Von A. Müller-Armack

Der Verfasser, Professor der Wirtschaftswissenschaften an der Universität Münster, charakerisiert das uns empfohlene Verhalten – nämlich, "abzuwarten", bis bei der Verteilung der Rohstoffe und Lebensmittelvorräte In der Weh die Reihe an uns kommt – als grundsätzlich verfehlt. "Es erscheint mir dringend erforderlich"schreibt er einleitend, "die Frage, wieweit Deutschland vom Weltmärkte her versorgt werden. kann, auf den geistigen Stand der nationalökonomischen Einsichten zurückzuführen, den unsre Wissenschaft den Errungenschaften der angelsächsischen Theorie des auswärtigen Handels verdankt – Einsichten, an denen festzuhalten wir auch heute noch aller Grund haben."

Die Belehrung, die gegenwärtig Deutschland zuteil wird, geht dahin, daß die Weltwirtschaft genau so wie Deutschland an akuten Mangelerscheinungen leide. So müsse man eine "Zuteilung" durchführen, bei der Deutschland sicherlich nicht ganz vergessen werden solle, aber gemäß seiner Situation sich damit abzufinden habe, am Ende der Schlange zu stehen. Auf einigen Gebieten, wie etwa dem der Fette und Öle, seiner Mangel so schwer, daß Deutschland überhaupt so gut wie nichts erhalten könne. Im übrigen lasse erst ein Steigen der abgesunkenen Weltproduktion "über Vorkriegsstand" eine bessere Versorgung erhoffen.

Machen wir uns die "Ordnung" des Weltmarktes klar. Er vollzieht sich zum Teil noch in einer marktwirtschaftlichen Verfassung, deren Leistungen wir es verdanken, daß von Millionen Menschen die äußerste Gefahr des Verhungerns abgewendet werden konnte (während die Länder des Kollektivismus sich durchweg außerstande sahen, auch nur Nennenswertes zum Abwenden der Weltnot beizutragen). Die Marktwirtschaftlichkeit wird nundurch ein Lenkungssystem begreifet, das durch internationale Verteilungsbehörden durch Regierungskäufe und Handelsmonopole (und die zahlreichen Beschränkungen der Zwangswährungen!) ein Zuteilungs- und Prioritätensystem geschaffen hat. Seine Beanspruchung wird vor allem dadurch gesteigert, daß – in Konsequenz innerer marktwirtschaftlicher Störungen – frühere Länder, geringen Zuschußbedarfs und sogar Überschußländer (wie Frankreich, Polen, Jugoslawien, Rumänien und Ungarn) als Nachfragende auftreten. So unterliegt bei den Grundnahrungsmitteln der Weltmarkt einem Prioritäten- und Zuteilungssystem, bei dem der "Grenzkonsument" Deutschland das gleiche Schicksal erfährt, wie es dem Grenzkonsumenten in jedem Lenkungssystem zuletzt beschert wird: nämlich, bei der Marktversorgung überhaupt leer auszugehen und auf einen karitativen Rest beschränkt zu bleiben. Wo eine Rohstoffversorgung Deutschlands bisher möglich war, bewegte sie sich durchweg im Gebiete zweiter und dritter Baumwoll- und Wollqualitäten, für die sonst auf dem Weltmarkt keine Nachfrage vorhanden war. Die Bevorzugung von Mais als Nahrungsmittel lag auf der gleichen Linie. Diese Einschaltung Deutschlands in ein Prioritätensystem mußte um so spürbarer werden, als man die -britische Besatzungszone in das schon stark lenkungswirtschaftlich gebundene englische Außenhandelsgefüge an letzter Stelle, also mit doppelter Bindung einsetzte, und auch einen Export nach Möglichkeit auf die für andere Länder weniger interessante Grenzgeschäfte des Auslandsmarktes beschränkte.

Die Weltwirtschaft stellt sich so als ein marktwirtschaftliches System dar, dessen lenkungswirtschaftliche Instrumente, nach Deutschland hin, immer stärker werden, so daß praktisch die deutsche Nachfrage für die "Ausrichtung" der Weltwirtschaftlichen Produktion keine Signalfunktion – mehr besitzt – wie es eben das allgemeine Schicksal des "Grenzkonsumenten" im Lenkungssystem ist.

Kann nun in solcher Lage die Behauptung aufrecht erhalten werden, es sei erst dann eine Einschaltung Deutschlands in die Versorgung möglich, wenn auf dem Weltmarkt entsprechende Gütermengen bereitstehen? Es sind hier ein paar nationalökonomische Erwägungen am Platze. Di ist zunächst Says einfache Feststellung, daß alle Produktion gleichzeitig die Anmeldung einer bestimmten Nachfrage ist, und der Smithsche Grundsatz, daß Import und Export zusammenhängende Größen eines Austauschvorganges sind, so daß also, wer den Export vergrößern will, den Import freigeben muß – oder, was für unsere gegenwärtige Lage aktueller ist: wer importieren will, zu exportieren hat Wenden wir diese Einsicht- auf unsere Frage an, so ergibt sich, daß alle weltwirtschaftliche Produktion durch Austauschbeziehungen (z. B. durch einen intensiven Austausch innerhalb des amerikanischen Kontinents) gebunden ist. Ein "statistisches". Steigen der Welterzeugung, etwa über den Vorkriegsstand hinaus, bedeutet also durchaus nicht eine gesteigerte Versorgungsmöglichkeit Deutschlands, da auch die mehrproduzierten Mengen alle marktwirtschaftlich "verplant" sind, und so für den außerhalb der Marktwirtschaft Stehenden keine Chance, beteiligt zu werden, besteht So wie esfür einen (privaten) deutschen "Grenzkonsumenten", etwa einen auf sein, Gehalt angewiesenen Beamten, nichts – aber auch gar nichts! – bedeutet, daß etwa die Kompensationsbeziehungen zwischen Landwirten und Gewerbetreibenden sich intensivieren (was ja statistisch auch seinen Niederschlag in irgendwelchen ansteigenden Zahlen finden müßte!), genau so Wenig besagt ein Steigen der Welterzeugung etwas für die Versorgungsmöglichkeit derjenigen, die aus ihr ausgeschaltet sind.

Ein instruktives Beispiel bieten die Erfahrungen im Fischfang der nordischen Länder. Es war dort infolge günstiger Fangergebnisse ein Überschuß aufgetreten, der nun nicht etwa zur-VersorgungDeutschlands eingesetzt. werden konnte, sondern dazu zwang, den größten Teil des Fanges – bei gesunkenen Preisen – den Fischmehlfabriken zuzuleiten. Die Überschußproduktion führte zu Bestrebungen, den Fischfang in der nächsten Saison einzuschränken – woraus sich klar ergibt, daß Überschüsse, wenn sie hervortreten, Produktionseinschränkungen veranlassen, nicht jedoch eine Versorgungssicherung der außenstehenden Völker bedeuten.