4. Oktober, 2u CouittgcH im go, Lebensjahr gestorben. A l vor zwei Jahren in London die eigentlich schon 1943 fällig gewesene 300 Jahr Feier de Geburtstages von Jsaac Newton begangen wurde, da lud die Roya! Society als eiazigen Deutschen Max ftanck ein. Der damals 8 8jährige Forscher, <ief <Is Präsident der Kaiser Wilhelm Gesellschaft der Repräsentant der deutschen Wissenschaft gewesen war, "hielt es", wie seine Gattin schreibt, "trotz" Altersbeschwccden für eine Pflicht, diese Ehrung anzunehmen und dadtncfa zur Versöhnung und ¥erständigung der Völker beizutragen". Die Anwesenheit Plancks bei den Newton XerccMenary Maler festgehalten zu werden, denn sie war ein Symbol für einen geistesgeschicfithchen Akt enteil Ranges, das Symbol für die Begegnung zweier Epochen.

Der Forscher Planck hat einen, weiten Weg zurückgelegt: Als der Münchener Student 1875 seinen Universtätslehrer nach den Aussichten der Physik fragt, erfährt er, daß die Physik eine so gut wie vollendete Wissenschaft sei, ein Gedankensystem, in dem alle Erfahrungstatsachen aus einigen wenigen Prinzipien logisch zu deduzieren wären, so wie die Euklidische Geometrie alle Sätze s ein paar Axiomen ableitet " Wohl gäbe es" rzählte Planck " in dem einen oder änderen Winkel noch ein Stäufacheü oder ein Bläschen zu prüfen und einzuordnen, aber das System stehe siemlich gesichert da " Und die weitere Entwicklung schien dieser Prognose recht zn geben. Am tade des 19, Jahrhunderts stand ein System da, Jas man seitherals die " klassische Physik"beseidinet, Durch die von Boltzmann zum Siege geführte enntnis, daß die Wärme weiter nichts sei als Bewegung von Atomen, war die Wärmelehre zu nein Kapitel ckr Mechanik geworden, zur " statjstisdien Mechanik", die sich mit dem Verhalten Atomen befaßt. In ihr erweist sich die spezifische W megröBe "Temperatur" als die LcLchnitt! Jkhe Geschwindigkeit der Atome Daß die Lehre lifff nichts fet ak ein pitel der Mechanik, liegt auf &r Hand. Offe?T fgeaft des aiMd JiAen , daß wir Schwingungen von Körpern, die r T elfell fibertrsen werden, als Ton empfinden, solange ihre Fw ouenn in einnri gewissen Bereich liegen. Das reimte Gebiet der Lichterschemungen, die Ofk, wurde wn 1870 durch Maxwell zu einem Kapitel der Elektrizitätslehre. Danach sollte das Li< fat aus " elektromagnetischen Wellen"bestehen, einem mathematischen "Hirngespinst" von Maxwell, das man erst verstand, als Heinrich Hertz es 1888 tatsädilidh realisierte und die Ätherwellen schuf. So gab es nur noch zwei Disziplinen der Physik: Mechanik und Elektrik. Aber auch diese Gebiete edimolzen immer mehr zu einer Einheit zusammen, ab Lorentz den elektrischen Strom alsBewegung von geladenen Massepunkten, den Elektronen, erkannte und als Lord Kelvin die mechanische Grundeigeuächaft der Materie, ihre Trägheit als eine elektromagnetische Erscheinung, ak Selbstinduktion,erklärte. Die Krönung dieser gewaltigen Synthese, war der Versuch von Hertz, Mechanik Bnd Elektrik in einer einzigen allgemeinen Dynä , mik zu vereinen. Diese Verschmelzung der verschiedenen Disziplinen, cBe auch die Astronomie erfaßte und die gesamte Chemie mehr und mehr einbezog, war möglich geworden durdi der von J. R. Mayer geschaffenen Begriff der Energie, der da gesamte Naturgeschehen,überhaupt, zum " Beispiel auch die Geologie, ja auch die Lebensvorgänge also Biologie und Medizin umfaBte. Jeder Naturvorgang ist mit einer Energieumformunj ver-bnaden. So stand am Ende des Jahrhunderts ein Weltbild der Physik da. Das gesamte Narargegchehen löste sich auf in Bewegung der Bausteine des Weltalk, der Atome und Elektronen uad in Schwingungen des Weltäthers. In der Fto de titdeStimmung des von seinem Fortschritt so überzeugten 19. Jahrhunderts glaubte " man an eine "Vollendung" der Wissenschaft Richtig war, daß es ein Ende war, das Ende einer Epoche, nämläd der Newtonschen Physik. Diese Epoche war auf dem Grunde der Desartesschen Philosophie des mechanistisch deterministischen Weltbildes erwachsen, das in der Physik Newtons seine triumphale wissenschaftliche Realisierung fand. Sogar die Planeten