Probleme der Währungsreform

Von Erwin Topf

Wann wird sie nun kommen, die Geldreform? Wir wissen es nicht – und wenn der Termin überhaupt schon festliegen sollte, wie mitunter behauptet wird, so ist der Kreis der Wissenden sehr, sehr eng gezogen; von den wenigen wirklich Eingeweihten wird auch bestimmt nichts zu erfahren sein. Bisher besteht freilich keinerlei Veranlassung, an der Richtigkeit dessen zu zweifeln, was über den Stand des Verfahrens (und damit indirekt auch über den Termin) letzthin noch von Vertretern der – westlichen – Besatzungsmächte gesagt worden ist. Nämlich: daß man zunächst versuchen werde, eine Regelung innerhalb der Kontrollkommission herbeizuführen. Und: daß eine Lösung für die zwei Wahrscheinlicher aber dann gleich für alle, drei) Westzonen erst erfolgen könne, wenn kein Arrangement im Vierzonenrahmen möglich gewesen sei. Schließlich: daß erst dann über die Reform entschieden werden könne, wenn ein in allen Einzelheiten ausgearbeiteter Vorschlag (vielleicht auch ein Alternativvorschlag) von verantwortlicher deutscher Seite eingereicht sei.

Wichtig ist, dies letzte festzuhalten: daß trotz der Fülle an Plänen, von denen wir wissen, keines der beteiligten Ressorts bisher einen Vollständigen Entwurf ausgearbeitet und vorgelegt hat. Das gilt also für den "alten" Gemeinsamen deutschen Finanzrat in Frankfurt (unter Minister a. P. Mattes) ebenso wie für seinen Nachfolger, das jetzige Amt für Finanzen beim Wirtschaftsrat. Offenbar ist man aber endlich am Werke, und zwar in einem kleinen, sorgfältig von der Öffentlichkeit abgeschirmten Ausschuß – von Politikern übrigens! Ihre Namen sind nur den Eingeweihten bekannt. Hoffen wir, daß auch Fachleute, unter ihnen sind, oder daß sie doch wenigstens soviel an Sachkunde. besitzen, wie nötig ist, um die rechten Fachkenner heranzuholen, ihnen sinnvolle Fragen zu stellen und ihre Antworten recht zu werten. Jedenfalls wird ihre Arbeit nicht leicht sein – und nicht wenig Zeit kosten. Natürlich gibt es auch einige Leute, die glauben, in der Frage des Termins noch besser Bescheid zu wissen. Sie meinen, daß die Zweizonenbehörde der Besatzungsmächte ihre Pläne bereits fix und, fertig in der Schublade habe, um sie zur rechten Zeit – sagen wir etwa: bei Abschluß der Londoner Konferenz – unter voller Ausnutzung des Überraschungsmoments "schlagartig" in die Wirklichkeit umzusetzen. Das ist wohl möglich, aber nach den – mehrfachen (anderslautenden) Äußerungen führender Männer eben dieser Besatzungsmächte gewiß nicht wahrscheinlich. Immerhin wäre ein baldiges Handeln erfreulicher als ein langes Hinauszögern und ein Hin- und Herschieben der Verantwortlichkeiten. Mitunter sieht es ja 60 aus, als ob keine der beteiligten Instanzen die nunmehr von allen Seiten geforderte "sofortige" Reform verantworten wolle. Und das weniger deshalb, weil man etwa den Widerstand jener Leute fürchtete, die an der Beibehaltung des heutigen Zustandes interessiert sind, als vielmehr aus dem Grunde, daß man kein volles Vertrauen zum Erfolg. der eigenen Vorschläge hat und darum den Absprung ins Ungewisse der (natürlich nicht hundertprozentig berechenbaren) wirtschaftlichen Entwicklungen scheut, die "am Tage danach", einsetzen. So gibt es also auch die-Propheten der entgegengesetzten Meinung, die heute schon wissen wollen, daß die Vorarbeiten für die Reform (auch bei den Besatzungsbehörden) allenfalls zum Frühjahrstermin abgeschlossen sein, könnten, daß man aber "voraussichtlich" erst im Herbst, nach Einbringen der Ernte, handeln könne. Denn es müsse Rücksicht auf den Betriebsmittelbedarf der Landwirtschaft genommen werden, der nicht allein aus Krediten (und aus dem Milchgeld !) Zu finanzieren wäre ...

Wie dem auch sei: fest steht jedenfalls, daß die Besatzungsmächte die Entscheidung über (und damit die Verantwortung für) den Zeitpunkt wie auch über (und für) das Verfahren haben. Ebenso ist klar, daß sie zunächst die Meinung der zuständigen deutschen Stellen zu beiden Punkten, genau präzisiert, zu hören wünschen.

In der Frage des Verfahrens besteht für eine – ganze Reihe "technischer" Punkte bereits eine weitgehende Übereinstimmung. So etwa, daß Giralgeld und umlaufendes Geld (einschließlich Scheidemünzen und Besatzungsmark) grundsätzlich gleichartig zu behandeln sind. Weiter, daß nach erfolgter Einzahlung des umlaufenden Geldes eine Blockierung der Konten – ob nun zu 80, zu 90 v. H. oder total, darüber gehen die Meinungen noch sehr auseinander – vorzunehmen sei. Ein solches "Einfrierenlassen" verdient jedenfalls den Vorzug vor der anderen möglichen Lösung, der Abwertung i. e. S. mit dem "Herunterstempeln" der Werte. Fast allgemein anerkannt ist nun auch die Grundidee des (von uns so genannten) Planes "K", den wir, unter der Überschrift "So etwa könnte das ausschen" vor Jahr und Tag schon – als einzigen Währungsplan übrigens – in der "Zeit" kurz skizziert haben. Er schlägt die Umwandlung der gesperrten-Guthaben in Kriegsschuldenzertifikate des Reichs vor. Diese "nachträgliche" Kriegsanleihe (oder "Kriegsverlustanleihe") soll, ebenso wie alle anderen verbrieften Forderungen an das Reich, beim Lastenausgleich im vollen Nennbetrag anrechnungsfähig sein.

Daß ein solcher Lastenausgleich erfolgen muß, bei dem der Sachwertbesitz grundsätzlich nicht milder als der Geldbesitz zu behandeln ist, wird gleichfalls wohl allgemein anerkannt. Über die sehr weitgehenden Konsequenzen einer solchen Maßnahme wird merkwürdigerweise in der öffentlichen Diskussion kaum gesprochen. Tatsächlich bedeutet der Lastenausgleich einen New Deal deutscher Prägung, bei dem insbesondere das sogenannte arbeitslose. Einkommen weitgehend oder sogar (bei einer Totalblockierung der Geldvermögen) völlig verschwinden wird. Die Ausgleichsbelastung der Sachwerte kann ja nicht generell durch eine Vermögensabgabe in natura erfolgen, also durch ein Auseinanderreißen der bäuerlichen, gewerblichen, industriellen Betriebseinheiten. Die Hingabe von effektiven Sachwerten. wird vielmehr die Ausnahme darstellen; in der Regel wird die Ausgleichsbelastung also über den Ertrag des Sachwertvermögens abzuwickeln sein – aber nicht in der Weise, daß die effektiven (oder buchmäßigen) Erträge "weggesteuert" werden, sondern vielmehr derart, daß sich die Abgabe, als eine Art "Sachwertpacht", nach der Ertragsmöglichkeit bemißt.