Von Adolf Grimme

Nun stehen ungezählte Scharen von Angehörigenund Freunden der Opfer des teuflischsten Regimes der ganzen uns bekannten Weltgeschichte, nun stehen wir, die wir alle einmal noch davongekommen,sind, vor euerm Ehrenmal, ihr, unsere Kameraden, die ihr auch in und um Hannover zu so erschütternd vielen Tausenden vonjenen Menschen um euer Leben gebracht seid, die nur dem Namen nach noch Menschen waren.

Indes: dies Denkmal der Erinnerung, das wir jetzt gleich enthüllenwerden – es bliebe ohne Wirkung, wenn nicht wir Überlebenden in ihm – den Ruf an unser eigenes Gewissen, den Mahnruf hören würden, daß es mit dem bloßen und sei es noch so wehmutsvollen und pietäterfüllten Siegerinnern nicht getan ist. Erinnerungsstunden wie – die unsrige sind von Wert nur, wenn wir sie als – Stunden der Selbsteinkehr betrachten und wenn uns soaus derErinnerung an die Vergangenheit die Kraft zuwächstfür unsere Mitarbeit an einer besseren Zukunft.

Im Rückblick auf das Opfer, das ihr gebracht habt, meine toten Kameraden, verlangt deshalb die Frage von uns eine Antwort, ob es in Deutschland und der Welt nun so geworden ist, wie ihres euch ersehnter, als man euch alles nahm und alles nehmen konnte, nur diese Sehnsucht nicht.Wie ist es, ist es so geworden, wie ihr darüberdachtet und worüber ihr euch mit dem Schicksalenachbar in der Nebenzelle durch die begierig erlernte Klopfzeichensprache oder auch durch ein hastig hingeworfenes Flüsterwort beim Rundgang auf dem Sklavenhof und wohl auch mal durch ein Kassiber verständigtet? Ist gekommen, um deswillenihr geglaubt habt, daß es sich verlohne, die Niedertracht, die Quälerei, das Hungern, den Ver- – lust der Freiheit, ja sogar des Lebens zu erdulden?

Was war es denn, was euch die Kraft des Widerstandes und die zum Aufrechttragen eures Kopfes, bis er euch abgeschlagen wurde, eingab? Ihr allewolltet und wir, die wir dem Henker entronnen sind, wir wollten mit euch, daß der im sogenannten "Führer": Fleisch’ gewordene Antimensch verschwände und mit ihm alle die entmachtet würden, die in uns Menschen nicht mehr den Menschen respektierten. Darüber aber windet ihr das Opfer einer langen Fehlentwicklung unserer menschlichenGeschichte. Ist doch der tiefste Grund, weshalb ihr dieses Opfer bringen mußtet, dieser, daß die geschichtliche Entwicklung an einem Punkt angelangt war, wo im gesellschaftlichen. im politischen und im privaten Leben, sich steigernd von Jahrhundert zu Jahrhundert, der Blick für denMenschen in ans Menschen verloren war, sogar auch der im eigenen Menschen für sein eigenes Menschtam. In seid das Opfer der Entwicklung, die vor Jahrhunderten begonnen hatten; als man zum Maßstab aller Dinge und aller Werte den Menschen selber machte und so, den Menschen, dieses kleine Menschen-Ich, aufdenThron der Erde zu setzen sicherkühnte, der Entwicklung, die nun vor unsern. – Augendamit endete, wenn sie damit bereits geendet, hat, daß man die Bestie Mensch vergötzte, die nun nur folgerichtig nicht an den Menschen in uns Menschen, sondern wieder an die Bestie, an den Schweinehund im Menschenappellierte. Was unseretotenKameraden als Sehnsuchtsziel im Herzen trugen, ob sie es nun klar wußten oder nicht, war die Heraufführung des Endes dieses Irrgangs unserer menschlichen Geschichte. Sie waren der Stoßtrupp in ein neues Zeitgelände; dennsie spürten, daß nicht das kleine Ich der Maßstab ist, an dem sich alles andere mißt, daß vielmehr Werte wie Freiheit der Person und Güte, wie Liebe, wie Wahrhaftigkeit und wie Gerechtigkeit das sind, woran sich ganz allein der Wert des Menschenlebens mißt.Wenn überall um sie herum das Menschentum verschüttet war, sie hielten unbeirrt den Blick auf das gerichtet, was den Menschen ganz allein und erst zum Menschen macht, daß er in Freiheit nämlich sich entscheiden kann, ob er ein Träger jener Werte sein will, in deren Dienst die ganze Menschheit steht und ohne deren Anerkennung und Verwirklichung ein menschliches Zusammenleben unmöglich wird und ohne die der Mensch als Mensch sich aufgibt. – Sie wollten, daß der Mensch, daß jeder Mensch zur Würde seiner selbst gelangen kann, Sie wußten, daß die Voraussetzung dazu die Freiheit ist und daß, wo diese fehlt, das Leben sinnlos wird; denn Mensch ist nur, wer frei im Denken und im Handeln ist. Mensch sein, das heißt: sich frei entscheiden können.

