In Gemeinschaft mit dem aus Hamburg gebürtigenFeinmechaniker Johann Georg Halske hat Werner Siemens vor hundert Jahren am 1. Oktober 1847 lange vor der sogenannten Gründerzeit – in Berlin eine Telegraphenbauanstalt gegründet, die ihre Arbeit mit einem geliehenen Kapital von rund 7000 Talern und einem Stamm von zehn Arbeitern in einem Hinterhaus der Schöneberger Straße begann. Der damalige preußische Artillerieleutnant Werner Siemens hat, mit dieser neugegründeten Firma die erste großeTelegraphenlinie des Kontinents gebaut, die von Berlin nach Frankrurt/Main, dem Tagungsort des deutschen Parlaments, führte. Rund zwanzig Jahre später folgte dann bereits der Bau einer transkontinentalen Fernschreibleitung: der indo-europäischen Telegraphenlinie. Sie begann in London und führte über Emden, Berlin, Odessa, Tiflis, Teheran bis Kurrraschi am Persischen Golf und ging von dort per Seekabel nach Indien weiter. Die Möglichkeit, ein solches Riesenprojekt durchführen zukönnen, war allein den grundlegenden Siemenschen Erfindungen zu verdanken.

1878 hatte das gleiche Unternehmen einen Umsatz von fünf Millionen RM und eine Belegschaft von elfhundert Mann. Mithin, so werden viele annehmen, war Werner Siemens offenbar der erste kapitalistische Ausbeuter großen Stils auf preußischem Boden, als Artillerieleutnant vielleicht auch noch ein typischer Militarist. Nein, das war Werner Siemens, der von seinen Arbeitern nie anders als von seinen "Mitarbeitern" sprach, gewiß nicht. Sein einziges Ausbeutungsobiekt war die eigene Arbeitskraft und seine unglaubliche technische und organisatorische Begabung. Der erste sicher arbeitende Zeigertelegraph, das Verfahren des Gegen- und Mehrfachsprechens auf der gleichen Leitung, entscheidende Verbesserungen des Morseschreibers und die Erfindungen des Magnetinduktors mit Doppel-T-Anker sind nur einige Früchte seines Genies. Als größte, die gesamte Technik in neue Bahnen lenkende Leistung reiht sich ihnen 1866 die Erfindung der Dynamomaschine an, die dann erstmaligdie allgemeine Einführungelektrischer Beleuchtung, den Betrieb elektrischer Straßen- und Schnellbahnen, elektrischer Grubenbahnen und elektromotorischerLastenförderung ermöglichte. Schon 1873 wurde bei Siemens & Halske die sonst in allen Betrieben Deutschlands zehnstündige Arbeitszeit auf neun Stunden täglich, 1891 auf achteinhalbStundenverkürzt; eine Pensionskasse wurde 1872 gegründet, und ganz im Geiste seines Vaters bestimmte Wilhelm Siemens 1909, daß der Familiensitz Etterhaus in Harzburg den Siemensbetrieben zum Erholungsheim dienen solle.

Der Sohn stand zu seinen Arbeitern und Angestellten in dem gleichen menschlich guten Verhältnis wie der Gründer des Hauses. Wenn Wilhelm Siemens durch den Betrieb ging, freuten sie sich alle, daß "Willy" sich bei ihnen sehen ließ, und wer sich gegenüber wirklichem oder vermeintlichem Unrechtgar keinen Rat mehr wußte, trumpfte damit auf: ich gehe zum Geheimrat! Die Siemens sind im Laufe der Zeit reich geworden und haben im Zuge der Zeit das Familienunternehmen in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Der für den Gründer ihres Welthauses typische Zug ist aber für sie alle kennzeichnend geblieben: sie standen zu ihrem Werk und ihrer Arbeit in einer persönlichen Beziehung. So wie Halske der immer auf sein gediegenes handwerkliches Können stolze Feinmechanikerder Meister blieb,sind die Siemens ihrer innersten Neigung nach immer Wissenschaftler gewesen – als eine selten glückliche Vereinigung von Ingenieur und Gelehrtem. Es ist schön zu sehen, wie die menschliche und geistige Substanz dieser Familie sich unverändert von Generation zu Generation vererbt hat und unberührt auch durch die Anfechtungen der Hitlerzeit gegangen ist. Als Carl Friedrich von Siemens, derals Nazi-Gegner und Demokrat gleichermaßen "verrufen" war, 1941 starb, standen an seinem Sarg nicht die obligaten SS- und SA-Abordnungen, sondern die Feuerwehrmänner seines Werkes und hieltendie Ehrenwache.

Hans Schimank