Es war einmal ein Drittes Reich, und während seiner Dauer hatten die Prominenten des Zweiten Reichs Schlimmes zu erleiden. Es gibt heute einen Zustand des politischen Daseins, den man, sofern einem am Wellenzahlen gelegen ist, als "Viertes Reich" bezeichnen könnte, und es läßt sich nicht verkennen, daß nunmehr die Führer des Dritten Reichs übel dran sind. Wer daraus ein Gesetz ableiten will, könnte folgern, daß in einem kommenden "Fünften Reich" die Würdenträger von heute auf die Anklagebank gelangen werden. Derartige Berechnungen sind an so mancher Vorsicht beteiligt, die in der deutschen Politik der letzten zweieinhalb Jahre zu beobachten ist. Tatsächlich gibt es nicht, wenige Deutsche, die sich "lieber nicht exponieren wollen" oder die es vorziehen, daß ihre Namen nicht in einer Parteikartothek verewigt werden. "Vestigia terrent": "Die Spuren schrecken ab", sagt Horaz.

Zu einem erheblichen Teil lassen sich Hemmungen dieser Art auf das Konto einer Herrschaft der Erfolgsmoral und eines entsprechenden Mangels an Zivilcourage verbuchen. Beides gehört zum traurigen Erbe des Dritten Reichs. Man fragt immer noch zuviel nach den möglichen Folgen, zu wenig nach dem inneren Wert des Handelns. Und selbstverständlich berechtigt nichts zu der Annahme, deutsche Politik müsse für immer und ewig so etwas wie eine Blutrachenkette von Terror oder Vergeltung gegen den jeweiligen Vorgänger sein. Der Nazismus wird noch nicht genug als Ausnahmeerscheinung erkannt, als der, hoffentlich, einzige Fall eines Verbrecherstaates in der deutschen Geschichte, der auch nach, seinem Ende noch gewisse Sonderfolgen haben muß.

Aber außer einem Mutdefizit und der Torheit unzulässiger Verallgemeinerungen spielt hier noch etwas Drittes mit hinein: die Frage der Kollaboration. Nach dem letzten Krieg ist in allen Ländern, die Von Deutschland besetzt waren, die resistance verherrlicht, die Kollaboration in Grund und Boden verdammt worden. Unzählige Kollaboration nisten-Prozesse haben stattgefunden und oft zu sehr harten Urteilen gegen die Angeklagten geführt. Der Name Quisling ist zu einem Symbol der Schande geworden. Es gilt als unbezweifelbare Wahrheit, daß jeder Widerstandskämpfer ein Held war und jeder, der mit dem Eroberer zusammenarbeitete, ein Landesverräter und Verbrecher.

Ganz abgesehen von der Frage, ob auch hier zu sehr in Schwarzweiß gemalt worden ist, ob die "Weißen", als ihre Stunde schlug, der Lust an der Vergeltung zu stark nachgegeben haben, hat es zweifellos während des letzten Krieges diesen Gegensatz Widerstand – Kollaboration gegeben. Und es läßt sich auch nichts dagegen sagen, daß dem Widerstand ein positives, der Kollaboration ein negatives Vorzeichen verliehen wird. Kann man hieraus folgern, daß auch in Deutschland, nach einem Abzug der Besatzungsmächte, die Stunde einer inneren Abrechnung kommen muß, daß also auch bei uns, und sei es in noch so ferner Zeit, Zusammenarbeit mit den Siegern bestraft, Widerstand gegen "die Sieger belohnt werden wird? Das wäre immer noch eine Frage der Erfolgsmoral. Aber es könnte darüber hinaus gefragt werden, ob nicht, ganz unabhängig von den Folgen, im heutigen Deutschland recht sein müsse, was in anderen Ländern Europas während der Nazizeit billig war, ob also nicht auch bei uns ein Mann der Kollaboration als Landesverräter, ein Mann des Widerstandes als Held zu gelten habe. Das ist eine sehr viel ernstere Frage, mit der zugleich das Problem aufgerollt Wird, ob es in der Politik zweierlei Recht geben darf, oder ob nicht vielmehr das über den Geschehnissen schwebende Recht immer das gleiche bleibt, ohne Rücksicht auf den Wechsel der Machtverteilung. Gerade weil die Sehnsucht nach dem einen und einheitlichen Recht heute in vielen Deutschen schmerzlich, lebendig ist, muß das heikle Thema der Kollaboration angeschnitten werden. Es kann für unsere geistige und sittliche Gesundheit nicht vorteilhaft sein, wenn sich hier irgendwelche Nebel ansammeln.

Beide Fragen, die nach den möglichen Folgen und die nach dem inneren Wert der Kollaboration, gehen von der Annahme aus, daß unsere heutige Lage der Situation anderer europäischer Staaten während des Krieges entspricht, aus dem einfachen Grunde, weil es sich beidemale um von einem Sieger eroberte und besetzte Länder handelt. Nur aus einem gleichen Tatbestand könnten die gleichen Folgerungen gezogen und die gleichen Bewertungen von Kollaboration und – Widerstand abgeleitet werden. Alles hängt somit davon ab, ob die Voraussetzung des gleichen Tatbestandes zutrifft.

In Wahrheit ging die Verdammung der Zusammenarbeit in der Kriegszeit von der unbedingten Widerrechtlichkeit der Eroberung und Besetzung aus. Hitlers Krieg war ein machtsüchtiger und rechtloser Angriffskrieg. Das kann in Deutschland, wo der falschen These der Kollektivschuld in zunehmendem Maße die ebenso falsche Gegenthese einer Kollektivunschuld entgegengestellt wird, nicht scharf genug betont werden. – Die gesamte ,,Arbeit" des Nazistaates in den unterworfenen Ländern war, ihrem Ursprung und ihrem Wesen nach, heilloses Unrecht, und deshalb war jedes Mitwirken an solchem Unrecht, jede Zusammenarbeit der Bürger dieser Länder mit dem Eroberer, gleichfalls Unrecht. Die Kollaboration war zu verurteilen, weil niemand sich zum Schaden des eigenen Landes mit einer fremden Macht zu deren Vorteil verbünden darf, und weil tatsächlich jeder größere oder kleinere "Quisling" während des Krieges ein solches Bündnis mit dem Sieger geschlossen hatte. Sie war also ein abgeleitetes Verbrechen, das auf dem ursprünglichen Verbrechen des Eroberers beruhte. Außerdem aber hatten Kollaboration und Widerstand eine wesentliche, rein tatsächliche Bedeutung. Da nämlich keins der besiegten Länder jemals das letzte gegen Hitler kämpfende Land war, da vielmehr immer unbesiegte Bundesgenossen im Felde standen, bedeutete jede Kollaboration, eine Schwächung, jeder Widerstand ein Stärkung der gemeinsamen Sache. Auch die kleinste Sabotage, die geringfügigste Partisanenaktion, wie sinnlos sie auch gegen weit überlegene Gewalt auf einem begrenzten Schauplatz erscheinen mochten, hatten im Rahmen des Ganzen immer noch die Bedeutung, dem Feind zu schaden. Die résistance gewann erst durch diese Tatsache der Mitkriegführung ihren praktischen Wert.

Dies alles zeigt, daß die heutige Lage Deutschlands keineswegs dasselbe ist wie die Lage der von Deutschland besiegten Länder während des Krieges. Die Annahme eines gleichen Tatbestandes beruht auf einem fundamentalen Irrtum. Zwar wurde auch