Von Peter Christian Baumann

Wir halten da auch wieder eine unglückliche Mittelstellung "im Herzen. Europas", wir Deutsche. Die Italiener und die Franzosen treiben es an sich zwar viel stärker mit dem äußeren Pathos, aber sie nehmen es auch gleichzeitig nicht so ernst. Sie fahren bei jeder Bataille das schwere Geschütz auf, und dadurch bekommt die ganze Sache etwas Leichtes. Wenn sie sich lange genug händefletschend gegenseitig durch Erstechen mit den Fingern bedroht haben, fallen sie sich in die Arme und küssen einander auf die Wangen. Wir aber verlangen, unser Pathos ernst genommen. Der Mann am Schalter, der den Kopf der Schlange über die Fehlerhaftigkeit eines ausgefüllten Formulars aufklärt, mischt in seinen Unwillen pathetische Akzente Er ist plötzlich nicht mehr ein schlechtbezahlter Beamter, der übel, gelaunt seinen Dienst tut; er ist. Pädagoge. Vertreter einer Idee, Anwalt eines rächenden Gottes, der alles sieht und nichts versteht: des Staates.

Der politische Versammlungsredner, der mitzuteilen wünscht, daß seine Partei in bestimmten Punkten eine andere Auffassung habe als eine andere Partei, gebärdet sich als Hohepriester, der seine Anhänger vor einem Weltuntergang zu retten trachtet. Und wenn in seiner Rede das Wort "Mittwoch." oder "gewissermaßen" oder eine andere Gleichgültigkeit vorkommt, dann tut er eine Leidenschaft daran, die die Wände erzittern läßt. Zum Verkauf von Fischpasten, zur Verweigerung einer D-Zug-Zulassung, zum Eintritt in irgendeine Organisation gehört nun einmal Pathos – weil die Sache nicht ernst ist, muß die Form feierlich sein.

Nun ist jedoch Pathos abhängig von der Eindeutigkeit der Situation. Wilhelm Teil ist pathetisch, und er darf es sein. Wir sollten es nicht sein, aber wir sind es. Wenn ein Polizist Flüchtlingskinder mit ihren Karren vom Bahnhof wegjagt, damit die ebenfalls uniformierten Hotelhausdiener leichter zur Ausübung ihrer Funktion gelangen können, so ist das wohl leider seine Pflicht. Wenn er aber dabei pathetisch auftritt, ist er eine komische Figur. Was die staatlichen Organe von den ihnen ausgelieferten Einzelpersonen mit Fug erwarten, ist häufig fragwürdig und muß es sein. Daher sollten die Organe sich ihrer Feierlichkeit entkleiden? es würde ihnen besser stehen.

Und wir sehen die Feierlichkeit und lachen nicht darüber, nein, wir denken: es müßte schön sein, daran teilnehmen zu können. Und doch sollten, die letzten zwölf Jahre und die Aussichten für die nächsten zwölf, eigentlich genügen, uns endlich an – nackte Tatsachen gewöhnt zu haben!

Andere Völker, denen weniger schlimm mitgespielt wurde als uns. haben sich schneller auf die Realitäten besonnen. Ihnen haben sogar die.Künster geholfen. Während die Geistigen heute über die Mit- oder Hauptschuld der Intellektuellen in der Vergangenheit grübeln und sich gegenseitig die Balken waggonweise aus den Augen ziehen, sehen sie nicht die Gegenwart. Sie verkriechen sich hinter Romantik und Pathos und dem großen Erbe der Dichter und -Denker, sie sind goethisch in einem Ausmaß, daß es den alten Weimarer grausen würde, und sie gebärden. sich stefangeorgisch in einer Manier, die diesem Sänger des erhabenen Jugendstils die Kehle zudrücken würde...