Gefangenenlager, Flüchtlingslager, Internierungslager, DP-Lager... noch immer, ja mehr denn je, ist das Lager, ein Kennzeichen dieser Zeit. Wer drinnen sitzt, hat Erlebnisse, die er nur Schwer zu schildern weiß; wer draußen steht, macht sich meist falsche Vorstellungen vom Leben hinterm Stacheldraht. Hier schildert ein Ausländer das Dasein in einem Lager der Verschleppten.

Mit einer Aktentasche, einem demolierten Konfektionsgebilde auf dem Körper, einer Zahnbürste, einem Küchenmesser, einem Löffel, einem Rasierapparat und einem Handtuch kam ich an. Es war im September 1945. Und das Lager hieß: Internationales Verschlepptenlager, Leipzig. Ein hoher Stacheldrahtzaun. Dahinter Baracken. Ein Tor, ein Schlagbaum, ein Posten mit der Maschinenpistole. Die Papiere wurden geprüft. In Ordnung! Auf der Lagerverwaltung arbeiteten Ukrainer, sogenannte DP’s, nette Burschen. – "Wohin?" – "Nach Ungarn. – "Du mußt wahrscheinlich warten. Aus deiner Gegend sind nur noch Rumänen hier. Doch sonst alles, was man sich denken kann." – Na, schön. Mir war’s egal. Es war der letzte Ausweg.

Zwischen den Baracken sitzen, stehen, liegen, schlendern Männer jeglichen Alters, Frauen mit Säuglingen auf dem Am; Sechzehnjährige und Großmütter. So sieht es in solchen Lagern auch heute noch aus. Kinder tollen herum. Kinder, wie alle anderen Kinder in der Welt, unbeschwert, unwissend und doch vom Erleben gezeichnet, altklug oder verwahrlost. Alles in allem, ein babylonisches Völkergemisch. Die größten Gegensätze. Blonde, schlanke Nordeuropäer, scharfnasige, kantige, gelbe, schwarzhaarige Profile aus dem Süden, breitgesichtige, mandeläugige, stupsnasige Slawen: Cliquen haben sich zusammengefunden, meist von der gleichen Volkszugehörigkeit, doch durchaus nicht immer. Es gibt viele. Freundschaften von Baracke zu Baracke. Und Liebe. Ja, auch das. Aber es gibt keine Rivalität zwischen den Nationalitäten. Ein Paneuropa im kleinen. – Am ersten Tage war ich verwirrt. Mit den Tagen wuchs das Erstaunen, und schließlich gewöhnt man sich daran. Es gibt keinen besseren Beweis, wie gut und einträchtig Menschen aller Völker und Rassen zusammenleben können! Volksdeutsche waren auch darunter. Kein Mensch sah sie schief an. Denn hier waren alle gleich: die gleichen armen Teufel.

Am ersten Abend hatte ich entsetzlichen Hunger, lehnte an einem Pfosten – die Lampen brannten ringsumher – und kämpfte gegen meine Schwäche. Plötzlich faßte mich jemand am Arm und sprach zu mir. Polnisch. In Thüringen hatte ich gesehen, wie Polen plünderten. Das war schlimm, sehr schlimm gewesen. Seither hatte ich was gegen Polen. – Weil er nicht fortging, fragte ich, nur um überhaupt etwas zu sagen: "Magyarazik?" – "Nix!" Aber deutsch konnten wir beide. "Hunger", sagte ich. – "Komm." Er zog mich mit. "Ich heiße Stefan. Und du?" Er gab mir zu essen. O, man soll nie kollektiv, urteilen

