Ich hab hier bloß ein Amt und keine Meinung", so sagt in "Wallensteins Tod" der schwedische Abgesandte zu dem kaiserlichen Feldherrn. Dieses Wort könnte unserem Zeitalter als Motto dienen, einem Zeitalter, das reich an Ämtern ist und zugleich arm an Meinungen, an menschlichpersönlichen Überzeugungen. Die Sterilität der nationalen wie der internationalen Politik liegt zu, einem großen Teil daran, daß die handelnden Menschen allzu farblos geworden sind, daß sie gebundene Marschrouten haben und nur noch als Sprachrohre agieren. Der Mensch gehorcht dem Amt, das Amt dem Staat, der Staat einer Partei, die Partei, einer Masse. Und auf dieser letzten Stufe ist es schon fast belanglos, ob die Masse der Partei befiehlt oder die Partei der Masse, da beide letzten Endes anonyme Größen, sind. Das Menschliche geht unter in einer unmenschlichen Anonymitat, und auch die "Führer" sind als Gegenpole der Massen nicht mehr freie Menschen, sondern bestenfalls Zauberlehrlinge. Gefangene des eigenen Spiele. Und wenn Gromyko in dem höchsten Rat, dem die Weltsicherheit anvertraut ist, immer wieder sein Veto einlegt gegen die Sicherheit der Welt, so könnte auch er jedesmal hinzufügen: "Ich hab hier bloß ein Amt und keine Meinung."

Auch die Deutschlandabteilung im britischen Außenministerium ist ein Amt. Für uns Deutsche ist es keineswegs gleichgültig, ob ihr Leiter nur ein Amt. hat oder außerdem eine Meinung, ob er im wesentlichen anonym bleibt oder menschliche Züge, ein persönliches Format sichtbar werden läßt. Der Wechsel in der Leitung, dieser Behörde im Frühjahr 1947 ist deshalb bei uns so aufrichtig begrüßt worden, weil wir darin einen Fortschritt von der Funktion zur Person erblickt haben. Mit Recht. Lord Pakenham, der sich seine Zugehörigkeit zu einer Konfession und zu einer Partei nicht durch Erbe und Tradition vorschreiben. ließ, sondem frei und persönlich entschied, als er vom Protestantismus zum Katholizismus, von den Konservativen zu Labour übertrat; besitzt fraglos jene menschliche Unabhängigkeit, die heute so selten geworden ist. Er kann kein Mann der gebundenen Marschroute sein.

Und tatsächlich haben wir von Lord Pakenham wärmere und persönlichere Worte gehört, als wir sie bis dahin von beamteter – britischer Seite gewohnt waren. Wenn er uns sagt, daß Offenheit zwischen Freunden das Beste sei, so ist das selbst ein offenes und ein freundschaftliches Wort. Und ebenso echt und herzlich klingt es, wenn er erklärt: "Als Vater von sieben Kindern, habe ich hier mit eigenen Augen gesehen, wie eine Familie mit sieben- und eine andere mit neun Kindern unter den härtesten Bedingungen zu leben hat. Daher ist meine. Botschaft des guten Willens, für das deutsche Volk die Botschaft eines aufrichtigen Freundes." Immer, wieder hat Lord Pakenham seine herzliche Anteilnahme an der Jugend Deutschlands bekundet. Er hat ausdrücklich betont, daß die heranwachsende Generation für den Krieg nicht verantwortlich gemacht werden könne. Und zu Führern deutscher Jugendverbände sagte er: "Ihr tut absolut recht daran, stolz auf euer Deutschtum zu sein."

Es gehörte auch nicht zu den amtlichen Obliegenheiten des Leiters der Deutschlandabteilung, vor 2000 Studenten in Kiel eine Rede über das Thema "Christentum und Politik" zu halten. Sie enthielt eine deutliche Absage an den Marxismus und an jede Erfolgsmoral, ein klares Bekenntnis zu einer geistigen Lösung, zur Brüderlichkeit der Menschen, zur hohen Würde eines jeden einzelnen als Person. Lord Pakenham sprach sich für eine sehr viel weitergehende Verteilung der Möglichkeiten und der guten Dinge des Lebens aus, als wir sie je erlebt haben. Die Rolle der Familie in jeder-sozialen und sittlichen Ordnung, noch im Vorrang vor Nation und Staat, wurde von ihm besonders gewürdigt:

