Mehr als tausend Ingenieure und Studierende der technischen Berufe trafen sich in Hamburg zur ersten Ingenieurwissenschaftlichen Tagung des VDI in der britischen Zone – eine Zusammenkunft, die als entschiedener Fortschritt des Bemühens um den Wiederaufbau gewertet werden kann. Die Tagung stand im Zeichen der dreihundertjährigen Wiederkehr des Geburtstages des’französischen Ingenieurs, Denis Papin, dessen Bedeutung für die Dampfmaschinen-Technik in einem Vortrag von Prof. Dr. Schimank (Hamburg) gewürdigt wurde. Papin, dessen. vielseitiger Erfindergeist seine Früchte sowohl in England wie in Deutschland trug, wo er anderthalb Jahrzehnte lang eine Professur in Marburg innehatte, gehörte zu jenen leidenschaftlich auf Erkenntnisforschung eingestellten Männern, die keine Landesgrenzen kennen, wenn es sich um den Fortschritt der technischen Kultur handelt. Diesem Geiste, fühlen sich heute auch die deutschen Ingenieure verbunden, die in problematischer Zeit für die Wiederkehr erträglicher Lebensverhältnisse in Deutschland und zugleich für eine neue Gemeinsamkeit der technischen Arbeit in der ganzen Welt wirken wollen.

Im Mittelpunkt der Tagung stand ein Vortrag des Atomforschers Prof. Hahn, der darlegte, auf welchen Wegen es deutschen, britischen und amerikanischen Forschern im letzten Menschenalter gelang, das Geheimnis ungeheurer latenter Energien, wie sie der werdende Erdball vor Jahrmillionen in bestimmten Stoffen aufgespeichert hat, soweit zu enthüllen, daß die Technik Methoden finden konnte, schlummernde Riesenkräfte in geplanter Steuerung einzusetzen. Das Wunder, des Radiums, das in erster Linie durch das Ehepaar Curie entdeckt wurde, erfuhr neue Beleuchtung und Klärung dadurch, daß auch bei anderen Elementen Radioaktivität festgestellt wurde. Die Zerspaltung des Urans kann – gesteuert – zu sogenannten Kettenreaktionen führen, die sich in Explosionen von so ungeheurer Gewalt äußern, daß sie eine Ahnung von den Vorgängen in der Sonnennähe vermitteln. Hierfür, eignet sich sowohl das in Laboratorien herstellbare "Uran 235" (Hiroshima) wie auch das neue Element Plutonium (Nagasaki) – Elemente, die von gewissen Mengen ab Sprengstoffe von vernichtender Wirkung auf große Reichweite darstellen. Es ist jedoch auch möglich, die Kettenreaktionen zum Aufbau einer Energie liefernden Maschine zu benutzen. Sowohl die Herstellung der Atombombe als auch die Entwicklung der "produktiven" Atomnutzung bedingen jedoch außerordentlich umfangreiche Einrichtungen, welche vorerst allein die USA durch die Aufwendung einiger Milliarden Dollars bestreiten konnten, während Deutschland trotz seines durch Hahns Entdeckung der Uranspaltung 1939 herbeigeführten Vorsprungs in der Physik des, Atomkerns weder hinreichende Mittel einer Großherstellung besaß noch auch im vorgeschrittenen Stadium des Krieges ungestört an der praktischen Verwirklichung seines Wissens arbeiten konnte.

Dieses neue, für die Zukunft des Erdenbewohners offensichtlich entscheidende Problem ist aber keineswegs das Monopol einer einzigen Nation. Schon seit dreiundvierzig Jahren arbeiten namhafte "Physiker der angelsächsischen Länder, Deutschlands, Frankreichs, Italiens und der Schweiz an den Problemen der Atomphysik und den geheimnisreichen Möglichkeiten der Verwandlung bekannter Elemente in andere, zum Beispiel der Wasserstoffe in Eisen ... (Man. stelle, sich die Weltwährungereform vor, nachdem es einem Physiker gelungen sein wird, aus Sauerstoff Gold zu machen!) Prof. Hahn freilich knüpfte an seine Ausführungen keine romantischen Spekulationen, sondern blieb bei der nüchternen Feststellung, daß es um Leben oder Tod der Menschheit ginge, um Vernichtung oder Wohlstand, je nach dem, wie die neuen Machtmittel benutzt würden, die die Wissenschaft den Urstoffen des Erdballs abgerungen hat.

Am zweiten Tage des Ingenieurtreffens gab Dr. Ing. Schubart, ein Verantwortlicher aus dem Bereich, der deutschen Zentralverwaltung in Minden, eine ungeschminkte Darlegung der unheilschwangeren Lage Deutschlands, wobei er als einzigen Lichtblick in die Zukunft die Hoffnung auf. das beginnende Verständnis der Siegermächte für die schicksalhafte Verflechtung der europäischen Existenzfragen nennen konnte, an denen die wirtschaftliche Rekonstruktion Deutschlands notwendig beteiligt werden muß. – Die Tatsache, daß die Schweizer Maschinenindustrie besonders im letzten Jahrzehnt bei der Gestaltung neuartiger Maschinentypen eine Spitzenstellung errang, hatte den VDI veranlaßt, einen der führenden Repräsentanten dieser Schaffensbereiche, den Maschinenbaudirektor W. Stoffel (Zürich), zu einem Vortrag über neue Wege in der Energieerzeugung und -nutzung einzuladen. Seine Informationen – bei dieser Gelegenheit teilweise zum ersten Male formuliert und veröffentlicht – waren von bedeutendem Neugheitswert für die deutsche Ingenieurwelt; sie umfaßten die Gebiete der hydraulischen Kraftanlagen, der Dampf- und Gasturbinen mit offene und geschlossenem Kreislauf und eines in der Gestaltung begriffenen kombinierten Systems. Der Vortragende gab feiner Überzeugung Ausdruck, daß Deutschland bei geeigneter Ausgestaltung seiner gesamten Energieerzeugung in der Lage sei, einen sehr wesentlichen Beitrag zur Gesundung der europäischen Wirtschaft zu liefern. Den Abschluß der Tagung bildeten zwei Referate über Kohle und Eisen, diese viel umkämpften Grundstoffe der geplagten, schaffenwollenden und nicht -könnenden deutschen Industrie.

Ernst Förster