undifferenzierten, gestaltlosen Masse emporgestiegen und für die Weltöffentlichkeit plötzlich "da" gewesen –, so wäre die Trotzkische Biographie wohl noch erheblich umfangreicher geworden. Daß sich das Buch trotzdem sehr flüssig- und zuweilen fast mit Spannung lesen läßt, spricht für literarische Fähigkeiten.

Man urteilt natürlich richtig, wenn man in dem Buch eine sowohl persönliche- wie besonders ideologische Auseinandersetzung mit Stalin und seinem kommunistischen Prinzip vermutet und als Fazit eine strikte Ablehnung und Verdammung der Stalinschen Richtung. Trotzki wäre sich andernfalls selbst untreu geworden und seine Ermordung hätte umsonst stattgefunden.

Interessant ist die ideologische Basis, von welcher/aus Trotzki seinen ehemaligen Genossen Stalin angreift, interessant besonders deshalb, weil Trotzki wohl die Person Stalins angreifen kann, auch gewisse Methoden seiner Exekutivformen, aber eines auf keinen Fall: das kommunistischmarxistisch-sozialistische Prinzip, selbst (von dem ja auch Stalin als unerschütterlicher Grundlagespricht). Denn Trotzki behauptet gerade von sich. ein Vertreter dieses Prinzips in reinster Form zu sein. Er behauptet in seiner Stalin-Biographie mit Nachdruck, daß, ganz im Gegensatz zur gegenwärtigen russischen Auffassung, er der "eigentliche" Kommunist sei, der die Grundideologie stets beibehalten habe; er bezichtigt Stalin der Abweichung und gibt als Grund seiner Ausweisung durch Stalin eine Differenz zwischen einem abgewandelten Marxismus und einem (nämlich seinem), originalen.