In dem Maße, in dem der Zusammenbruch einzelner Länder sich zu einer Krise ganzer Kontinente und schließlich zu globalen Gleichgewichtsstörungen auswächst, versteigen sich auch die Vorschläge zu einer Heilung der kranken Welt in immer imposantere Größenordnungen. Augenblicklich wird das Weltparlament vielfach als die einzige Rettung propagiert. Wobei nicht recht ersichtlich ist, wieso eine politische Institution, die den ganzen Globus und damit alle jene Divergenzen mitumspannt, die gerade den Urgrund der Krankheit der einzelnen Teile bilden, in der Lage sein soll, die Gesamtheit aller Krankheitserscheinungen zu überwinden.

Der sogenannte Marshall-Plan, der jenseits politischer Gesichtspunkte das zerstörte Zentrum der Welt: Europa – wenn auch bedauerlicherweise nur Westeuropa – durch wirtschaftliche Hilfsmaßnahmen wiederaufbauen und die einstmals zusammengehörigen Teile wieder zu einer Einheit verknüpfen will, ist darum im Gegensatz zu all diesen Theorien ein wirklich konstruktiver Plan. Daß für eine solche Verflechtung eine politische oder weltanschauliche Übereinstimmung der einzelnen Teile gar nicht erforderlich ist, beweist das Abkommen von Rio de Janeiro, das die politisch so außerordentlich verschiedenartigen südamerikanischen Staaten mit Nordamerika im Hinblick auf alle Verteidigungsfragen zu einer Art Zweckverband zusammengeschlossen hat. Die Konferenz der 16 Staaten in Paris hat in einer für heutige Begriffe erstaunlich kurzen Zeit ihren Bericht abgeschlossen, der, ausgehend von der derzeitigen Wirtschaftslage und unter Berücksichtigung der Entwicklungsmöglichkeiten der einzelnen europäischen Staaten und ihres höchstmöglichen Güteraustausches untereinander, den Zuschußbedarf Europas gegenüber Amerika während einer Zeitspanne von vier Jahren, nämlich von 1948 bis 1951, ermittelt.

Es ist ganz unvermeidlich, daß ein solcher internationaler Vier jahresplan mit zahllosen Unbekannten rechnen muß, vor allem in einer Zeit; da nicht nur in den europäischen Ländern, sondern auch in Amerika die Preise in ständigem Steigen begriffen sind. Aber es kommt im Grunde auch gar nicht darauf an, daß-die Zahlen und Ermittlungen im einzelnen stimmen, wesentlich ist nur dies, daß dank der amerikanischen Initiative die 16 europäischen Staaten gezwungen werden, sich auf eine wirtschaftliche Kooperation zu besinnen,

Amerika hat es offenbar satt, zuzusehen, wie seine Anleihen verraucht und verbraucht werden, ohne daß eine nachhaltige Besserung der wirtschaftlichen Lage zu verzeichnen ist. Zumal die so "beschenkten" Länder anstatt mit Hochdruck zu arbeiten- noch nicht einmal den – ständigen Produktionsausfall verhindern können, der durch die Streiks entsteht. Die amerikanische Regierung will ihren Steuerzahlern gegenüber eine quasi solidarische Garantie haben, daß weitere Investitionen in Europa wirklich zur Ankurbelung der Produktion und auch des Absatzmarktes, dienen. Unter diesem Druck haben die europäischen Staaten sich entschlossen, gewisse Plane gemeinsam und ohne Rücksicht auf nationale Grenzen zu entwickeln, so die Ausnutzung der Wasserkraft der Alpengebiete, die Standardisierung von elektrischem Zubehör, Bergwerksausrüstungen und Lastkraftwagen; sie sind ferner bereit, internationale Abmachungen zu treffen über den Einsatz des rollenden Materials zur Bewältigung der Verkehrsprobleme und den Ausgleich von Arbeitskräften vorzunehmen.

Die europäische Kooperation, die sich hierbei auf der Grundlage praktischer Erfordernisse herausbildet, könnte wohl imstande sein, die hoffnungslose Lethargie in den einzelnen Staaten und das furchterfüllte Mißtrauen aller gegen alle zugunsten eines neuen Gemeinschaftsgefühls zu überwinden. Deutschland steht einstweilen noch außerhalb, nicht der Hilfe, aber der Beratungen. Von diesem erzwungenen Beobachterposten aus haben wir schon so manchen Plan an uns vorüberziehen sehen. Vom Morgenthau-Plan, der das Ruhrgebiet stillegen und die Graben schließen wollte, bis zum Marshall-Plan, der das gleiche Gebiet zur höchsten Leistungsfähigkeit steigern will. Verwunderlich bleibt für uns nur, daß, wenn man Planwirtschaft im großen betreibt, im kleinen heute dort noch demontiert wird, wo morgen wiederaufgebaut werden soll. Vorderhand ist aber das Wichtigste, daß Amerika sich überhaupt und vor allein, daß es sich rasch entschließt, Europa Hilfe zu gewähren. Dff.