Von Wilhelm Backhaus

Man weiß es im allgemeinen zu schätzen, wenn ein bedeutender Mensch der Vergangenheit, der in der Erinnerung der Gegenwart auftaucht, den gegenwärtig obwaltenden Begriffen von Gut und Böse zu seinen Lebzeiten auf eine sympathische Weise entsprochen hat; man weiß es zu würdigen, wenn er etwa schon damals eine demokratische Gesinnung, Abneigung gegen den Nationalismus, christliche Friedfertigkeit und Verachtung derMacht gezeigt hat. Leider liegen die Dinge bei Nikolaus Frederik Severin Grundtvig gerade in diesen Punkten wesentlich anders. Und man könnte sich wohl vorstellen, daß die vielen Gedächtnisartikel, die zu seinem 75. Todestag am 2. September termingemäß hätten geschrieben werden müssennach kurzer Prüfung der Sachlage wegen Grundtvigs völlig unzeitgemäßen Charakters ungeschrieben geblieben sind. – Doch die Zurückhaltung war nicht ganz angebracht. Denn in dem Wollen und Wirken des großen dänischen Nationalpädagogen finden sich trotz allem Erkenntnisse, Grundsätze, Leistungen – allerdings mehr die Gestalt als den Gehalt, die Methode mehr als die Substanz betreffend die angesichts unserer pädagogischen Sorgen von heute von höchst bemerkenswerter Aktualität sind und ihn sogar zu einem Richtmaß bei dem großen Erziehungsproblem. der deutschen Gegenwart machen können, insoweit nämlich, als wir uns einmal überlegen mögen, worin wir ihm folgen sollten und worin nicht

Wer Grundtvigs Lebenslauf verfolgt, erkennt bald, auch wenn er von den drei-schweren Gemütsumnachtungen nichts weiß, die jenen in großen. Abständen überfielen, daß er hier eine zutiefst problematische seelische Disposition vor sich hat: eine Individualität mit den heftigsten inneren Spannungen, wie sie so oft Motor des Außerordentlichen, Genialen, allerdings auch Gefährlichen sind In seiner Sucht zu polternd-brutaler Vergrößerung und seiner Leidenschaft, geistige Abneigungen oft zu schmähendem Haß zu steigern, erinnert Grundtvig durchaus an seinen größeren Feind und Gegenpol, Sören Kierkegaard. Wie dieser entstammte er einem Pfarrhaus, würde selbst Theologe und stürzte in den frühen Mannesjahren in eine schwere religiöse Krise. Aber dann erfolgte – ganz bezeichnend für Grundtvig, als dem mehr Extrovertierten von beiden –, trotz des Jahrzehnte überdauernden Kampfhahnstreites mit der Kirche und ihren offiziellen Lehrmeinungen, eine Stabilisierung seiner inneren Situation und eine Wert-Verlagerung: eine Verlagerung seiner hauptsächlichen Wirksamkeit auf die als brennend erkannten allgemeinen Probleme des dänischen Geisteslebens.

Grundtvig war 1783 geboren. Er erlebte also seine eigentlichen geistigen Entwicklungsjahre in einer Zeit höchster Gefahr für Dänemark; ja, er erlebte schließlich den völligen Niederbruch seines Landes. England hatte Dänemark durch die Angriffe auf Kopenhagen und durch die Wegnahme seiner Flottein die Arme Napoleons getrieben, dessen Sturz schließlich den dänischen Staatsbankrott und den Verlust Norwegens mit sich brachte. Das Nationalbewußtsein wurde dadurch ins Innerste getroffen. Geistig allerdings war Kopenhagen in diesem undin folgenden Jahrzehnten eine der blühendsten Städte Europas, und dies vor allem durch die gewaltige Anregung und Befruchtung, die von der deutschen Klassik und Romantik bei den sehr bedeutenden dänischen Gestern der Zeit bewirkt wurde. Auch Grundtvig hat vollauf unter diesem Einfluß gestanden. Und Herder, Fichte Schelling sind die Erzväter seines Lebenswerks geworden, mag er ihren Einfluß später auch noch so sehr geleugnet haben. Doch zu den folgenschweren negativen Wirkungen, wie sie diedamalige deutsche Geistesfülle gar nicht selten jenseits der Grenzen gezeitigt hat, gehört nun eben die, daß sie schließlich in dem Dänen Grundtvig, gemeinsam mit der nationalen dänischen Krise, einen völligen Umschwung, ein leidenschaftliches Bekenntnis zur Eigenwüchsigkeit des Dänentums und eine haßerfüllte Abneigung gegen alles Fremde, gegen alles Deutsche, das doch eine so große geistige Fruchtbarkeit gebracht hatte, aber auch gegen alles Römisch-Lateinische hervorrief. Dieser Deutschenhaß zu einer Zeit, als Deutschland wirklich das Volk der Dichter und Denker, als es genau so war, wie die Welt es sich später sehnlichst zurückgewünscht hat, war sicherlich weder etwas Gutes noch Vernünftiges. Im Falle Grundtvigs wird indessen besonders deutlich, wie das Gesetz der Nachbarfeindschaft, vor allem der Furcht des kleineren, von dem größeren Nachbarn überwältigt zu werden, auch im kulturellen Leben eine tragische Rolle spielt. Aus solchem Zusammenhang ist es dann auch durchaus plausibel, wenn die Deutschen in dem pädagogischen Begriffsschema Grundtvigs eine entscheidend wichtige Funktion erfüllen, indem sie nämlich das keineswegs zutreffende, aber auch keineswegs immer unzutreffende Gegenbild zu dem Zielbild abgeben, nach dem er den Dänen neuschaffen und formen will. Denn dies ist fortan der Sinn seines Lebens: Dänemark der geistigen Bevormundung zu entreißen, eigene Lebensformen zu entwickeln und zu diesem Zweck eine neue Schule zu schaffen, die nicht, wie die überkommene, auf puren Wissensstoff eingestellte Lateinschule, eine "Schule zum Tode", sondern zu echtem Leben sein soll. So erwuchs Grundtvigs Idee der Volkshochschule, die später nicht nur Dänemark, sondern ganz Skandinavien umgewandelt hat und darüber, hinaus weltgültig wurde.