Ist diese Hoffnung unserer toten Kameraden Wirklichkeit geworden? Wir sind nicht frei soviel zu essen, wie wir möchten; sind auch nicht frei, dafür zu sorgen; daß wir nicht frieren, wenn bald die warmen Tage vorüber sind,-und auch nicht frei, uns soviel Wohnraum zu beschaffen, wie es uns früher selbstverständlich war. Und über den Verlust der Freiheit, in die Heimat heimzukehren, beklagen sich viele Millionen. So war das Irrtum, was sich unsere Kameraden ersehnten. und was sie aufrecht hielt? Nein! denn sie hätten, wenn sie noch lebten, nicht vergessen, daß alles Leid, das wir jetzt durchzustehen haben, in der von ihnen bekämpften Vergangenheit begründet Heißt doch die Firma, in der das deutsche Volk sich heute abplagt, "Hitlers Erben",Sie würden es im Gegenteil als ausgesprochenen Vertrat an ihrem Opfer empfinden, wenn sehen müßten, wie dieses Volk, für das-sie dieses Opfer brachten, in weiten Schichten bereits vergessen hat, was war, und tut und redet, als wäre das alles nicht gewesen. Dabei ist selbst derSchwätzer noch ein würdeloser Zeuge dafür, daß eine Freiheit jedenfalls zurückgewonnen ist: die Redefreiheit. Und was sie wert ist, die toten Kameraden haben es gewußt; denn weil es sie nicht gab, sind sie. aus ihren Wohnungen, sind sie von ihrem Arbeitsplatz geholt, sind sie geschlagen, zertreten, gefoltert und gemeldet. Fast freilich sieht es danach aus,als seien wir ein Volk ohne politisches Gedächtnis und würdigten infolgedessen/ dies Geschenk nicht. Dazu kommt, daß wir gern nurzu selten pflegen, was’/wir nicht haben, und daß wir, was wir haben, für-selbstverständlich nehmen – ein wenig wie die Kinder, so daß am Ende Kurd von Schlözer sogar unrecht nicht hat, Wenn ermeint, das deutsche Volk sei "ein Kind mit dem politischen Schnuller im Munde". Wie würden wir nicht alle sonst zusammenstehen, um die ganze Freiheit wieder zu erringen! Statt dessen mißbrauchen wir diese uns zurückgegebene Teilfreiheit schon wieder "wie einst im Mai", uns gegenseitig zu verdächtigen und selbst denen gegenüber unsre Herzen zu verhärten, im Verein mit denen wir im KZ und Zuchthaus und Gefängnis um dieses Gut der Freiheit kämpften. Aber es ist eine anscheinend schwer auswertbare Unart bei uns, lieber den anderen, schlecht statt es selbst besser zu machen. Darum sind, für uns schuld nie wir, selbst, es sind stets die anderen.

Laßt uns im Angesicht der Opfer des Faschismus daran denken, daß diese Haltung zur Quelle neuen; Unheils werden kann!Denn weil uns so die Selbstverständlichkeit der Einkehr bei uns selbstfehlt, laufen wir Gefahr zu übersehen, daß endgültig noch nicht einmal die Teilfreiheit gesichert ist. Mag Hitler weg sein; was noch da ist, das ist der Sumpf der Seele, aus dem er aufgestiegen ist, und sei es nur die Selbstgerechtigkeit, von der wir sprachen.Legt ihr den Sumpf nicht trocken, dann bleibt die Freiheit der Person gefährdet. Das aber will besagen: Wenn Hitler als der Mann aus Braunau auch tot ist – was Wir noch überwinden müssen, das ist der Hitler in der Brust desdeutschen Volkes. Und nicht unrein der unseres Volkes. Es war das Weltverhängnis ja; nicht eigentlich dies kleine Etwas Mensch aus Braunau. Längst ehe das Schicksal ihm dort einen Leib schuf, der mit ihm aufwuchs und nun in jenes Nichts, aus.-dem er kam, zurückzerfallen ist, saß er millionenfach in deutschen Köpfen. Und das nicht nur in deutschen. Denn überall, wo einer nur an die eigene Freiheit denkt und nicht zugleich an die der anderen, lebt Hitler.Und überall, wo einer nur auf die eigenen Interessen bedacht ist und nicht zugleich aufs Wohl der anderen, lebt Hitler. Und überall, wo einer den nationalen Egoismus predigt und mehr an das Ego-seiner eigenen Nation denkt als an das Wir der Völker, lebt dieses Raubtier. Und überall, wo in der Politik als letzter Schluß der Weisheit Krieg gilt, ist Hitler noch am Leben und liegt noch auf der Lauer. Und jedesmal nicht nur in Deutschland!