von Alfred Döblin

Der Dichter Alfred Döblin hat im Jahre 1929 den bedeutendsten Berliner Roman aus der Gegenwart veröffentlicht: "Berlin Alexanderplatz". der jetzt in Kassel wiedererscheinen wird. 1933 hat Döblin Deutschland verlassen. Als Frankreich besetzt würde, war er wie viele Emigranten, zur abermaligen Flucht – nach Amerika gezwungen. Er hat die Schicksalsreise 1940 in einem Bericht niedergelegt. Sie sollte für seine Wendung zum Christentum von entscheidender Bedeutung werden. Nach seiner Emigration sind einige seiner bedeutendsten Werke emtstanden:"Das Land ohne Tod", ein Südamerikaroman in drei Teilen (1935-1937), dessen erster Teil, soeben im Verlag Kepler in Baden-Baden herausgekommen ist, der vierbändige Roman "November 1918" (1938-1942) und die in der "Zeit" bereits besprochene Erzählung "Der Oberst und der Dichter. Seine Wandlung zum Christentum hat er in dem tiefgründigen Religionsgespräch "Der. unsterbliche Mensch" (1946 im Karl-Alber-Verlag) niedergelegt. Erschütternd sind die ersten Eindrücke Döblins in dem ihm einst so vertrauten Berlin nach der Katastrophe. Sie offenbaren den Abgrund in der deutschen Reichshauptstadt zwischen einst und jetzt.

Frühmorgens kam ich an in Berlin, in Tegel. Ich wußte noch nicht, daß die Stadt ein Schlachtfeld geworden war. Draußen sah alles leidlich aus. Ich wohnte in Hermsdorf. Da fuhr man früher, öfter sonntags hin. nachmittags. Jetzt wohnt man hier, meine Frau und ich, in einem Passantenhotel. Aber ein wunderbares Gefühl dennoch, hier zu sein. Ich stellte es langsam fest. Langsam traten die Häuser und Bäume aus ihrer gleichgültigen Haltung hervor und rührten an etwas in mir, das zurückgetreten war. Ich erkannte die Bäume, ich erinnerte mich an sie, und sie erinnerten mich an mich. Das war anders als neulich in Straßburg oder in Saargemünd, wo ich mich vor Jahrzehnten oft bewegt hatte. Als ich da durch die Straßen ging, erinnerten mich die Häuser und die Plätze auch an vieles, aber das lag weit zurück und kam nicht auf mich zu. Es stand nicht auf. um mich zu begrüßen. Eine Art Kühle floß in mich, und wie ein Gespenst ging ich durch die Straßen. Ich war nicht mehr wirklich, ich hatte mich überlebt. Hier aber in Hermsdorf war es gut und wurde es fast von Stunde zu Stunde besser. In mir vibrierte etwas und gab eine Resonanz, ein sonderbares, ungewohntes Gefühl; ein guter, freundlicher Zustand.

Es kam vieles zusammen. Auch die Luft war besser, mir angepaßter, genehmer übrigens bieten an diesem Ort die Bäume in der Hauptstraße einen, eigentümlichen Anblick. Unten an ihren Stämmen hängen Zettel. Man bietet allerhand an, man will kaufen, verkaufen oder tauschen. Und diesen Anblick kenne ich. er ist mir unvergeßlich. Das war vor sieben Jahren, im Schicksalsjahr 1940, da kam ich auf der Flucht nach Toulouse, und da drängten sich Hunderttausende von Flüchtlingen zusammen, und man hatte sich verloren und suchte sich. Und da hatten auf dem Hauptplatz der Stadt an den Rathauswänden die Flüchtlinge solche Zettel angeheftet. Suchzettel. Und das bot: einen merkwürdigen Anblick, weil die ganze Front des Gebäudes; rundherum von einer gewissen Höhe an solche Zettel trug. Wenn der Wind kam, flatterten die weißen Blättchen auf. und das sah aus, als wenn sich Federn sträubten, das Gebäude schien davonfliegen. zu wollen.

Daran erinnerten mich die weißen Papiere an den Bäumen von Hermsdorf. Ein Abgrund liegt zwischen damals und heute. Ich staune, daß ich den Abgrund heraufkriechen konnte.

Von hier führt eine Bahn nach Berlin. Sie. war früher die Vorortbahn, mit Dampfmaschine. Jetzt läuft sie elektrisch.-mit Wagen wie die Untergrundbahnen. Es lassen sich enorm viele Menschen hineinstopfen. Wie sie sich drängen! Was sind das für Menschen, die in die Stadt wollen! Sie sind meist schlecht gekleidet, schleppen Säcke. Pakete; ein armseliges Volk, das sich müht. Es ist ein Notstand, man sieht es auf einen Blick. Das hat es früher hier nie gegeben. Viele Kinder sind dabei. Der Ausdruck der Erwachsenen ist unfroh und stumpf. Es geht ihnen allen nicht gut, darum können sie nicht froh sein. Man fährt nach dem Stettiner Bahnhof. Unterwegs zeigen sich die ersten Bilder einer fürchterlichen Verwüstung, einer maßlosen Zerschmetterung.

Als ich mich vor dem Stettiner Bahnhof umsehe, schallt da eine gewaltige Stimme aus einem Lautsprecher. der hier irgendwo angebracht ist. An der Haltestelle der Elektrischen, hier, wo sich viele arme Leute sammeln und auf die Elektrische warten, die aber sehr selten kommt. Was ruft diese Stimme? Ein billiger Conférencier trägt seine Späße vor, in dieser traurigen Umgebung, am hellen Tage. Es soll die Leute wohl erheitern. Und nachher singt jemand aus dem Lautsprecher Verdi. Ja, am Stettiner Bahnhof singt er laut Verdi. Vor diesen, leeren Fensterhöhlen, in denen. Wie es im Gedicht heißt, der Schrecken und das Grausen wohnen. (Aber dieser Gesang ist grauenhaft. Wir machen, daß wir weiterkommen...