Fraglos spricht hier ein Mensch und nicht ein Amt. Aber wir, die wir zuweilen geneigt sind, zuviel zu erhoffen, um dann allzu leicht enttäuscht zu werden, sollten nicht vergessen, daß Lord Pakenham nicht nur eine Meinung hat, sondern auch ein Amt. Das zeigte sich sehr deutlich nach seiner Kieler Rede, als ein deutscher Student ihn fragte, ob die Zurückhaltung der deutschen Kriegsgefangenen in England mit den Grundsätzen der christlichen Nächstenliebe zu vereinen sei. Lord Pakenham erwiderte; nach Ansicht der britischen Regierung müsse darauf hingewiesen werden, daß, ganz abgesehen von den Schäden, die Deutschland angerichtet habe, durch die Erntearbeiten der Kriegsgefangenen weniger Lebensmittel nach England werden müßten, was mittelbar größere Lebensmittellieferungen für Deutschland bedeute. Und vom Standpunkt des Völkerrechts sei die Zurückhaltung der Kriegsgefangenen kein Bruch eines Friedensvertrages, da ein solcher noch gar nicht unterrzeichnet worden sei. Das war eine diplomatische Antwort, man könnte auch sagen: eine amtliche Antwort. Vielleicht findet der deutsche Student, daß seine Frage überhaupt unbeantwortet blieb da Lord Pakenham in seiner Erwiderung wohl von der Ansicht der britischen Regierung und vom Völkerrecht, nicht aber von der christlichen Nächstenliebe sprach. Und tatsächlich bedeutet die Verbindung von Amt und Mensch, daß auf manche Fragen nur entweder der Mensch oder das Amt antworten kann, schwerlich aber der Mensch im Amt.

Die Warnung vor vorschnellen Hoffnungen und vorschnellen Enttäuschungen gilt auch angesichts der sehr bedeutsamen Rede, die Lord Pakenham in London vor der Vereinigung der Auslandspresse über die britische Deutschlandpolitik gehalten hat. Wir können darin eine ganze Reihe von elementaren Wahrheiten finden, die mit solcher Überzeugungskraft und solcher Prägnanz von offizieller Seite bisher kaum ausgesprochen worden sind. Hier. eine Auslese: "Sollte die November-Konferenz der Außenminister keinen Erfolg bringen, dann wird England sein Bemühen, Deutschland wieder lebensfähig zu machen, unter keinen Umständen lähmen lassen. Jedes Wort der Versicherung an das deutsche Volk, mit dem wir ihm Hoffnung bieten, ist aus tiefem Herzen gesprochen. Europa kann nicht ohne das deutsche Volk gedeihen und das deutsche Volk nicht ohne Europa. Ein deutscher Patriotismus muß wieder geweckt werden, der sich jedoch wie nie zuvor in ein europäisches Gemeinschaftsgefühl einfügen muß. Deutschland muß im Rahmen des Möglichen Schadenersatz leisten, aber zugleich müssen alle Maßnahmen getroffen werden, damit die Deutschen eine angemessene Lebenshaltung und die Gelegenheit erhalten, ein glückliches Leben zu führen. Weit wichtiger als die Maßnahmen im Rahmen der Sicherheitspolitik sind die Bemühungen um die geistige Prägung" des deutschen Volkes. Wir betrachten uns als Treuhänder in Deutschland und handeln nach diesen Grundsätzen. Die Zukunft ist wichtiger als die Vergangenheit. Es ist unbegreiflich, warum die Sowjetunion sich weigert, Deutschland als wirtschaftliche Einheit zu behandeln. Nicht nur Deutschland, nicht nur der britische Steuerzahler, sondern die ganze Welt hat einen furchtbaren Preis dafür zahlen müssen, daß der Potsdamer Plan zunichte gemacht wurde."

Hiervon und von manchem anderen, was Lord Pakenham gesagt hat, möchten wir kein Wort missen. Dann: aber finden wir den Satz: "Wie unangenehm es auch für die Deutschen und besonders für uns sein mag, wenn wir Betriebe zerstören müssen, die der Friedensproduktion zugeführt werden könnten, so gehören solche Maßnahmen notwendigerweise zu einem von der Vernunft gebetenen Sicherheitsprogramm, und wir sind entschlossen, sie energisch durchzuführen." Manche von Lord Pakenhams Thesen, wie die vom Vorrang der Zukunft vor der Vergangenheit und vom Vorrang der geistigen Prägung des deutschen Volkes vor den Maßnahmen der Sicherheitspolitik, kingen geradezu wie die logische Vorbereitung zu einer Schlußfolgerung, die das Ende aller das Friedenspotential schädigenden Demontagen verkünden müßte. Statt dessen wird leider ein Bekenntnis zur Demontagepolitik abgelegt. Und es ließe sich hierzu sagen, daß ja nicht nur Betriebe demontiert werden sollen, "die der Friedensproduktion zugeführt werden könnten", sondern auch solche, die der Friedensproduktion bereits zugeführt worden sind.