Wie vor dem Kriege die Zusammenkünfte bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel, sind jetzt die Jahresversammlungen der Verwaltungsräte der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds Treffpunkte derer, die als "dunkle Mächte das Kapitals" gelten. Die Zusammensetzung des Kreises aber hat sich gewandelt. In Basel trafen sich die Gouverneure der Notenbanken, die zum Teil eine unabhängige Stellung einnahmen und sich oft sogar als mächtiger als ihre Regierung erwiesen. Jetzt geben die Finanzminister den Ton an, und unter ihnen Finanzminister von Regierungen mit stark sozialistischem Einschlag. Der Vorsitz lag sogar bei dem Finanzminister einer rein sozialistischen Regierung, dem Engländer Hugh Dalton.

Die zentrale Figur der zweiten Jahresversammlung der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds, an der Mitte September in London 300 Vertreter aus 45 Ländern teilnahmen, war der amerikanische Schatzkanzler Snyder. Er sitzt auf dem Geldsack, gefüllt mit dem knappen und begehrten Dollar. Als Herr dieses Reichtums ist er eine sehr umstrittene Persönlichkeit. Die einen schildern ihn als den typischen Bankier aus Kansas City, der seine Stellung nicht, wie die großen Notenbankgouverneure von einst, seinen weltumfassenden Erfahrungen verdanke, sondern nur der persönlichen Freundschaft mit seinem Kriegs- und Regimentskameraden Truman. Er trete den Großmächten gegenüber wie ein Bankier den Farmern vom mittleren Westen. "Was, ihr wollt neue Kredite, ihr, die ihr dank meinem Geld wie ein Herrgott in den Tag hineinlebt, alles verraucht – – habt? Welche Sicherheiten gebt ihr, daß ihr das neue Geld auch produktiv anlegt?" Neuerdings lauten einige Kommentare etwas freundlicher. Snyder hätte bei den Verhandlungen über die Aufhebung des Umtausches des Pfund Sterling in Dollar für die Notlage Großbritanniens. viel Verständnis gezeigt, aber er hätte auf andere Kräfte Rücksicht nehmen müssen, den Kongreß, die öffentliche Meinung, ja sogar das Außenministerium. Snyder fühle durchaus die Abhängigkeit des Gläubigers vom Schuldner und sei sich der Konsequenz einer Verschärfung derbritischen Krise bewußt. In diesen Berichten wird Lovett, der stellvertretende Außenminister, zum Shylock gestempelt. – In London war Snyder offensichtlich mehr der zugeknöpfte Bankier und der zähe Unterhändler.

Der Außenstehende kann sich kein Bild machen. Die Herren der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds bleiben unter sich. Auf den Pressekonferenzen hatten sie nur einige schöne Worte zu sagen. Über den Inhalt der Gespräche verlautete nichts. Milde Gaben sind ausgeblieben; über Einzelheiten wurde offensichtlich. nichts vereinbart. Einige Staaten hatten sich Hoffnungen gemacht, daß die Weltbank ihnen Anleihen anläßlich dieser Londoner Tagung fest zusagen würde. Frankreich und Italien hatten vor der Tagung an ihre Anleihewünsche von je 250 Mill. Dollar erinnert, bei Frankreich wäre es die zweite Anleihe; Polen ließ seine Wünsche durch seinen Botschafter in Washington verkünden und flehte die Allgewaltgen an. Polen nicht dafür zu bestrafen, daß es zum russischen Einflußgebiete gehöre. Die Tschechoslowakei, Chile, Mexiko und Iran äußerten ihre Wünsche, weniger aufdringleicher. Bei den südamerikanischen Staaten machte sich eine steigende Nervosität bemerkbar, daß die begehrten Dollarbeträge der Weltbank zu großzügig den europäischen Staaten zur Verfügung gestellt werden. "Europa sei eine faule Sache" ließen sie sich anläßlich der Londoner Sitzungen vernehmen. Das Geld der Weltbank, dürfte aber nur für gute Risiken ausgeliehen werden, als solche empfahlen sich die südamerikanischen Staaten bestens im Bunde mit denen des nahen und fernern Ostens.

Als konkrete Ergebnis ist nur ein negatives aufzuführen: das Eingeständnis, daß die Weltbank und der Internationale Währungsfonds, in der gegenwärtigen Krise keine nennenswerte Hilfe leisten können, denn Abhebungen beim Währungsfonds besagen im Hinblick auf den Dollarbedarf zu wenig. Unser Reich ist nicht von dieser Welt!,war der Grundtenor der Erklärungen der Leiter, dieser beiden Institute, John J. McCloy und Camille Gutt: Der Internationale Währungsfonds hätte nur leichte Schwankungen der Devisenkurse auszugleichen, die Weltbank bei großen Ausbauplänen durch Anleihen eine Hilfestellung zu geben; aber die Satzungen beider Institute lassen es nicht zu, daß für die Notstandsgebiete mit der Fülle der vorhandenen Dollar Lebensmittel und Kohle gekauft werden. ,Wenn ihr‘, so etwa wurde ausgeführt, ‚Fabriken bauen wollt und uns nachweist, daß sie sich rentieren, dann machen wir mit. Hierfür habe die Weltbank Frankreich, Holland, Belgien und Luxemburg schon 497 Mill. Dollar gegeben. Wir sind aber keine Wohlfahrtsinstitute, sondern nur nüchterne Geschäftsleute. In einem Jahr tagen wir wieder in Washington. Wenn ihr Europäer bis dahin nicht verhungert und erfroren seid, und wenn ihr genügend Dollar habt, um im Wardman-Park-Hotel Zimmer bezahlen zu können, dann wollen wir gern wieder über Geschäfte reden!’

Wgr.