Euripides in den Hamburger Kammerspielen

Werfel, dem wir die nahezu vollkommene Eindeutschungder "Troerinnen" verdanken, meinte (wie dies aus dem Vorwort des Dichters zuseiner Nachdichtung hervorgeht), daß "die menschliche Geschichte in ihrem Kreislauf wiederum den Zustand passiert, aus dem heraus dieses Werk entstanden sein mag".Dies schrieb er... wann? Im Jahre 1914. Und wenn wir zugeben, daß er schon damals recht hatte – wieviel mehr ist er mit dieser Ansicht heute im Recht, da der Inhalt jener Tragödie sich zonenweise völlig mit dem Inhalt der jüngsten Geschichte deckt! – Troja ist geschlagen. Die Siegreichen Griechen treiben dieTroerinnen, da die Männer getötet sind, zuhauf. Die gestern noch Mütter, Geliebte und Gefährtinnen waren, für deren Schutz zu kämpfen sich lohnte, sindheute Sklavinnen. Unter ihnen Hekuba, dieKönigin, die fünfzig Söhne verlor, und die bestimmt ist, dem Odysseus als Sklavin zu dienen.Kassandra, die Priesterin, und Andromache, des toten Hektar Gattin, beide "erkoren" – wie der siegreiche Grieche sagt –, das Bett derSieger zu teilen. Und da ist Helena selbst, Verführte und Verführerin: die, wie Sie meint, vollauf "Unschuldige" aus Verantwortungslosigkeit. Und da ist der kleine stumme Sohn Hektors, deraus den Armen der Mutter in den Tod gerissen wird, weil Odysseus riet, ihn zu töten, damit nicht der Heldenname seines Vaters durch ihn weiterlebe. Dunkelheit und Schreckenringsum. Bis vor den Augen der Troerinnen, die vergebens den Erdboden mit Fäusten schlagen, um ihre Männer aus dem Grabe herbeizurufen, Troja, das heilige Ilion, in Flammen aufgeht. Eine klanglose, dürre Feststellungdes Besiegten – Hekuba hat sie ausgesprochen: "Wer fällt, der liegt. Und wer liegt, der ist gefallen!"’ Und doch sieht Hekuba, die Mutter so vieler Toten, noch das Leben. Nein, sie wird sich nicht in Trojas Flammen stürzen. Es bleibt – was immerauch geschah und geschehen wird – Menschenpflicht: zu leben. Hekuba "nimmt das Leben an die Brust" so formuliert der Dichter Werfel die Schlußworte des Euripides und fügt in seinem schon zitierten Aufsatz hinzu: "Und so sehen wir den verrufenen Atheisten Euripides als Vorboten, Verkünder, als frühe Taube des Christentums."

Fürwahr, die Parallelität des Geschehens, die Franz Wertel – sehr vorzeitig, wie uns heute das Jahr 1914 erscheint – andeutet, ist ungeheuerlich. Hörten wir im Kriege, als das deutsche Heer in Rußland siegreich gewesen, nicht die ängstlichheimliche Klage der nach Deutschland verschlagenenukrainischen Dienstmagd, daß sie durch SS,deutsche Polizei und ukrainische Polizeihilfstruppen wie das Vieh in den Dörfern waren zusammengetrieben worden, junge Mädchen umringt vonwehklagenden Müttern, deren Wehruf wie ein einziger, endloser Jammerton in der Luft blieb. (Gewiß,nicht unähnlich dem sprachlichen Psalmodieren des Chores im Theater, in dem Angst und Weinen und der markerschütternde Aufschrei des Entsetzens schwangen.) Doch sagten es – nachmals die deutschen Schwestern jener Troerinnen anders, die in unseren Tagen aus den russischen Bergwerken heimkehrten, wo, wie sie klagen, Tausende noch harren und auf Heimkehr hoffen, auf Rückkehr ins zerstörte Ilion der Deutschen?

Der Schluß liegt nahe, daß die heutige, wahrhafteuripideische Situation dazu angetan sei, die Form dessen zu sprengen, was auf der Bühne darzustellen möglich ist Doch setzten die Hamburger Kammerspiele, zumal ihr Regisseur Ulrich Erfurth und vor allem ihre Direktorin Ida Ehre, die der zertretenen, anklagenden, rasenden, verzweifelnden, und doch zuletzt in sich aufgerichteten und zutiefst mütterlichen Königin Hekuba auf unvergeßliche, aufrüttelnde Weise Gestalt verlieh, soviel dienende, dem Dichterwort verpflichtete Werktreue ans Spiel,daß der Rahmen der Kunst stark genug blieb, das Unsagbare zu sagen. Kurz, die große Ensemblekunst dieser ersten Hamburger Sprechbühne – an der ManjaWodowoz, Gisela Mattishent,Edda Seippel, Willi Hochapfel und Bruno Karl aneinander ebenbürtig beteiligt waren – feierte einen ihrer schönsten Triumphe. Josef Marein

Anouilh: "Die Wilde"

Deutsche Erstaufführung in Hannover