In England hat sich der Menschenfreund Victor Gollancz mit einer. Bittschrift an die Regierung gewandt man möge doch die deutschen Kriegsgefangenen ohne Verzögerung und so schnell wie möglich nach Hause schicken, weil dies einfach ein Gebot der Menschlichkeit sei. In der Antwort auf die mit 2000 Unterschriften versehene Petition gibt Premierminister Attlee zwei bemerkenswerte Erklärungen für seine ablehnende Haltung an – bei aller Würdigung der vorgebrachten humanitären Gründe. Einmal könne England, so führte er aus, die deutschen Arbeitskräfte in der gegenwärtigen Bedrängnis gar nicht entbehren, ihre Abwanderung würde die englische Wirtschaft in Schwierigkeiten stürzen. Andererseits sollten die Deutschen sich mit dem Gedanken trösten, so meint er, daß die Gefangenen doch immerhin ein wenig von dem unermeßlichen Schaden wiedergutmachten, den das nationalsozialistische Reich verursacht habe. Hier gehen materielle Gründe und moralischer Zuspruch durcheinander, und zusammen klingen sie schmerzhaft in-deutschen Ohren.

Victor Gollancz hat in einem Brief sofort darauf, aufmerksam gemacht, daß es der blanke Zufall war, der die einen in Gefangenschaft schickte und die anderen in ihrer Heimat beließ; daß es darum – unrecht sei, diese Zufallserscheinung für viele Jahre zu stabilisieren; daß alle Wiedergutmachung, die für wünschenswert gehalten werde, vom ganzen deutschen Volk verlangt werden müsse. (Nebenber wäre zu fragen, wo denn die Arbeit unserer Kriegsgefangenen – soweit sie als Wiedergutmachung bezeichnet wird – unserem Schuldkonto. gutgeschrieben wird.)

Bemerkenswert an dieser Auseinandersetzung ist, daß Gollancz davon ausgeht, der Kriegszustand sei tatsächlich beendet, und nun fordert, die Regierung solle sich nicht gegen die Menschlichkeit hinter formellen Rechten verschanzen. Genau das Gegenteil ist in der Schweiz, geschehen, wo sich ebenfalls eine Stimme der Öffentlichkeit zugunsten des gefährdeten Menschenrechte erhob – allerdings mit der Begründung, daß der Kriegszustand zwischen Deutschland und den Alliierten noch nicht beendet worden. sei. Die Züricher Zeitung "Die Tat" prangert ein fortgesetztes Vergehen gegen das Asylrecht an. Nach ihrer Schilderung sind laufend deutsche Kriegsgefangene, die aus französischen Lagern entwichen sind und freien Schweizer Boden erreicht haben, von den Schweizer Behörden wieder nach Frankreich abgeschoben worden. Dies sei nach der internationalen Konvention über die Behandlung von Kriegsgefangenen nicht statthaft: da der Kriegszustand zwischen den Alliierten und Deutschland noch nicht beendet ist, hat der Kriegsgefangene ein Anrecht darauf, bis Kriegsschluß interniert zu werden. Inzwischen hat die Schweizer Regierung das bisher geübte Verfahren doch Wohl selbst als peinlich empfunden und schickt nunmehr die deut-– schen Flüchtlinge über die Nordgrenze der Schweiz. Praktisch kommt dies auf das gleiche heraus; denn das gesamte an die Schweiz grenzende deutsche Gebiet ist von Franzosen besetzt.

Die Schweiz hat es zur Zeit nicht gern, als Insel der Zuflucht zu gelten; wer wollte auch ihre guten Gründe übersehen! Der Aufenthalt der Flüchtlinge reißt ins Geld;-Offizieren ist beispielsweise nach internationaler Vereinbarung der bisherige Sold weiterzuzahlen. Niemand zweifelt daran, daß auch die Schweiz es heute schwer hat. Aber es schmerzt, zu sehen, daß Errungenschaften der Humanität aus irgendwelchen Konjunkturmotiven preisgegeben werden. "Die Tat" nennt das – Verhalten der Schweizer –: Bundesbehörden "nicht fair". Wir müssen jenen Schweizern dankbar sein, die auf – Recht und Menschlichkeit bestehen und für das – Asylrecht unserer Kriegsgefangenen eintreten, obwohl unsere Nachbarn, keine besonders – prodeutschen Sympathien haben, wie "Die Tat" ausdrücklich betont.