zogen ihre Bahn " nach dem Gesetz, nach dem sie angetreten". Und in dem von Newton geschaffenen Weltbild, das die Einheit und den Charakter der Epoche der klassischen Physik begründete, finden wir alte philosophische Prinzipien, wie das Sprünge). Es gibt im Ablauf des Geschehens keine unvermittelten Änderungen, keine Sprünge, riel mehr gebiert jeder Augenblick den nächsten nach dem Gesetz des Zusammenhanges. Die klassische Physik ist die " Phvjjk des Kontimnims". Wenn das von Newton begründete Svstem der klassischen theoretischen Physik am Ende des 19. Jahrhunderts tatsächlich vollendet war, dann h; eB dies, laß maßjede physikalische Erscheinung aus den allgemeinen Prinzipien heraus berechnen könne, sofern eine die Mathematik nicht im Stich Heß, Diesen Optimismus hatte man durchaus, und so " griff eines Tag eg der ordentliche Professor für theoretische Physik in Berlin, Max Planck, das Problem an, das "Spektrum" zu berechnen, das heiörjenes Farbenband, das wir zum Beispiel im Regenbogen erblicken ( Was hätte Goethe, dazu gesagt?) Es- entsteht dadurch, daß dje verschiedenen Farben, die im Lichtstrahl vereinigt sind, beim Durchgang durch Weropfen oder Glasprismen i?i der Reihenfolge ihre Schwingungsrhythmus nebeneinandergelegt "werden: das schnell schwingende Violett kommt an das eiae Ende,da% langsam vibrierende Rot an das andere " Lichtwellen sind, Radiowellen. Wenn ein Atom Licht ausstrahlt, eo muB es ein Sender sein. Wie eine, schwingende Sake Wellen in der Luft erzeugt, so der Sender Wellen im Äther. Experimentelle Tatsachen führten zu der Vorstellung, daß ia den Atomen der leuchtenden Materie Ekktrizitäföi atome, Elektronen, Bendeln, also Sendeantennen des Lichts sind. Elektronen- sind Masseteilchen. Ihre Bewegung ist also, nach den Vorstellungen der mechanischen Wärmetheorie: Wärme. Schnelle Bewegung, das heißt violettes Licht, bedeuterhohe Temperatur, längsame Schwingungen, das heißt rotes Licht, bedeuten niedrige Temperatur; In der Tat sehen wir wenn wir etwa Kohle erhitzen und das von ihr ausgehende Licht durch ein, Prisma auseinanderbfeiten, zunächst nur rotes Licht: Rotglut. Mit steigender Temperatur kommen dann die Farben de? Regenbogens vom roten Ende her nacheinander heraus. Sind sie alle da, so ergeben sie zusammen im unzerlegten Licht, wie das bloße Auge es sieht,weiß:" Weißglut. Diese Änderung der Farbenzusammeasetzung des Spektrums glühender Stoffe mit der Temperatur ist ins der be- rühmtesten Gesetze der modernen Physik geworden: das Gesetz der Wärmestrahlung, Auf Grund von immer wieder verfeinerten Messungen ist es zahlenmäßig genau bekannt. Auf Grund von Vorstellungen, die — aus der Entfernung des Laicn gesehen —- in so groben Zügen erscheinen, wie wir sie eben skizziert haben, versuchte nun der theoretische Physiker Max Planck aus den Prinzipien der klassischen Physik das Wärmestrahlungsgesetz logisch, das heißt in der Physik mathematisch,abzuleiten. Zu dieser Deduktion, einer mit nie nachlassender Zähigkeit sich über Jahre erstreckenden Arbeit von äußerster wissenschaftlicher Präzision, mußten alle Prinzipien der Physik herangezogen werden: die Bewegungsgesetze, die beiden Hauptsätze der mechanischen Wärmelehre und die Maxwellschen Gleichungen. Würde Max Planck diese Deduktion wirklieh durchführen können, so würde damit das Wärniestrahlungsgesetz zum Probierstein der ganzen Systeme der klassischen Physik." Und Planck führte diese Deduktion durch l Damit war die Stunde der Entscheidung gekommen., Stimmte seine aus den Voraussetzungen der klassischen Formel mit den Tatsachen, den Messungen der Wärmestrahlung,überein? Nein — die Entscheidung fiel negativ aus —"klassisch" war das Wärmestrahlungsgesetz nicht zverstehen. Planck änderte die Formel so, daß sie die Tatsachen richtig wiedergab, er paßte sie ihnen an. Aber was bedeutete diese Plancksche Former? Was mußte an den Prinzipien des Systems der klassischen Physik geändert werden, damit man dieses Gesetz verstehen könne? Die Minierarbeit des Plandkschen Geistes löste dieses Problem. Am 14. Dezember 1900 teilte Planck die