Sind wir seelisch noch nicht still geistig für den sanften Traum und die Freude? Die Geigen wisperten wie einst in glücklicheren Tagen (lang ist’s her), das Waldhorn tönte in silbernem Wohllaut, aber selbst, die Meisterhand Furtwänglers konnte, nicht verhindern, daß da eine hauchdünne gläserne Wand blieb zwischen Mendelssohns "Sommernachtstraum"-Musik und uns. Wir spürten sie wohl, die reine, unschuldige Luft dieser Schönheit, die unvergänglich ist trotz unserer Sprödheit, sie aufzunehmen. Aber die Glaswand blieb. Beethoven – das ist es! Jene, denen Musik mehr als ästhetischer Genuß, sondern Brot des Herzens ist, haben Beethoven (und Hindemith) musiziert in dery-Tagen der Unfreiheit und da der Krieg uns drohte und uns auffraß. Beethoven, der Gewitternde, hat sich uns nie als kraftgeladene Stimme der Tröstung versagt – auch da nicht, wo Bach, der Fromme, sich uns versagte. (Seltsam, auch Hindemith, der Wissende unter den Musikanten, blieb, uns nahe.) Und jetzt, da Furtwängler die siebente Symphonie Beethovens dirigierte – dies geschah in der Hamburger Musikhalle mit dom Symphonieorchester des Nordwestdeutschen Rundfunks, das die höchste Bewährungsprüfung herrlich bestand ward mit einem Male die Ursache dieser Allgegenwart Beethovens in schweren Zeiten deutlich: Furtwängler stieß viel tiefer in die Hintergründe dieser Symphonie vor, als es der bequemen Plakatierung "Apotheose – des Tanzes" bequemen entsprach; er drang auf den Urgrund des Beethovenschen Ringens um Gestaltung vor, dorthin; wo Musik nicht ist, sondern erst entsteht. Es ist. das Bekenntnis eines Trozdem-Leben-Woliens das anhebt, sich in Musik zu manifestieren; Und es mag für ein Wunder gehalten werden, aber es ist wahr, daß Furtwängler das, was unmöglich erscheint, verwirklichte, nämlich eine vollkommene Verschmelzung von Ekstase und Objektivität. Beethoven, ein Halbgott, verkündete, was das heißt: – Leben!

Man weiß, daß Furtwängler – all jenen zum Trotz, die die "Unprägnanz" seiner Dirigiertechnik tadeln wollen – ein meisterlicher Orchesterbegleiter, ist. Diese Kunst bewährte sich bei dem Doppelkonzert von Brahms, dem letzten, von melancholischer Süße erfüllten. Orchesterwerk des norddeutschen Meisters, wobei Furtwängler den symphonischen Partien jenen großen, weitschwingenden Ausdruck gab, der ihnen gebührte, und den prachtvollen Solisten Röhn (Geige) und Tröster (Cello) jene Freiheit ließ, daß sie über sich selbst hinauswachsen konnten: meisterliche Solisten und ihr Meister, an aller Strenge und Gelöstheit am Werke zu zeigen, daß Musik mehr sei als Klingen und Tönen. J. M.