Der Sicherheitsrat kam am Mittwoch erneut zu keiner Einigung über die Besetzung des Gouverneurpostens für den Freistaat Triest." Diese lakonische Meldung vom 24. September gleicht allmählich einem "im Westen nichts Neues" ander Adria. Die überreichlichen Beispiele für die Beschlußunfähigkeit des Sicherheitsrates sind durch die Triester Frage ständig vermehrt worden. Daran hat sich auch dadurch nichts geändert, daß der Freistaat mit der Ratifizierung des italienischen Friedensvertrages nunmehr tatsächlich seine international beglaubigte Existenz, begonnen hat. Einstweilen ist es eine Existenz ohne Staatsoberhaupt. Keiler der in den vergangenen anderthalb Jahren jemals für diesen Posten vorgeschlagenen Kandidaten hat den Sicherheitsrat auf sich zu einigen vermocht. Das Problem wird noch dadurch kompliziert, daß nach dem Triester Statut der Gouverneur auch die Zustimmung der jugoslawischen und italienischen Regierungen finden muß. Die Notwendigkeit, den Posten des Generalgouverneurs in Ermangelung einer Einigung wenigstens interimistisch und vertretungsweise zu besetzen, führte dazu, daß der britische Generalmajor T.S. Airey als rangältester-Offizier der Zone am 16. September die Vollmacht ten eines Gouverneurs von Triest bis zur Einsetzung eines Gouverneurs durch die UNO übernahm und die Verfassung des Freistaates verkündete. Die praktische Regierungsgewalt wird durch eine paritätisch von den USA, Großbritannien und Jugoslawien gebildete Militärregierung ausgeübt.

Der junge Freistaat hatte einen bewegten Start, bei dern Streiks, Zusammenstöße und diplomatische Auseinandersetzungen miteinander abwechselten. Um die gegenseitigen Truppenbewegungen in dem Schwierigen Berggelände nicht bei Dunkelheit stattfinden zu lassen, war man dahin übereingekommen, den Einmarsch der jugoslawischen und die Räunung des betreffenden Abschnitts durch, die anglo-amerikanischen Truppen erst im Tageslicht des 16. September vornehmen zu lassen. Die Ankündigung des jugoslawischen Generalleutnants Lekitch, daß seine Truppen bereits unmittelbar nach Mitternacht vom 15. zum 16, September die Morganlinie überschreiten würden, würde durch General Airey als Bruch der getroffenen Abladungen und der Artikel 1 und 7 des provisorischen Statuts von Triest zurückgewiesen. Auch der Versuch einer jugoslawischen Einheit, die Räumung des Abschnitts an der Straße Triest–Laibach von den Amerikanern ultimativ zu erzwingen, scheiterte an der Haltung des amerikanischen Kommandeurs und der Heranziehung von Verstär-, kungen für die USA-Truppen. Aber auch die Festlegung der anglo - amerikanisch - jugoslawischen Zonengrenze im Gebiet des Freistaates führte zu Auseinandersetzungen. Die Jugoslawen beanspruchten eine Linie, die 200 Meter hinter der amerikanischen verlief. Örtliche jugoslawische Befehlshaber stellten, den anglo-amerikanischen Kommandeuren Ultimaten, und die Regierung der USA sah sich veranlaßt, gegen diese Ultimaten in Belgrad Protest zu erheben und zu verlangen, daß die Streitigkeiten zwischen örtlichen Befehlshabern auf "dem normalen zivilisierten Wege" geschlichtet würden. Belgrad seinerseits warf den amerikanischen Truppen in einer am gleichen Tage in Washington überreichten Note zehn verschiedene – Verstöße vor.

Diese alliierten Spannungen entsprechen der Stimmung in der Triester Bevölkerung selbst, in der es nicht ohne zahlreiche blutige Zusammenstöße abgegangen ist. Nachdem zunächst einmal die Italiener aus Protest gegen den Friedensvertrag gestreift hatten, führten sodann die Kommunisten einen 24stündigen Generalstreik durch wegen des Verhaltens der Alliierten, zu verschiedenen Arbeitern. Der kommunistische Versuch, auch den gegenwärtigen Streik der Belegschaft der San-Marco-Schiffswerft zu einem Generalstreik auszuweiten, ist unverkennbar. Über die Entwicklung des Streiks gehen die’-Meldungen auseinander. Angesichts der bisherigen Ereignisse im jungen Freistaat ist es begreiflich, wenn die "New York Herald Tribune" die Befürchtung ausspricht, ein weiteres Anwachsen des kommunistischen Einflusses in Triest werde mit seinen abschreckenden Wirkungen auf die Geschäftswelt dahin führen, daß die 20 Millionen Dollar, die die United Nations bisher jährlich zum Ausgleich des Defizits in Triest ausgeben mußten, auf 40 Millionen Dollar ansteigen würden. –tz