"Wildschütz." in der Hamburger Staatsoper

Gustaf Gründgens, der, wenn nicht alle Zeichen tragen, eben dabei ist, Düsseldorf zur ersten Theaterstadt Deutschlands zu machen, und Günther Rennert, der den gleichen Ehrgeiz auf dem Operngebiet in Hamburg bereits verwirklicht hat, gehören dem Range nach auf dieselbe Stufe. Beide Sind durch und durch moderne Künstler, dem Avantgardistischen zugetan, und dabei so sehr im eigentlich Theatermäßigen beheimatet, daß sie kaum jemals in Gefahr geraten, etwa durch theaterfremde Spekulationen den Kontakt zwischen Bühnen und Publikum zu verhindern oder nur zu stören. Ausgeprägtes Stilbewußtsein und hellwacher kritischer Intellekt zügeln bei dem einen wie bei dem anderen das Temperament, dessen Glut nur selten flammende Ausbrüche sucht, sondern – was viel köstlicher ist – in den Details funkelt und knistert. Man hält beide gelegentlich für kalt und hyperintellektuell. Wären sie dies wirklich – würde ihnen das Publikum dann so willig, so begeistert folgen? Nein. Der Spieltrieb ist bei beiden primär, und oft hat man hier wie dort erlebt, daß gerade das unproblematische Stück, das unkomplizierte Spiel unter ihrer Aufsicht Wunder von taufrischer Unmittelbarkeit offenbarte.

So hat Rennert den "Wildschütz" auf die Bretter der Hamburger Staatsoper gestellt, jenes Werk Lortzings das – haucht ihm ein wirklicher Regisseur den Geist beschwingter Heiterkeit ein – plötzlich in die Nähe des "Figaro" rückt. Freilich, das Biedermännische in Lortzings Muse, das bisher stets die drolligen Hauptfiguren verführte, dickbäuchig einherzupoltern, eben dieser Wesenszug, der Eigentlich immer schlecht zum Bild des vornehmen Musikers und Librestisten Lortzing paßte, mußte beseitigt werden. Rennerts "Wildschütz", eben jener. Schulmeister, der seinem Brotherrn und Grafen einen saftigen Braten weggeschossen zu haben glaubt, und doch bloß seinen eigenen Esel erlegte, ist weder dick, noch dumm. (Gustav Neidlinger spielte diese Figur über alles Lob erhaben.) Er ist weder dreist noch ein Spießer. Er ist ein hintergründiger Geselle, dessen Komik, wie es sich gehört, ein wenig aus der Tragik kommt, kurz, er ist ein – Mensch. Daß Rennert dies gesehen hat, ist ein noch größerer Beweis seiner Regietugenden, als die Tatsache, daß das ganze Spiel sich mit einer geradezu aufregenden Flüssigkeit, Heiterkeit und Noblesse vollzog. Aus Sängern waren Darsteller geworden, denen es natürlich schien, zu singen, und ein Leichtes, wundervoll zu singen-Nur eine Einschränkung muß hier gemacht werden: Wohl hatte die musikalische Szene jenen silbernen Schimmer, den wir mozartisch, nicht lortzingisch zu nennen pflegen, und den die schönen Bühnenbilder Alfred Sierckes betonten, aber das Orchester – hier ein nur exakt und brav funktionierendes Instrument – hatte die gleiche Leichtigkeit nicht. Und der Kapellmeister Arthur Grüber, ein neuer Mann in Hamburg, der die Bühne durchaus beherrschte (wie süß klangen die Stimmen im Quartett!). Hätte auf der gleichen beseelten Beschwingtheit auch vom Orchester aus bestehen müssen – und sei es um einen Mehraufwand ausfeilender Proben. Recht verstanden: das Orchester war nicht schlecht, war Lortzing, wie wir ihn kannten, aber die Bühne, war besser. Josef Marcin