Das, was vor vierzehn Tagen an-dieser Stelle – unter dem Titel "Sabotage! Sabotage!" – geschrieben stand, hat bei einigen Stellen in Hamburg offenbar recht verstimmend gewirkt. Sicherlich sind wir Herrn Everling bös in die Quere gekommen; wir können deshalb seinen heftigen Zorn verstehen. Während/das Parteiblatt; das "Hamburger Echo", sich in der redaktionellen Vorbemerkung zu einem ersten der von der GEG gesandten Artikel auf die sachliche und objektiv-referierende Darstellung des Streitgegenstands beschränkt und lediglich von einem. "kompakten Angriff" spricht, wird Herr Everling etwas unzart. Er wirft dem Verfasser "Haß gegen die gemeinnützige Form der neuen (Fischerei-)Gesellschaft" vor, "böswillige Verunglimpfungen der GEG und der Konsumgenossenschaften", und schließlich fehlen auch die "vergifteten Waffen" nicht. In einer Zuschrift der GEG ans "Echo" heißt es ferner, der Angriff sei "um so empörender, als seine Behauptungen den Tatsachen widersprechen".

Dieser Ton ist ja wohl heute in Polemiken üblich und deshalb nicht weiter tragisch zu nehmen; zum Tatsächlichen wird später noch einiges zu sagen sein. – Wesentlich massiver äußern sich die Hamburger Gewerkschaften. Da ist die Rede von "verlogener Kampfesweise" und von einem "unwahren und demagogischen Kampf", der geführt werde "mit dem Mittel der Unterstellung und der Verunglimpfung führender Gewerkschaftler und Genossenschaftler". Wie das? Unsere Leser werden gebeten, den fraglichen Aufsatz nochmals zur Hand zu nehmen, und sich selber ein Urteil zu bilden, wieweit derartige Formulierungen berechtigt sein könnten. Sie werden mit einigem Erstaunen feststellen, daß – wie immer man die Angriffe des Artikels gegen den Genossenschaftler Everling qualifizieren mag – darin kein böses Wort über irgendeinen Gewerkschaftler finden ist. Um im Stile Valentins zu reden: "Von einem Gewerkschaftler haben, wir gar nie g’sprochen." Warum also die erregte, unsachlich übers Ziel, hinausschießende (beinahe möchte man sagen: "mit Unterstellungen arbeitende") Abwehr? Warum dieser Aufwand an scharfen Worten, der in einem sichtlichen Mißverhältnis zum Anlaß steht? ("Dein Echo ist lauter als mein Ruf", wie die Indianer sagen.) Offenbar hat unsre Darstellung eine sehr empfindliche Stelle berührt, einen neuralgischen Punkt getroffen...

So muß es wohl sein. Herr Everling, mit ihm die GEG (und deren Freunde), haben sich hier vorschnell auf ein Gebiet begeben, wo sie nicht zu Hause sind. Die Folge: Pannen über Pannen. Zum Beispiel wirkt es für jeden, der auch nur eine flüchtige Kenntnis der Materie hat, durchaus erheiternd. daß in dem (ersten) "Echo"-Artikel die Fischdampfer-Neubauten schlicht und brav als "Shelterdecker" bezeichnet werden. Irrtum, Herr Everling! Die so zunächst in Auftrag gegebenen Dampfer werden nach dem Entwurf der Seebeck-Werft gebaut, nicht nach dem Shelterdecker-Entwurf der Deutschen Werft; bisher, ist nur (für später) der Probebau eines einzigen Shelterdeckers vorgesehen. Nächstes Beispiel: Wir hatten von dem grotesken Mißverhältnis zwischen dem Eigenkapital (140 000 RM) und dem Obligationskapital (100 Mill. RM) bei der laut Antrag Everling zu gründenden "gemeinwirtschaftlichen" G.m.b.H. gesprochen. Antwort der GEG hierzu: "daß zahlreiche privatkapitalistische Betriebe – in Hamburg beispielsweise die Elektrizitätswerke – festverzinsliche Obligationen herausgegeben haben, ohne daß "man ihnen verbrecherischen Leichtsinn vorgeworfen hätte". – Ausgezeichnet, Herr Everling! Sie haben insofern recht, als die Kapitalbeschaffung durch Obligationen "an sich" nicht zu tadeln ist. Aber offenbar haben Sie gar nicht verstanden, daß unsere Kritik sich gegen die verfehlte Relation zwischen. Eigenkapital und Obligationenkapital wandte. Im Steigen ist das herangezogene Vergleichsbeispiel, also die Erwähnung der Elektrizitätswerke, so beschaffen. daß man nur seine helle Freude, daran haben kann. Daß die Risiken, die sich beim Stromabsatz hier, beim Fischfang und -absatz da ergeben, doch immerhin erheblich verschieden von einander sind, und daß verschieden geartete Risiken auch verschiedenartige Finanzierungsmethoden bedingen: das ist offenbar den Kaufleuten der GEG noch nicht in den Sinn gekommen. Gewiß, Geschäft ist Geschäft – und wie die Elektrizitätswirtschaft, so hat auch der Fischfang mit Netzen zu tun; daß in einem Fall das Netz festliegt, im andern Fall die Netze beweglich sind, ist aber doch wohl nicht der einzige Unterschied!