Oktober. Vier Wochen, die ins Leere flossen. Ich habe immerhin gelernt, wie man im Lager lebt. Junge Menschen fühlen sich unter ihresgleichen am wohlsten. So hatte sich ein kleiner Kreis zusammengefunden. Ein Rumäne aus Arad, André, ein Belgier, aus Mons, ein Ukrainer und zwei ungarische Jungen, Józska aus Klausenburg und Ferry aus Miskolc. Auch ein Spanier gehörte zuerst dazu, ein witziger, toller Bursche. Aber André, der kleine Belgier, ging plötzlich von uns – in einem amerikanischen Lastwagen, der ihn und andere abholte. Uns fiel es nach jedem Abschied schwerer, daß wir bleiben mußten. Tagaus, tagein Stacheldraht und Baracken. Schlafen, essen, spielen. Wie das abstumpft. Man wird ein Tier: Oder wie ein Soldat. Jede Woche soll der Transport gehen. Und nie geht einer. Immerhin, eben war André gefahren. André? Er hatte die Annusch liebgehabt, und sie konnte nicht mit ihm fahren, Grenzen, Nationen, Vlien... Nun, eins war sichert das Kind! Annusch blieb allein. André blieb allein. Wie durften sie auch so vermessen sein! Wie konnte man die Angelörige einer anderen "Nation" lieben. Erst die Nation, und dann der Mensch. Auch wenn dieser dabei vor die Hunde ging! Es lebe die Nation! Ach, wir pfiffen darauf. Alle miteinander. Hier waren wir nur Menschen. – André? Er war 1942 nach Deutschland gekommen, und keineswegs freiwillig. Man hatte rekrutiert. Er wurde schwer geschunden in einem großen Betrieb. Doch es gelang ihn schließlich, bei einem deutschen Uhrmacher unterzukommen. Das war sein Fach: Das machte ihn Spaß. Dort ging es ihm gut. André sprach oft von dem alten Uhrmacher. Er hatte ihn gern gemocht. Ja, manche Ausländer hatten auch Glück in Deutschland, wenigstens eine Weile.

So zum Beispiel auch Ludmilla. Sie mußte, wie alle Polinnen, das "P" tragen und galt dadurch als Mensch zweiter Güte. Ein blitzsauberes Mädchen, hülsch, gut gewachsen, adrett und sauber gekleidet. In einem Restaurant in Stolp hatte sie Unterschlupf gefunden. Ich kannte sie von dort her: sie--war fröhlich damals, guter Dinge. In Leipzig trafen wir uns wieder und sie erzählte, was sie inzwischen erlebt. Man hatte sie in eine Fabrik gesteckt und dem zum Stellungsbau geschickt. Man hat sie beleidigt und geschlagen. Ihre Angehörigen hatte man umgebracht. Polnische Intelligenz. Die mußte weg. Als es über ihre Kräfte ging, riß Ludmilla aus Sie. kam nicht weit. Ab ins Kz. Und doch wat sie ehrlich genug, sich gern an ihre deutschen Kolegen im Restaurant zu Stolp und – an ein paar, deutsche Flieger zu erinnern, die sich ihr gegenüber sehr anständig benommen hatten. Es gibt eben Dinge, die über allem stehen, Dinge, die nichts mit Verboten und Nationalbewußtsein zu tun haben, sondern mit Menschlichkeit und Takt.

Unser Spanier aber, der witzige, tolle Abenteurer; fuhr mit einem Ukrainer, dem dicken Owtschenko, einem ehemaligen Wlassowsoldaten, davon, der sich als Pole ausgegeben, hatte, nach Halle, wo sie Sick trennten. Dem dicken Owtschenko – so hörte man – gelang es, in die amerikanische Zone zu entkommen, da er Grund hatte, nicht nach Rußland zurückzugehen. Dort lebt er von dem, was er in den Häusern Und Gärten der Deutschen "findet". Was soll er auch tun? Die Russen hätten ihn aufgehängt, wenn sie seine Vergangenheit erfahren hätten. Der Caballero aus Barcelona aber hat sich in einer Stadt der Ostzone bei einem "rotspanischen Komitee" etabliert. Während des Krieges zwar war er EK-geschmückt als Angehöriger der "Blauen Division" von Rußland auf Berlin-Urlaub gekommen. Ein paar Jahre vorher hatte er mit der "Internatonalen Brigade" gegen Franco gekämpft. Jetzt aber wurde ihm, wie wir erfuhren, eines Tages der "Job" in der Sowjetzone zu heiß. Er tauchte unter und in einer Berliner Gerichtsverhandlung wieder auf. Jetzt befindet er sich da. wo solche Leute hingehören.