Allgemein pflegen auch geistige Dokumente sehr zeitgebunden zu sein. Für unsere heutige Einsicht sind daher die vielen Reden und Schriften, in denen Grundtvig. entweder mit werbender Liebenswürdigkeit oder erbittert scharf, um die Errichtung der von ihm als notwendig erkannten "Hochschule für das Volk" kämpfte, geradezu unerträglich wegen ihres überschwenglichen nationalistischen Pathos. Auch sein später in Deutschland aufgegriffener schwärmerischer Volkstumsbegriff wird uns nach gewissen Erfahrungen reichlich problematisch erscheinen. Doch es findet sich daneben ganz anderes und überaus, bedeutsames: Grundkenntnisse. die nicht nur wertbeständig sind, sondern in vielem mit allerneuesten Überzeugungen übereinstimmen, wie sie sich uns erst aus verhängnisvollen pädagogischen Fehlentwicklungen und Irrwegen ergeben haben.

Zunächst: Man darf die Grundtvigsche Volkshochschule nicht mit jenen Abendschulen und Vortragskursen verwechseln, die denselben Namen zu führen pflegen und durchweg der Parole "Wissen ist Macht" gehorchen. Gerade unter Abkehr von dieser Losung, daß Wissen Macht sei, und daß blofe Wissenshäufung allein schon einen erzieherischen Sinn, eine Formung und Bereicherung des Menschen bedeute, sollte nach Grundtvigs Idee die Charakterbildung junger Dänen und Skandinavier in geschlossenen Lebensgemeinschaften von den Volkshochschulen angestrebt werden. Also: was er wollte, war das genaue Gegenteil gewisser Schnellpressen für Halbbildung! Er verwarf das Überflüssige, er hob das Notwendige hervor. Und seine Forderung nach wirklich gestalt- und formgebendem Bildungsgut war die Quintessenz seiner ätzenden, jahrzehntelang wiederholten Kritik an der überkommenen Schule und ihren Methoden.

‚Sie erklären", heißt es, "dem Volke nicht seine natürlicheBeschaffenheit, seine Bedürfnisse und Notwendigkeiten, seine Bürden und sein Glück, seine Freuden und seine Not – das ist doch gerade das worüber wir es in verständlicher Form unterrichten und mit ihm uns unterreden wollen, wenn anders wir es ermutigen, stärken und aufklären; wollen." Alles sollte aufs Praktische im besten und edelsten Sinne, auf ein Handeln in völligerÜbereinstimmung mit dem wesensgemäß und nüchtern geformten Geist, der Land und Volk innewohnt, und aus ihm heraus eingestellt sein. "Schon um des inneren Segens willen sollte man neben der dänischen Hochschule ein Bauerngut betreiben und die Hochschule mit Werkstätten umgeben, in denen allerhand Werke als Musterbetriebe vertreten sind. Für jeden lebhaften Menschen ist es eine Freude, die rasche Bewegung des Menschenlebens in seinen mannigfachen segensreichen Richtungen zu beobachten, die man mit einem Worte Betriebsamkeit nennt. Der Jugend bringt es unberechenbaren Vorteil, wenn jeder sein Gewerbe meisterlich betrieben sieht und die lebendige Mannigfaltigkeit vor Augen hat. auf die verständige Leiter immer die Aufmerksamkeit hinlenken." Gerade aus diesem Gedanken Grundtvigs, der Verbindung von Lehrbetrieb und Praxis, hat sich unter seinen Nachfolgern und Schülern die Institution entwickelt, aus der der Däne, als der modernste, im richtigen Verstände gebildetste Bauer der Welt hervorgegangen ist. Wenn die Zeit kommt, in der der deutsche Bauer, im härtesten Existenzkampf seiner Geschichte stehen wird, und es für ihn heißt, umleren oder zugrunde gehen, dann wird man sich dieses historischen Beispiels entsinnen müssen.