Nächstes Beispiel: es war festgestellt worden, daß die Organisation, wie sie für Everlings geplante "gemeinwirtschaftliche" G.m.b.H. vorgesehen ist, sich aus zwingenden rechtlichen. Gründen nicht verwirklichen lasse. Antwort Everlings hierzu: glaubt der Wirtschaftsredakteur Dr. Topf im Ernst, daß bei. der Gründung einer gemeinwirtschaftlichen Hochseefischerei-Gesellschaft nicht auch eine äußere Form gefunden würde, die allen gesetzlichen Anforderungen entspricht?" In der Tat: er glaubt es nicht – denn wüßte Herr Everling, wie eine einwandfreie Rechtsgrundlage Aussehen könnte, dann hätte er diese ja wohl auch gleich vorgeschlagen, anstatt in seinem Antrag den Fischdampferbesatzungen die leider rechtlich nicht realisierbare Chance vorzuspiegeln, daß sie Anteilseigner jener utopischen G. m. b. H. werden könnten. Aber Herr Everling meint, daß "neu entstehende Wirtschaftsformen den Rechtsformen zumeist vorauseilen und diese erst später ihren gesetzlichen Niederschlag finden." Hier widerspricht Echo-Everling dem Antrag Everling. Denn dieser sieht ja bereits den Erlaß gesetzlicher Bestimmungen – durch die Kontrollkommission "gemäß den (im Antrag angeführten) Grundsätzen" – vor. Also wird sich die Kontrollkommission darum bemühen müssen, Ben "gesetzlichen Niederschlag" zu finden für die "neue Wirtschaftsform", die Herr Everling, allen heutigen Rechtsformen vorauseilend, konzipiert hat...

– Auf eine Reihe anderer Diskussionspunkte wird alsbald noch einzugehen sein. Nämlich dann, wenn eine uns von beteiligter Seite angekündigte Stellungnahme des Ernährungsausschusses (beim Frankfurter Wirtschaftsrat) vorliegt, die, sofern wir recht Unterrichtet wurden, die einigermaßen sensationelle Feststellung enthalten soll, daß in der fraglichen Sitzung weder den Werften, geschweige denn den Reedern der Vorwurf der "Sabotage" gemacht worden sei (– wozu freilich zu fragen wäre, wie es möglich war, daß die Presse falsch unterrichtet wurde und warum die Beteiligten sich nicht alsbald um eine öffentliche Richtigstellung bemüht haben). Warten wir also ab.

Nur ein Punkt ist heute noch zu behandeln, nämlich die Motivierung des Everling-Planes. Seine ursprüngliche Begründung, mit dem Argument, daß die Reeder keinen rechtlichen oder moralischen Anspruch auf. Entschädigung durch Erwerb der (angeblich!) aus öffentlichen Mitteln erstellten Neubauten hätten, ist still in die Versenkung verschwunden. Jetzt kommt ein neues Motiv man wolle die Seefischerei, als einen wesentlicher Teil der Ernährungswirtschaft, so organisieren (also sozialisieren), "wie es im Interesse der breiten Volksmassen zweckmäßig ist". Das individualkapitalistische "Profitsystem" bei einem wichtigen Volksnahrungsmittel (warum nur bei einem nicht bei allen?) müsse beseitigt werden.

Diese Argumentation, bei der es keinerlei Begrenzung irgendwelcher Sozialisierungsvorhaben mehr gibt, paßt freilich nicht in den Streifen der SPD. Wir verweisen auf eine Äußerung vor Prof. Nölting, wonach das Handwerk, "weit als der Schußlinie der Sozialisierung" liege, "da es ja keine monopolkapitalistischen Tendenzen aufweist". (Und die Seefischerei?) Im gleichen Sinne sagt Erich Klabunde in seinem jüngst erschienenen Kommentar zum Hamburger Sozialisierungsgutachten, daß die Sozialisierung ("nur") der Beseitigung der herrschenden kapitalistischen Positionen gilt, die zugleich noch politisch bedenklich sind und wirtschaftlich durch die Ausnutzung einer Monopolstellung gekennzeichnet werden. Bauerntum, Einzel- und Großhandel, Handwerk, Klein- und Mittelindustrien (darunter auch die Lebensmittelindustrie!) sind weder monopolistisch, noch können sie als kapitalistische Herrschaftspositionen angesprochen werden, wie Klabunde ausführt. Für die Sozialisierung kommen also in Betracht: der Bergbau, die Eisen-, Stahl- und Metallgewinnung, die "Grundchemie", die Zementindustrie, die Großwerften und die Energiewirtschaft. – Die Hochseefischerei fehlt also gleichfalls in diesem Katalog Klabundes.

Mag sein, daß die "Theoretiker" Nölting und Klabunde für den "Praktiker" Everling nicht maßgebend sind. Aber solange er nicht den Beweis dafür erbracht hat, daß die Hochseefischerei von heute ein monopolkapitalistisches Instrument ist, wird er sich die Feststellung gefallen lassen müssen, daß seine Pläne im Widerspruch zu der herrschenden Parteimeinung in Fragen Sozialisierung stehen. Und solange er keine besseren Motive für sein Vorgehen anzuführen weiß, als die verwaschenen Redensarten von der "Beseitigung des Profitsystems" und dem "Interesse der breiten Volksmasse", solange spricht alles für unsere Vermutung, daß die laut Everling-Plan zu schaffende gemeinwirtschaftliche Organisation der Seefischerei von der GEG beherrscht und gleichsam ein Teil von ihr, "Fleisch von ihrem Fleisch", sein soll. Auch Herr Everling spricht im gleichen Sinne, wenn er sagt: die GEG habe zwar die Hoffnung, eine Flotte von 15–20 Fischdampfern "zugewiesen" zu erhalten; bei Errichtung einer gemeinwirtschaftlichen Reederei aber solle die eventuell vorhandene Flotte jener Gesellschaft "übertragen" werden. Herr Everling nennt diesen Beschluß "Selbstbeschränkung" – wir möchten eher von "Selbstübertragung" sprechen. Das klingt zwar nicht ganz so salbungsvoll und aufopferungsfreudig, ist aber dafür etwas präziser. E. T.