Lösung mit. Sie war sehr tiefgehend; sie rührte an die allumfassende Größe der JNatur, an die Energie. Planck entdeckte, daß die Energie nicht wie eine. Flüssigkeit in beliebig teilbaren Mengen fließt, sondern nur in einzelnen Portionen,brockenweise. Eine Energiemenge besteht auseiner Anzahl von unteilbaren Brocken den Energie Quanten. Oir haben sie uns nicht als räumlich in einem Punkt konzentrierte Klumpen, wie die Atome der Materie vorzustellen; über ihre räumliche Größe wird nichts bestimmt. Diese Vorstellung, der Energieatome war erst eine besondere Theorie, die Einstein 1905 aufstellte ) Da nun jeder. Naturvorgang in einer Energieumsetzung besteht, und diese nur in ganzen Quanten, also zum Beispiel 17 oder 18,nicht" aber 17%,erfolgt, so nimmt damit der Ablauf des gesamten Natur geschehen den Charakter des Unstetigen, Diskontinuierlichen an: dieNatur macht Sprünge, ja sogar nur Sprünge. Wir entdecken, daß die Welt überhaupt ein Film ist, der aus einzelnen Bildern besteht, und diese Bilder bestsehen aus einzelsen Atomen. Das räumliche und zeitliche Kontimium unserer Erlebniswelt ist nur ein Schein, so wie der Film trar ein Schein ist So wird durch Planck die Naturgesetzlichkeit der klassischen Physik ak letzte innerste Gesetzmäßigkeit der Natur aufgehoben. Das heißt nicht, daß die klassische Physik "gestürzt"sei. In der Geschichte der exakten Er keantnis gibt es keine Stürze, sondern nur yorwärteschreitende Entwicklung, Erweiterung, die das Alte in sich schließt. Die klassische. Physik bezieht sich auf die Erfahrungswelt unserer Sinne! die ist ihr Gegenstand. Im Fortschritt der Erkenntnis sin d wir aber nun näher an ihr Weltbild herangetreten und erkennen, daß es überhaupt ein Mosaik ist, daß hinter dem Kontinuum das DKkontinuum der Atome und der Energiecjuanten liegt.

Mit dem Glockenschlag des neuen Jahrhunderts beginnt das Zeitalter der Quantenphysik. Welche Gesetzmäßigkeit tritt in ihr an die Stelle der Differentialgleichung? Was hält die Welt "im Inneren" zusammen, <Ja dieses Band gerissen ist? AI das "Innere der- Natur" haben sich die Atome erwiesen. Die Frage ist also: Nach welchen Geset~zen wirken und ändern sich die Atome? Da es nur sprunghafte Veränderungen gibt, ist für das Atom nur eine Reibe einzelner voneinander verschiedener Zustände möglich, und se :ne "Veränderung" besteht darin, daß es von einem Zustand in den anderen "springt". Das "Sein" siegt ober das "Werden", Parmenides über Heraklit. Di Frage nach dem "innersten" Weltgesetz nimmt ako die Form an: Nach welchen Gesetzen springen die Atome? Die Antwort, die die Quantenphysik darauf erteilt läutet: Das wissen wir nicht; iaa werden wir auch nie wissen können. Denn wenn wir die Atome beobachten — unddas können wir nicht ohne das Licht —, so zerstören wir damit dea Zustand, den wir beobachten wollen.

So überläßt die Quantenphysik die Veränderung des Atoms dem "Zufall" Sie bleibt bei den beobachteten Naturgesetzen stehen, die sich immer auf das durchschnittliche Verhalten großer Atom häufen beziehen nd lehnt die Frage nach dem "dahinterstehenden "inneren" Gesetz ab. Es hat auch keinen Sinn, sich die Welt des Atoms mit Vorstellungen zu deuten, die der Welt unserer Erfahrung entlehnt sind. Solche Atommodelle sind Krücken unserer Erkenntnis, auf die tjpser schwacher Geist angewiesen ist, aber sie sind nicht die Wahrheit. Der einzige Weg, der weiterführt, wo die Vorstellung versagt, ist die Mathematik, ™ Die Anerkennung des Zufalls in der Quantea physik ist das Ende des mechanistkeh determinl stischen Weltbildes, das das logische Muß des Geistes in die Natur verlegt hatte. Mit dem von def Physik selbst ausgesprochenen Verzicht auf die Er kenntnis eines letzten inneren Weltgesetzes, an di die Newtonsche Physik glaubte, hat sie die Grenzen der exakten Naturerkenntnis abgesteckt. Das , aber, was von der Physik aus gesehen Zufall ist, das ist von einer anderen Seite her betrachtet "Schicksal!, "Leben" oder auch "Gott". So ist Planck da Ende von Descartes.

Newton und Planck — zwei Epochen in der GeMcfetr der exakten Wissenschaften.