In Nantes, Le Maus und Alençon mußte mit Gummiknüppeln, Wasserschläuchen und Tränen? gas eingeschritten werden, als Hausfrauen und Arbeiter die Präfekturen zu stürmen versuchten, in Frankreich und Italien werden Getreidespeicher, Bauernhöfe, Warenlager, Bahnhöfe, usw. angezündet, und in Italien kam es kurz vor der Reisernte zu einem Streik von mehr als 1 Mill. Landarbeitern und damit zu dem bisher größten Streik der Nachkriegszeit in Europa. Die Haltung der Bauern dieser beiden Länder kann ganz allgemein als Ablieferungsstreik bezeichnet werden. Die amtlich zugestandenen Preise werden allenthalben als ungenügend bezeichnet; verlangt werden Sachwerte und vor allem Gold. Auf dieser Basis kommt überall unkontrolliertes Getreide in den Handel, so daß man in den Geschäften das schönste. weiße Friedensgebäck schwarz kaufen kann, während die Regierung um Dollar betteln muß, damit sie die Brotration von 200 g aufrechterhalten kann.

Ernährüngsschwierigkeiten sind "im allgemeinen der Anlaß für die Demonstrationen und Streiks, Es ist natürlich ein leichtes, die Massen in Erregung zu bringen, aber ein fast. hoffnungsloses Unterfangen, den Mann des Volkes davon zu überzeugen, daß nach einem langwierigen und kostspieligen Krieg mehr gearbeitet und der Riemen enger geschnallt werden muß, und daß nur so die Krise der Gegenwart gemeistert werden, kann.

In diesem Falle zeigen sich deutlich die Schwierigkeiten, denen eine sozialistische Regierung gegenübersteht, wenn sie in Zeiten der Not ihre sozialen Versprechen einlösen soll.

Die Verzögerung des europäischen Aufbau" durch derartige Streiks ist offensichtlich den Kommunisten in Frankreich und Italien nicht unwillkommen. Sie sehen in den Streiks ein politisches Machtmittel im Kampf um die Macht gegen die Regierungen, vor allem gegen deren Außenpolitik – und den Marshall-Plan. In Frankreich wenden, sie sich – dabei weniger gegen den Regierungschef Ramadier, als gegen Bidault, der nach kommunistischer Auffassung der Nachfolger Ramadiers und der Vorläufer, von de Gaulle sein würde, also der Brüning Frankreichs. Sie spielen dabei ein gefährliches Spiel-, wenn z. B. Togliatti mit dem Einsatz von 30 000 Partisanen droht; aber sie werden, es nicht wagen, denn sie wissen, daß bei. einem Bürgerkrieg derjenige den kürzeren zieht, der als erster auf die Straße geht. Die Kommunisten dieser beiden Länder sind offenbar bestrebt, an einer neuen Regierung der Volksfront beteiligt zu werden, um die Hand im Spiel zu haben und speziell den, Marshall-Plan zu torpedieren. Die Frage ist nur, ob sie später noch Herr der Geister sein werden, die sie heute zu Hungerdemonstrationen auffordern.

Ein anderes Gesicht tragen die Streiks in den unter russischem Einfluß stehenden Ländern. In diesen, vor allem in Finnland und Ungarn, ist der Streik, wie es kürzlich in einer Meldung aus Helsinki mit Recht hieß, für die Kommunisten vor allem ein Mittel, um den politischen Einfluß der Sozialdemokratie zu schwächen. Die Streiks werden in diesem Raum, zu einer Kraftprobe zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten werden.

W. G.